Mercedes 300 d Marco Polo 4Matic: Fahrbericht
Ein gelungener Camper? Mercedes 300 d Marco Polo 4Matic im Test

AUTO BILD REISEMOBIL hat den Mercedes 300 d Marco Polo 4Matic unter die Lupe genommen. Der Camper ist eine kleine Revolution.
Bild: Noel Simert
- Fabian Hoberg
Es klingt wie ein Krach nach einer langen, langen Ehe. Nach über 40 Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit trennten sich Anfang des Jahres Westfalia und Mercedes. 1984 läuft der erste Marco Polo auf Basis des "Bremer Transporters" vom Band, seit 1996 auf Vito- sowie Viano-Basis und seit 2015 auf der kompakten V-Klasse.
Die bisher gebauten Marco Polo und Marco Polo Horizon auf der V-Klasse entstehen nun aber nicht mehr beim Camper-Spezialisten Westfalia in Rheda-Wiedenbrück, sondern im Mercedes-Sprinter-Werk im brandenburgischen Ludwigsfelde. Aus und vorbei. Autsch. Um künftig flexibler und schneller arbeiten zu können, hat Mercedes eine neue Produktionshalle am Standort Ludwigsfelde errichtet.

Mit einer Länge von 5,14 Metern fährt sich der Marco Polo fast wie ein Pkw, bietet dazu Camping-Komfort für zwischendurch.
Bild: Noel Simert
Künftig soll dort eine mittlere fünfstellige Zahl an Fahrzeugen auf Basis der V-Klasse umgebaut werden. Während die V-Klasse weiterhin im spanischen Vitoria produziert wird, erfolgt der Campingausbau in Ludwigsfelde. Dort entstehen Küche, Möbel, Elektrik und Dach erstmals unter dem Stern. Mercedes verspricht sich davon eine höhere Fertigungsqualität, kürzere Lieferzeiten und eine engere Verzahnung zwischen Fahrzeug- und Campingentwicklung.
Damit übernimmt Mercedes erstmals die volle Verantwortung – vom Rohbau der V-Klasse bis zum fertigen Camper. Entsprechend interessant ist die Frage: Wird der Marco Polo dadurch besser? Oder verliert er ein Stück seiner Seele?
Keine modischen Experimente
Optisch hält sich Mercedes bewusst zurück. Schließlich gehört der Marco Polo seit Jahren zu den elegantesten Camper-Vans auf dem Markt. Statt kantiger Wohnmobil-Optik setzt er weiterhin auf die zurückhaltende Formensprache der aktuellen V-Klasse. Mit knapp zwei Meter Höhe bleibt er parkhaustauglich, man kann ihn im Alltag mit seinen 5,14 Meter Länge problemlos als Familienauto nutzen. Vier Plätze zählen zum Standard, eine weitere Zweierbank oder ein Einzelsitz lassen sich ordern.

Das Aufstelldach bietet Stehhöhe, eine weitere Schlafmöglichkeit und durchflutet den Innenraum mit Licht und Luft. Obendrein bietet es mehr Fußfreiheit als bisher.
Bild: Noel Simert
Erst auf dem Campingplatz zeigt der Marco Polo seine zweite Persönlichkeit. Ein Knopfdruck über die Marco-Polo-App auf dem Smartphone genügt, und das elektrohydraulische Aufstelldach fährt nach oben und schafft im Obergeschoss ein Doppelbett. Die neue Aluminium-Doppelschale bietet nun zehn Zentimeter mehr Fußfreiheit und kommt auf 37 Zentimeter.
Klingt nach wenig, macht aber beim Schlafen einen großen Unterschied. Ebenso wie die neue Ambientebeleuchtung im Dachzelt und im Wohnraum. Auch sie ist bequem übers Handy steuerbar. Praktisch für alle Waschstraßennutzer oder Alltagsfahrer: Die Markise lässt sich nun mit ein paar Handgriffen leicht abnehmen, die Kurbel in der Markisenhalterung verstauen.
Innen der klassische Aufbau
Die Grundkonzeption bleibt erhalten: Vier Schlafplätze, eine komplett ausgestattete Küchenzeile mit zweiflammigem Gaskocher, Spüle und rund 40 Liter großer Kompressor-Kühlbox gehören zur Serienausstattung. Der Kühlschrank kühlt nun um ein Viertel effizienter, was die Autarkie erhöht. Zahlreiche Schränke und Staufächer neben und unter der Spüle nehmen Kochutensilien, Besteck und Lebensmittel auf.
Technische Daten: Mercedes 300 d Marco Polo 4Matic
Technische Daten | Mercedes 300 d Marco Polo 4Matic |
|---|---|
Motorisierung | Vierzylinder-Turbodiesel OM 654 |
Leistung | 174 kW (237 PS) bei 4200/min |
Hubraum | 1950 cm³ |
Drehmoment | 500 Nm bei 1600–2400/min |
Höchstgeschwindigkeit | 214 km/h |
Getriebe/Antrieb | 9G-Tronic / permanenter Allrad |
Tankinhalt/Kraftstoffsorte | 70 l / Diesel |
Länge/Breite/Höhe | 5,14 / 1,93 / 1,99 m |
Radstand/Bereifung | 3200 mm / 245/45 R 19 |
Masse fahrbereit/Zuladung | ca. 2550 / 650 kg |
Anhängelast (gebremst/ungebremst) | 2500 / 750 kg |
Außenmaterial | Stahl / Alu |
Isoliermaterial Wand/Dach/Boden | Terophon / Polyurethanschaum / Holz + HPL |
Liegefläche Dach L x B | 2,05 x 1,13 m |
Liegefläche Heck L x B | 2,03 x 1,13 m |
Innenhöhe/-breite max. | 1220 mm bei geschlossenem Dach / bis zu 2120 mm bei geöffnetem Dach / ca. 1750 mm Innenbreite |
Kühlschrank | 40 l |
Herd | 2-Flammen-Gaskocher |
Bordbatterie | 92 Ah |
Frisch-/Abwassertank | 38 / 40 l |
Gasvorrat/Heizung | 1 x 2,75 kg / Warmluftzusatzheizung |
Grundpreis/Testwagenpreis | 85.860,88 Euro / – |
In den kleinen Schrank mit Kleiderstange links neben der Spüle passt weiteres Gepäck, der Innenspiegel hilft bei Bedarf beim perfekten Lidstrich. Die Schubladen, eine große und zwei kleine, fühlen sich wertig an, nichts klappert oder stockt beim Ausziehen oder Einfahren. Die unteren Fächer lassen sich über seitliche Klappen schließen – so steht nichts im Wege.
Auch der Tisch fällt robuster aus. Einfach nach vorne schieben, Fuß ausklappen, arretieren und wackelfrei essen oder arbeiten. Arbeiten? Warum nicht? Angesichts der vielen 230-Volt-, 12-Volt- und USB-Steckdosen, der kühlen Getränke im Kühlschrank, der bequemen Sitzbank und der Stehhöhe bei ausgeklapptem Schlafdach eignet sich der Marco Polo auch mal als mobiles Büro. Denn im Innenraum verwandeln sich Sitzbank und Tisch in wenigen Handgriffen zum Wohn- oder Arbeitsraum.

Auf der 2,05 x 1,13 Meter breiten Matratze im Aufstelldach hat eine Person ausreichend Platz, bei zwei Personen wird es aber kuschelig.
Bild: Noel Simert
Die Drehsitze im Fahrerhaus schaffen gemeinsam mit der verschiebbaren Rückbank und dem Klapptisch einen überraschend großzügigen Wohnraum. Wer unten entspannen oder schlafen möchte, fährt kurzerhand die beiden hinteren Sitze elektrisch per Knopfdruck nach hinten. So entsteht schnell eine 2,03 x 1,13 Meter große Liegefläche. Praktisch halten nun magnetische Elemente den Innenraum dunkel.
Einfach die passende Verdunklung vor die vorderen Scheiben halten, und "klack" bleibt sie auch hängen. Keine nervige Fummelei mehr. Schade nur, dass das Aufstelldach für das 2,05 x 1,13 Meter große Doppelbett nicht verdunkelt werden kann.
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Wer im Sommer in luftiger Höhe schläft, sollte besser eine Schlafbrille tragen – lichtempfindliche Camper wachen sonst ab fünf Uhr auf. Optional bietet Mercedes eine Panoramaöffnung und ein Glasschiebedach für den ungehinderten Blick in den Sternenhimmel an. Vor allem abends spielt der neue Marco Polo seine Reize aus: Mit der neuen Ambientebeleuchtung lässt sich der Camper deutlich wohnlicher gestalten als vorher. Und als akustische Untermalung sorgt ein Soundsystem mit acht Lautsprechern und Subwoofer für einen satten Sound.
Besonders cool: Wie schon beim Vorgänger nivelliert sich der Marco Polo im Stand über die Luftfederung selbstständig aus: Motor laufen lassen, Getriebe in Parkposition stellen und die Taste mit der Kamera links neben dem Touchfeld gedrückt halten. Innerhalb weniger Minuten erreicht der Mercedes dann seine ausgeglichene Position. Zentrale Schaltstelle bleibt das Mercedes-Benz Advanced Control System (MBAC).

Mercedes-typische Sitzposition und aufgeräumtes Cockpit mit intuitiver Bedienung.
Bild: Noel Simert
Über das 12,3-Zoll-MBUX-Display oder eine Smartphone-App lassen sich Dach, Innenbeleuchtung, Batteriestatus, Frischwasser, Kühlbox und Standheizung steuern. Neu hinzu kommen zusätzliche Lichtfunktionen sowie eine modernisierte Benutzeroberfläche.
Fahren ist einfach ein Genuss
Schon nach wenigen Kilometern wird klar: Der Marco Polo bleibt in erster Linie ein Mercedes. Unser Testwagen 300 d mit 237 PS schiebt den knapp 2,6 Tonnen schweren Camper souverän an. Der Vierzylinder-Diesel entwickelt bereits bei niedrigen Drehzahlen kräftiges Drehmoment und harmoniert sehr gut mit der 9G-Tronic. Die automatischen Gangwechsel erfolgen praktisch unmerklich.
Klar, Fans trauern immer noch dem alten Sechszylinder nach, der weicher klingt, noch stärker und souveräner arbeitet – aber eben auch nicht die aktuelle Abgasnorm schafft. Insgesamt bietet Mercedes drei Motorvarianten an, vom 220 d (163 PS) über den 250 d (190 PS) bis zum 300 d (237 PS). Alle Motoren lassen sich mit dem Allradantrieb 4Matic kombinieren. Besonders auf langen Autobahnetappen zeigt der Marco Polo seine Stärken. Das Fahrwerk bleibt auch bei 130 km/h angenehm ruhig, Seitenwindempfindlichkeit hält sich trotz Aufstelldach in Grenzen, und die Geräuschdämmung erreicht nahezu Pkw-Niveau.
Auf kurvigen Landstraßen überrascht der Mercedes mit einer Präzision, die man in dieser Fahrzeugklasse kaum erwartet. Natürlich spürt man Gewicht und Höhe, doch die Lenkung arbeitet direkt und vermittelt stets Vertrauen. Allerdings irritiert im Vergleich zum Pkw das hohe Sitzgefühl. Der Pilot sitzt nicht "im" Auto, sondern gefühlt auf ihm, schaut von oben auf den digitalen Tacho und das große 12,3-Zoll-Display in der Mitte.
Hat man sich daran gewöhnt, lassen sich Navi, Klima und Entertainmentsysteme einfach bedienen, per Tasten oder über die Sprachsteuerung. Mercedes wäre nicht Mercedes, wenn es seine Testwagen nicht mit allen zur Verfügung stehenden Assistenten ausstatten würde. Kleiner Auszug: Fahrlicht, Abstand, Bremse, Totwinkel, Spurhaltung, Aufmerksamkeit, Parken, Fernlicht und Pre-Safe. Letzteres erkennt Gefahrensituationen und leitet vorsorglich Maßnahmen zum Insassenschutz ein.

Dank eines neuen Thermomanagements soll der 40-Liter-Kompressor-Kühlschrank um ein Viertel weniger Energie benötigen als vorher.
Bild: Noel Simert
Angenehm fällt das aktuelle Assistenzpaket auf. Der adaptive Tempomat hält zuverlässig Abstand, der Spurhalteassistent arbeitet unauffällig, und die 360-Grad-Kamera erleichtert das Rangieren erheblich. Gerade auf engen Campingplätzen möchte man auf diese Helfer kaum verzichten. Wer den optionalen Allradantrieb wählt, gewinnt zusätzliche Reserven auf nassen Wiesen oder Schotterpisten. Zu einem Geländewagen macht das den Marco Polo zwar nicht, für typische Campingplätze reicht die Traktion jedoch aus.
Aktiv und präsent
Mercedes hat den Marco Polo nie als klassisches Wohnmobil verstanden. Er richtet sich an Menschen, die spontan unterwegs sein möchten.
Freitagabend Feierabend, Fahrräder auf den Heckträger, Kühlschrank füllen und losfahren – genau dafür ist dieser Camper gebaut. Seine größte Stärke bleibt die Kombination aus Alltag und Freizeit. Morgens dient er als Familienvan oder Business-Shuttle, abends steht er am See oder in den Bergen. Dabei profitiert der Marco Polo von seiner Pkw-Technik.
Er fährt sich souveräner als viele klassische Camper, bietet hochwertige Materialien und vermittelt den Komfort einer gehobenen Limousine. Den Marco Polo gibt es ab 68.051 Euro, den abgespeckten Horizon mit Aufstelldach ab 56.970 Euro. Ob die Entscheidung, den Ausbau künftig selbst zu übernehmen, richtig war, lässt sich nach einer ersten Testfahrt noch nicht abschließend beurteilen. Die Verarbeitungsqualität wirkt sehr gut, viele Detailverbesserungen sind sinnvoll, und die Integration der Campingtechnik gelingt harmonisch. Ob Mercedes allerdings die legendäre Langzeitqualität erreicht, für die Westfalia jahrzehntelang stand, muss erst der Alltag zeigen.
Fazit
Der Marco Polo verbindet Reisemobil und Alltagsauto auf überzeugende Weise. Der Benz fährt sich komfortabel wie ein Pkw, bietet mit Küche, Schlafplätzen und Aufstelldach alles, was man für den spontanen Campingtrip braucht. Damit bleibt der Marco Polo ein kompakter Reisebegleiter für alle, die Freiheit, Komfort und Alltagstauglichkeit miteinander verbinden wollen.
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