Mercedes-AMG CLE 646: Fahrbericht
646 PS, V8 und Heckantrieb: AMG dreht völlig frei

Er hat einen Ruf wie Donnerhall und lässt so ziemlich jeden anderen Benz brav und bieder aussehen. Mit dem 646 findet AMG wieder zu sich selbst. Aber die Sache hat einen Haken. Streng genommen sogar drei.
Bild: Mercedes
Von wegen Boulevard-Bolide. Bislang mag die AMG-Version des Mercedes CLE vielleicht ein bisschen unter dem Radar geflogen sein. Denn so athletisch das Coupé auch dahergekommen sein mag und so sehr es nach Muscle Car aussieht, so sehr hat es die Fans mit seinem Antrieb enttäuscht, weil sechs Zylinder in dieser Liga einfach zu wenig Sex-Appeal haben.
Aber damit ist jetzt Schluss, und AMG kontert die Kritiker mit einer vollen Breitseite. Und das kann man wörtlich nehmen. Denn wer zum ersten Mal einen Blick auf den 646er Spezialanfertigung wirft, wähnt sich im neuesten Batman-Film, so breit und böse steht das vom Beau zum Biest aufgerüstete Coupé jetzt da.
Kein Wunder, schließlich haben sie ihm in Affalterbach ein Carbonkleid geschneidert, das eher Kampfanzug ist als Haute Couture: der Bug breit, die Haube zerklüftet, die Kotflügel über den geschmiedeten 20-Zöllern so gespannt wie Schwarzeneggers T-Shirt in seinen Zeiten als Mister Universum, auf dem fetten Heck ein Flügel, der einer ganzen Schoppenschicht als Theke dienen könnte – soo sieht es aus, wenn ein paar Vollgas-Enthusiasten dem politisch korrekten Rest der Welt den Mittelfinger entgegenrecken.

Der Flügel am Heck ist riesig, der Auftritt des 646 noch größer.
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Gesehen haben wir das alle schon, schließlich hat AMG den Wagen mit freundlicher Unterstützung des Formel-1-Teams im September am Rande des Grand Prix in Madrid enthüllt. Doch jetzt endlich dürfen wir das auch hören und fühlen. Denn passend zur Halloween-Saison hat AMG sein Monster jetzt im Schutz der Dämmerung schon mal auf die Teststrecke nach Immendingen gelassen und uns damit in einer kühlen Herbstnacht kräftig eingeheizt.
Endlich wieder ein V8
Andere Geister haben da keine Chance mehr. Denn der CLE brüllt alles und jeden nieder. Schließlich steckt unter dem offenherzigen Carbondeckel jetzt endlich wieder der V8-Motor, der zu AMG gehört wie das Wappen von Affalterbach auf der Haube. Vier statt drei Liter Hubraum, 646 statt 449 PS und 850 statt 560 Nm – und vor allem endlich wieder eine Seele!
Bullig brummt er auf, schickt ein tiefes Bellen über die düsteren Höhen des Schwarzwalds und vertreibt mit jeder weiteren Umdrehung mehr von den dunklen Gedanken, die einem Autos wie die Plug-in-Hybriden für den C 63 oder der elektrische AMG GT in den Kopf gesetzt haben.
Fahrmaschine statt Boulevard-Coupé
Es ist aber nicht nur der Motor, der den Unterschied macht, selbst wenn dir schon beim ersten Gasstoß eine Gänsehaut übers Trommelfell wandert und du das Grummeln bis tief in den Magen spürst. Sondern ganz nebenbei haben die Schwaben auch noch den Allradantrieb rausgeworfen, stattdessen ein Sperrdifferenzial an die Hinterachse geschraubt und auch noch ein Gewindefahrwerk eingebaut.

Der Innenraum zeigt, was den 646 ausmacht: maximale Konzentration aufs Fahren.
Bild: Mercedes
Das Ergebnis ist eine brachiale Fahrmaschine, die wie eine Dampfwalze auf Speed über die Rennstrecke bügelt. In 3,9 Sekunden erreicht sie Tempo 100, nach 11,4 Sekunden steht der Tacho bei 200 km/h. Und wenn die Gerade lang und der Mut groß genug sind, jagt die Spezialanfertigung mit bis zu 310 km/h gen Horizont.
Schon da bekommst du am Steuer große Augen und hast den Mund sperrangelweit offen. Doch wenn danach die erste Kurve kommt, du beim Bremsen in den Gurt knallst, dass es dir auch noch die letzte Luft aus den Lungen presst, und du den Kraftprotz dann mit Schnappatmung und eisernen Oberarmen durch die Kurven zwingst, dann weißt du, wer hier der Herr im Ring ist. Und wie hart man dafür ringen muss.
Komfort? Fehlanzeige
Vom boulevardesken Komfort des CLE bleibt dabei nicht viel übrig – das Fahrwerk bockhart, die Bremsen schwer dosierbar, aber dafür mit dem Biss einer Bulldogge nach wochenlanger Diät: Der Fahrer ist hier schwer gefordert. Aber immerhin haben sie in Affalterbach niemandem etwas anderes vorgegaukelt – nicht umsonst sind die Komfortsessel für zwei Carbonschalen rausgeflogen, Hosenträgergurte inklusive. Und wo früher mal eine Rückbank war, spannt sich jetzt ein Überrollbügel durch die Karosse.

Die Rückkehr des V8 macht den 646 zum wohl begehrtesten AMG der Stunde.
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So fährst du Runde um Runde und lernst mit jedem Kilometer, dass "Sportwagen" hier nicht nur fürs Auto gilt. Sondern die wachsenden Schweißflecken am Hemd sind ein weithin sichtbarer Beweis dafür, dass auch der Fahrer hier mächtig Sport macht.
Der Haken hat drei Spitzen
So faszinierend der 646 auch sein mag, die Sache hat allerdings einen Haken. Oder genau genommen sogar drei: der erste ist der Preis, der irgendwo bei 800.000 Euro liegen soll. Der zweite ist die Stückzahl, die dafür auf 30 Exemplare limitiert ist. Und der dritte und härteste: Alle Autos sind längst verkauft.

Endlich wieder ein V8: Mit 646 PS, Heckantrieb und brachialem Auftritt bringt AMG den Fans genau das zurück, was sie lange vermisst haben.
Bild: Mercedes
Aber keine Sorge, AMG hat einen kleinen Trost: Die Spezialanfertigung war nur der Anfang, und der neue AMG-Chef Stefan Weckbach will dem V8 auf breiter Front ein Comeback gewähren – auch im CLE. Das wird zwar noch ein bisschen dauern, und ein Schnäppchen wird der auch nicht – aber gemessen am 646 dürfte er halbwegs erreichbar sein. Und vor allem ist er nicht limitiert.
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