Mercedes-AMG GLC 63 S E Performance: Test
Mercedes-AMG GLC 63 mit Vierzylinder – halber Hubraum, ganzer Kerl?
Mercedes-AMG GLC 63 S E Performance im Test
Kein bollernder V8 mehr: Im Mercedes-AMG GLC 63 surrt jetzt ein Vierzylinder mit E-Boost. Reicht das wirklich? AUTO BILD macht den ersten Test.
Bild: AUTO BILD
Es ist schon ungewöhnlich, dass ein Hersteller im Performance-Segment von Acht- auf Vierzylinder umstellt, wenn auch elektrisch unterstützt. Das ist etwa so, also würde Harley-Davidson nur noch hybridisierte Einzylinder anbieten. Die raubeinigen Stammkunden würden wohl in Milwaukee die Möbel zurechtrücken.
Die Gründe für das Extrem-Downsizing liegen auf der Hand: weniger CO2-Ausstoß zumindest unter Laborbedingungen, und Mercedes kann hier seine Formel-1-Erfahrung im Petronas-Team monetarisieren.
Mächtig Power aus zwei Litern Hubraum
Der 2,0 Liter kleine Vierzylinder entwickelt selbst 476 PS. Ihm zur Seite stehen drei Elektromotoren: Der dickste sitzt an der Hinterachse und schiebt im Boostmodus mit 204 zusätzlichen PS an (95 PS Dauerleistung), dazu assisiert ihm ein Startergenerator, und ein kleiner, elektronisch gesteuerter Elektromotor im Turbo bringt dessen Welle samt Verdichterrad vorsorglich auf Touren.

Kraftpaket: Der zwei Liter große Vierzylinder liefert satte 476 PS. Drei E-Motoren steigern die Systemleistung des GLC auf insgesamt 680 PS.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Der Akku im Heck wird während der Fahrt immer wieder aufgeladen. Dieser AMG ist einer der wenigen Plug-in-Hybride, die man nicht an öffentlichen Säulen laden darf – das E-Kennzeichen fehlt.
Fahrzeugdaten
Modell | Mercedes-AMG GLC 63 S E Performance |
|---|---|
Motor Bauart/Zylinder | R4, Turbo, + E-Motoren (PHEV) |
Hubraum | 1991 cm³ |
kW (PS) bei 1/min | 350 (476)/6750 |
Nm bei 1/min | 545/5250 |
E-Motor | Synchronelektromotor |
Spitzenleistung E-Motor | 150 kW (204 PS) |
Dauerleistung E-Motor | 70 kW (95 PS) |
Systemleistung | 500 kW (680 PS) |
Systemdrehmoment | 1020 Nm |
Vmax | 275 km/h |
Getriebe | Neunstufenautomatik |
Antrieb | Allradantrieb |
Testwagenbereifung | 265/40–295/35 R 21 Y |
Reifentyp | Michelin Pilot Sport 4 SUV |
Radgröße | 9,5–10 x 21" |
Abgas CO2 | 170 g/km |
Verbrauch* | 7,5 l/100 km |
Tankinhalt/Batteriekapazität | 65 l/4,8 kWh (netto) |
Kraftstoffsorte | Super Plus |
Vorbeifahrgeräusch | 71 dB(A) |
Anhängelast gebr./ungebr. | 1800/750 kg |
Stützlast | 100 kg |
Kofferraumvolumen | 470–1530 l |
Länge/Breite/Höhe | 4749/1920–2076**/1635 mm |
Grundpreis | 121.856 Euro |
Testwagenpreis (wird gewertet) | 130.306 Euro |
An Technikaufwand wurde hier an keiner Stelle gespart: elektromechanische Wankstabilisierung, Hinterachslenkung, Sperrdifferenzial hinten – viel mehr geht fahrwerkstechnisch nicht. Der Blick auf den M-139-Motor, den stärksten Vierzylinder der Welt, weckt Besitzerstolz: "By Alexandre Miranda" – das Autogramm des verantwortlichen Motorenbauers belegt, dass der Motor tatsächlich noch aus Affalterbach kommt. Statt der 510 PS des Vorgängers gibt es nun 680 PS Systemleistung.
Gewicht konterkaiert technischen Aufwand
Längsdynamisch geht das Kalkül der Ingenieure aber nur untenherum auf: 0–100 km/h in 3,5 (Alter vorher 3,6) Sekunden. Für den Spurt 0–200 km/h brauchte der Vorgänger eine halbe Sekunde weniger: 13,5 Sekunden.

Zwar schlägt der neue GLC 63 den alten im Standardsprint ganz knapp, bis Tempo 200 verliert er aber eine halbe Sekunde.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Das Problem des Neuen ist offenbar das Gewicht von mehr als 2,3 Tonnen, das den ganzen Technikaufwand konterkariert. Und so bleiben als einzige Vorteile die ausgewogene Gewichtsverteilung (der Alte war weit kopflastiger; 56 Prozent vorn) und die Abwesenheit eines Turbolochs. Nur bei etwa 120 km/h haben wir beim Neuen eine minimale Leistungsdelle wahrgenommen.
Messwerte
Modell | Mercedes-AMG GLC 63 S E Performance |
|---|---|
Beschleunigung | |
0–50 km/h | 1,4 s |
0–100 km/h | 3,5 s |
0–130 km/h | 5,5 s |
0–160 km/h | 8,0 s |
0–200 km/h | 14,0 s |
Zwischenspurt | |
60–100 km/h | 1,8 s |
80–120 km/h | 2,3 s |
Leergewicht/Zuladung | 2335/550 kg |
Gewichtsverteilung v./h. | 48/52 % |
Wendekreis links/rechts | 12,5/12,5 m |
Sitzhöhe | 690 mm |
Bremsweg | |
aus 100 km/h kalt | 35,6 m |
aus 100 km/h warm | 34,3 m |
Innengeräusch | |
bei 50 km/h | 58 dB(A) |
bei 100 km/h | 65 dB(A) |
bei 130 km/h | 69 dB(A) |
bei 160 km/h | 71 dB(A) |
Verbrauch | |
Sparverbrauch | 9,1 l SP/100 km |
Testverbrauch Durchschnitt der 155-km-Testrunde (Abweichung zur WLTP-Angabe) | 14,3 l SP/100 km (+91 %) |
Sportverbrauch | 23,0 l SP/100 km |
CO2 (Testverbrauch) | 339 g/km |
Reichweite (Testverbrauch) | 450 km + 13 km elektrisch |
Der bollernde V8 fehlt uns
Unsere Begeisterungsschreie über die irre, fast ansatzlos dargereichte Vortriebskraft würden noch etwas spitzer ausfallen, könnten wir den Vorgänger aus dem Gedächtnis tilgen. Dessen bollernder 4,0-Liter-V8-Biturbo nobelt ja auch in den GT-Beaus von Aston Martin herum. Wo uns der alte Biturbo-V8 auf die Pelle rückt und unter die Haut geht wie ein altes Muscle Car zuzüglich anständigem Fahrwerk, ist der neue ein Fest der Künstlichkeit, vollsynthetisch wie ein Energydrink.
Wobei es auch dafür Fans geben dürfte, denn immerhin sind all seine Telemetrie-Anzeigen aufgemacht wie bei einem professionell aufgebauten Rennfahrzeug: Lenkradwinkel, Sperrgrad der Hinterachse oder Elektromotordrehzahl sind als Graphen zu sehen – wie die Lebensfunktionen eines Intensivpatienten.

Verspielt: Der Zustand des Antriebs lässt sich im Display mit Graphen ablesen, für unzählige Rennstrecken sind Referenz-Daten hinterlegt.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Der eine fragt sich, wer das alles wissen will, der andere hat schlicht Spaß daran – Geschmacksache. Beeindruckend sind sie schon, all diese Graphen wie aus der Kardiologie. Und die sich drehende, holografische Darstellung einer IWC-Uhr mit Stoppfunktion toppt alles. Man hätte aber auch gleich eine echte IWC im Cockpit verbauen können.
Alle erdenklichen Rennstrecken der Welt sind bereits einprogrammiert im Track-Modus, mit Referenzwerten. Eine Launch Control ist auch an Bord, nutzbar ab 50 Grad Getriebetemperatur.
Wertung
Modell | Mercedes-AMG GLC 63 S E Performance |
|---|---|
Karosserie | Platzangebot wie im Serien-GLC. Kofferraum flacher als im Verbrenner. Darf 1,8 Tonnen ziehen. |
4/5 Punkten | |
Antrieb | Plug-in-Hybrid mit Vierzylinder. Motor klingt künstlich, funktioniert aber tadellos. Kein Turboloch. |
4/5 Punkten | |
Fahrdynamik | Strammer Vortrieb bis circa 180 km/h. Die Keramikbremse braucht Temperatur, bis sie greift. Hohe Agilität. |
4,5/5 Punkten | |
Connected Car | Flüssig laufendes Infotainment mit ansprechenden Grafiken und schneller Sprachbedienung. |
5/5 Punkten | |
Umwelt | Durstig, schwer, hoher CO2-Ausstoß. Der Hybridantrieb dient in erster Linie der Performance. |
1,5/5 Punkten | |
Komfort | Straff, aber genug Restkomfort. Gute Serienausstattung. Halt gebende, trotzdem bequeme Sitze. |
4/5 Punkten | |
Kosten | Happiger Kaufpreis, deutlich über dem Vorgänger. Hohe Unterhaltskosten, Wartung jedes Jahr fällig. |
1/5 Punkten | |
AUTO BILD-Testnote | 3+ |
Wie gehabt mit adaptiven Dämpfern, aber ohne Luftfederung – zugunsten des Ansprechtempos – ist dieser Extrem-GLC noch immer sportiv hart gefedert, aber bekömmlicher als der Vorgänger. Ein Eindruck, wohl auch verstärkt durch Schmiedefelgen und Keramikbremsscheiben, die die ungefederten Massen reduzieren und zusammen knapp 6000 Euro zusätzlich kosten.
Bei 121.856 Euro Grundpreis fängt der Spaß an
Der Preis von knapp 122.000 Euro dürfte die Preise des alten GLC 63 S hoch halten. Den gab es noch Anfang 2023 ab 104.000 Euro. Gewaltiger Preissprung, halbierte Zylinderzahl, dabei 280 kg mehr Gewicht – geht das Konzept wirklich auf? Der Testverbrauch liegt bei Alt und Neu etwa gleichauf, bei etwas über 14 Litern/100 km. Und wieder mal stellt sich die Frage nach dem Sinn des Downsizings. Das jüngste Gerücht: In der nächsten Generation will AMG wieder abrücken vom Vierzylinder-Hybridkonzept, die Proteste der trauernden V8-Gemeinde erhörend. Wir bleiben dran.
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