Mercedes-AMG GT 63 4MATIC+ gegen SL 63 4MATIC+: Test
So dicht war lang kein SL mehr an einem echten Sportwagen dran

Bild: Lena Willgalis / AUTO BILD
Es ist alles eine Frage der Perspektive: Die einen sagen, der GT sei nur mehr ein SL mit Dach, die anderen behaupten, der SL sei nun ein offener GT. Falsch liegen beide – und dennoch ist ein Quäntchen Wahrheit dran.
Wir blicken zurück: Bislang standen alle Generationen SL auf ziviler Plattform. Obwohl das Kürzel für "Super-Leicht" steht, ist der SL schon länger ein schwergewichtiger Luxusroadster – erst recht seit mit dem R 230 im Jahr 2001 ein Stahlklappdach eingeführt wurde. Zudem hatte Mercedes über Jahre mit dem SL, dem GT Roadster und dem S-Klasse Cabriolet gleich drei hochpreisige offene Modelle im Angebot. Letzteres ist mit dem Modellwechsel ausgelaufen, aber auch beim SL und dem offenen GT war einiges an Synergie-Potenzial vorhanden. Der R 231 war in Sachen Performance weit vom GT entfernt, dessen offene Version für ein Cabrio eigentlich zu kompromisslos.
Also war das Ziel: Aus zwei mach eins. Mit einer Auslegung, die irgendwo zwischen beiden Modellen liegt – auf ein und derselben Plattform natürlich. Heraus kommen mussten zwei Autos, die im Falle des GT Performance-Fans zufriedenstellen und zugleich mit dem neuen SL den ursprünglich eleganten Sportsgeist des Roadsters wiederbeleben.
Kraftvolle Verschmelzung
AMG startete das Ganze mit der offenen Version Anfang 2022 und schob anderthalb Jahre später den GT nach. Die Antriebsstränge teilen sie sich. Es gibt einen Vierzylinder mit 43er-Kennung (421 PS) sowie drei Ausprägungen des ebenso bekannten wie geliebten Vierliter-Biturbo-V8. Im 53 leistet dieser 476 PS, die Plug-in-Hybrid-Version GT 63 S E Performance schafft wahnwitzige 816 PS Peak-Leistung.
Genau in der Mitte liegen unsere Kandidaten: die Klassiker mit dem 63er-Kürzel und jeweils 585 PS. Freilich ist das erst der Anfang der sprichwörtlichen Fahnenstange. Später im Produktzyklus wird noch ein S kommen, vielleicht sogar ein GT-R oder, als extreme Kirsche obendrauf, wieder ein Black Series.

Linientreu: Die breiteren 295er-Vorderreifen geben deutlich mehr Vertrauen und erlauben selbst nachträgliche Winkelkorrekturen.
Bild: Lena Willgalis / AUTO BILD
Bis dahin begnügen wir uns aber mit diesen beiden. Und das funktioniert schon mal im Alltag ganz hervorragend. Gerade der GT ist im Vergleich zu seinem Vorgänger deutlich pflegeleichter geworden. Was einst immer zu steif, gar unwirsch wirkte, erfolgt nun so selbstverständlich wie in einem 911. Im alten GT musste man sich erst mal halb das Handgelenk verrenken, um an den Gangwählhebel zu kommen, und hatte man das geschafft, verspreizte er sich so staksig in Rangiermanöver, dass die Lust manchmal schon vor dem Ortsausgangsschild hinüber war. Der Neue fährt im Vergleich entspannt, optional gibt es nun sogar eine (Not-)Rücksitzbank und einen im Alltag nutzbaren Kofferraum, 675 Liter im Maximum. Allrad ist immer an Bord, die Neunstufen-Sportautomatik ebenfalls. Ein Rundum-sorglos-Paket für sportlich gestrickte Naturen.
Legendäre Baureihe
Im SL fühlt sich das alles im ersten Moment sehr ähnlich an. Der Innenraum ist nahezu identisch, nur dass sich im Roadster das Display in der Neigung verstellen lässt. Und in der Knopfleiste am unteren Rand gibt es einen Verdeckknopf, bei dessen Betätigung sich ein Menü im Infotainment öffnet. Um das Dach zu öffnen oder zu schließen, müssen Sie nun einen digitalen Schieberegler betätigen und währenddessen in Position halten – fast wie bei der Handy-Entsperrfunktion. Wer sich das wohl ausgedacht hat …

Gerade beim Einlenken vermittelt uns der SL weniger Feingefühl auf der Vorderachse – liegt an den 20 mm schmaleren Reifen.
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Auch in den Fahrmodi zeigen sich zunächst keine Unterschiede. Normal, Sport, Sport+ und Race stehen zur Wahl, der Sound dringt im SL naturgemäß noch ungefilterter zum Fahrer.
Auch technisch sind beide Traumautos identisch bestückt: Die Keramikbremsanlage mit 420er-Scheiben vorn haben beide an Bord, genau wie die AMG-Performance-Sitze und leichte Schmiederäder in 21 Zoll. Bei deren Bespannung fallen die ersten Unterschiede auf. Zum einen trägt der GT den neueren Pilot Sport S 5, der SL noch den etablierten PS 4 S – natürlich beide in speziell angemixter Mercedes-Kennung. Des Weiteren gönnt AMG dem GT 20 Millimeter mehr Breite an der Vorderachse, weil man dem GT ein definierteres Einlenkverhalten mitgeben wollte, wohingegen der SL eher komfortabel getrimmt ist. An der Hinterachse setzt man hüben wie drüben auf 305er – wegen der Fahrstabilität bei hohem Tempo. Schließlich rennen sowohl GT als auch SL laut Fahrzeugschein Tempo 315.
Individuelle Sportlichkeit
Das konnten wir auf der Anfahrt zum Lausitzring nicht ganz ausfahren – zu viel Verkehr. Trotz der unterschiedlichen Bereifung nehmen sich beide auf der Langstrecke nicht viel. Die meiste Zeit sind wir in "Sport" gefahren, wer ein fixes Ansprechverhalten bei zugleich komfortablem Fahrwerk bevorzugt, kann sich im Individualmodus seine eigene Konfiguration hinterlegen. Aber Obacht! Vor der Einfahrt zum Track Day unbedingt wieder auf ein Werksetting umschalten. Auf der Fahrveranstaltung des GT hatten wir ein paar Serpentinen im wild durchgewürfelten Individualsetting probiert. Und plötzlich passte im sonst so souveränen Coupé gar nichts mehr zusammen. Die Entwickler haben sich schon was bei ihren Abstimmungen gedacht.

Das abgebildete Kreuzspeichen-Schmiederad kostet 4165 Euro, die dahinter verbaute Keramikbremse noch mal 8925 Euro.
Bild: Lena Willgalis / AUTO BILD
Was der breitere Vorderradreifen in Sachen Grip und Ansprechverhalten bringt, musste natürlich bei der Lenkabstimmung wieder gegenjustiert werden. Das Resultat ist, dass sich SL und GT beim Lenk-Feedback kaum unterscheiden, obwohl an nahezu jeder Stellschraube gedreht wurde.
Auch am restlichen Fahrwerk wurde im Detail justiert: So fährt der GT an der Vorderachse 23 Millimeter mehr Spurbreite, hinten sind es sogar 55 Millimeter. Die Federrate ist vorn um zehn Prozent steifer geraten, hinten hat man satte 30 Prozent draufgesattelt. Das resultiert wiederum darin, dass der GT über Lenkwinkelkuppen einen leichten Impuls an der Hinterhand bekommt und so kurzzeitig den Grip am Heck zu verlieren scheint – und von diesen Übergängen gibt es auf dem Lausitzring gleich vier: Immer, wenn es vom Tri-Oval auf das Infield oder andersrum geht.
Ich persönlich empfinde das eher als mitteilsam, als störend, aber das kommt auf das individuelle Empfinden des Fahrers an. Insgesamt habe ich während der Grenzbereich-Surferei im GT deutlich mehr Vertrauen ins Auto. Dabei fahren wir beide Kontrahenten mit den gleichen Settings. Race-Mode, manuelle Schaltung, Zeitenprofi Naumann mit ESP off, ich im Sportmodus mit leicht aktiviertem Rettungsanker. Die Eindrücke gleichen sich dennoch am Ende der schnellen Runden, egal ob Profi oder Laie.

Die AMG Performance Sitze an sich kosten nur 2559 Euro, doch wer sie im Konfigurator anklickt, erntet weitere 6485 Euro an Pflicht-Zusatzausstattung.
Bild: Lena Willgalis / AUTO BILD
Was haben sie sonst noch gemacht? Das Active-Ride-Control-System ist im GT straffer appliziert. Mit steiferen Federn und größer dimensionierten Kolben spreizt sich der Wagen in der harten Auslegung noch vehementer den Querkräften entgegen. An der Vorderachse kommen steifere Gummilager zum Einsatz, zum einen wegen der breiteren Reifen, zu anderen, um die Sturzsteifigkeit zu erhöhen – also wie nachdrücklich der Radsturz unter Querbeschleunigung in der gewollten Rate verbleibt.

Tropfenleuchten am SL gegen geradlinigeres Leuchtenband des GT. Ausgeprägterer Diffusor am Coupé.
Bild: Lena Willgalis / AUTO BILD
Wie viel der exakt 1,5 Sekunden Unterschied in der Rundenzeit auf die technischen Feinheiten zurückgehen und wie viel auf die unterschiedliche Bereifung, zeigt ein Blick auf die Längsdynamikmessungen: Schon von 0 auf 50 km/h nimmt der GT dem SL drei Zehntel ab – also im Initialgrip. Diesen Vorsprung kann das Coupé bis Tempo 180 nicht weiter vergrößern. Auch die besseren Bremswerte bei gleicher Anlage und identischem Gewicht sprechen für einen griffigeren Reifen am GT. Über den Daumen gepeilt, dürften 50 Prozent Vorsprung von der sportlicheren Abstimmung herrühren, der Rest über den Gummi.
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