Wenn der Mercedes-AMG PureSpeed vorbeidonnert, reißt die Umgebung die Augen weit auf, werden Handykameras gezückt und Kusshände zugeworfen. Ein offener Zweisitzer ohne Windschutzscheibe, Dach und ohne jede Scham – mit Suchtpotenzial.
Ganz neu ist die Idee mit dem PureSpeed nicht, denn der offene Doppelsitzer mit dem abgefahrenen Halo-Bügel lässt einen vom legendären Mercedes 300 SLR oder dem Kleinserienmodell des SLR Stirling Moss träumen. Ein AMG SL auf Droge, der optisch kaum wiederzuerkennen ist – für wahnwitzige 775.000 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer rollt er lautstark in die eigene Kollektion. Vorausgesetzt, man ist beinahe so schnell wie der Imagespurt des bollernden Affalterbachers, denn es werden gerade einmal 250 Stück in aufwendiger Handarbeit gefertigt. Und versprochen: In jedem ist einem der ganz große Auftritt gewiss.
Mercedes-AMG PureSpeed
Zweifarblackierung und vier (End-)Rohre für ein akustisches Halleluja – mehr Außenwirkung ist wahrlich schwer vorstellbar.
Bild: Mercedes-Benz AG
Was für eine Rakete – was für ein spektakulärer Bolide! Den Zuschauern standen bereits bei der Premiere des AMG PureSpeed im vergangenen November in Abu Dhabi die Münder offen. Bei der Oldtimerrallye Mille Miglia sieht es im Norden Italiens nicht anders aus, denn die AMG-Kleinserie lässt selbst millionenschwere Klassiker sprichwörtlich alt aussehen. Niemand interessiert sich mehr für den historischen Alfa Romeo 8C und den dunkelgrünen Bentley Blower von 1930 – den Passanten fallen beinahe die Augen heraus, wenn der PureSpeed anrauscht. Kein Dach, keine Scham und statt der üblichen Windschutzscheibe gibt es einen Halo-Sicherheitsbügel, der nicht allein in Sachen Design eine Verbindung zu den Formel-1-Boliden herstellen soll.
Motor
V8, Biturbo 
Hubraum
3982 ccm
Leistung kW (PS) bei 1/min
430 (585)/5500-6500
Drehmoment Nm bei 1/min
800/2500-5000 
Getriebe
9-Stufen-Automatik 
Antrieb
Allrad
Radstand
2700 mm 
0-100 km/h
3,6 s 
Höchstgeschwindigkeit 
315 km/h 
Grundpreis
922.250 Euro
Der Doppelsitzer macht seinem Namen alle Ehre und ist kaum weniger spektakulär als die Formel-Renner aus dem AMG-Team. Der Auftritt ist laut, mehr als imposant und etwas für die ganz große Show auf der Bergstraße oder Flaniermeile. Fahrer und Beifahrer tragen Helme – ebenfalls wie in der Formel 1, denn ab Tempo 60 bläst einem der Fahrtwind derart hart ins Gesicht, dass die stylische Sonnenbrille von Tom Ford getrost zu Hause bleiben kann. Nicht zuletzt dank des 4,0 Liter großen V8-Doppelturbos, der seine maximal 800 Newtonmeter lässig bollernd aus der Drehzahlmitte schüttelt. Der PureSpeed verzichtet auf nahezu alles, was nicht unbedingt sein muss, und so gibt es wie einst beim 300er SLR weder Frontscheibe noch Dach. Im Jahr 2025 allerdings fast ebenso erwähnenswert: Es gibt auch keine E-Unterstützung! Die 585 PS entstammen einzig den acht Brennräumen.
Mercedes-AMG PureSpeed
Im "Innenraum" gibt es die bekannte SL-Technik.
Bild: Mercedes-Benz AG
Das Sicherheitssystem im PureSpeed besteht aus einem Stahlrohrbügel, der gabelförmig mit der Rohbaustruktur des Fahrzeugs verbunden ist und zusammen mit dem festen Überrollsystem für die nötige Steifigkeit sorgt. Die beiden Integralhelme sind nicht nur farblich auf das Äußere des abgedrehten Zweisitzers abgestimmt, sie sorgen mit einem Interkom-System auch dafür, dass sich Fahrer und Co-Pilot unterhalten oder auch telefonieren können, während der Fahrtwind durchs offene Cockpit pfeift. Optisches Highlight in der reduzierten Vollwert-Kanzel ist sicherlich die in Carbon eingefasste Analoguhr aus dem Hause IWC. Die bequemen Ledersitze, das griffige Steuer und das Hochkant-Display kennt man bestens aus dem SL.

PureSpeed: Der spektakulärste AMG – aber nicht der stärkste

"Der Mercedes-AMG PureSpeed ist die direkteste Form, Performance und Fahrspaß zu erleben. Radikal offen, trennen weder Dach noch Windschutzscheibe Fahrer und Beifahrer von den Elementen", erläutert AMG-CEO Michael Schiebe, "Sie können das Fahrzeug, die Straße und die Landschaft ungefiltert mit allen Sinnen erleben." Wahre Worte! Einzig der Antrieb hält mit der exklusiven Hülle nicht so ganz mit. Eine neue Leistungsstufe des aus SL und GT bekannten Biturbo-V8 hätte dem 1,9 Tonnen schweren Extrem-Roadster hervorragend zu Gesicht gestanden. So bleibt es bei bekannten 585 PS und 800 Newtonmetern, die den Schwaben unter einem bassigen Stakkato nach vorn pressen. Wer Mut und sich an den Sturm rund um den Stylinghelm gewöhnt hat, beschleunigt nicht nur aus dem Stand in 3,6 Sekunden auf Tempo 100, sondern lässt dem Rennboliden gemäß seiner sinngebenden Modellbezeichnung bis 315 km/h freien Lauf. Imposant: die Keramik-Hochleistungsbremsanlage, die für maximale Verzögerungswerte und ein sicheres Gefühl im Fuß sorgt.
Mercedes-AMG PureSpeed
Jeder der speziell angefertigten Helme kostet mehr als 8000 Euro, greift das Farbthema des Roadsters aber auch perfekt auf.
Bild: Mercedes-Benz AG
Der rund 4,70 Meter lange PureSpeed lässt sich so entspannt flott oder gar schnell bewegen wie ein normaler Mercedes-AMG SL 63 auch. Kein Wunder, schließlich stammen Verstellfahrwerk, Allradantrieb und mitlenkende Hinterachse direkt vom Großserien-Bruder ab. In schnellen Kurven sorgen ausgefeilte Aerodynamik, hydraulische Wankstabilisierung und die exzellente Lenkung dafür, dass der Fahrer mühelos die Kontrolle behält. Schnelle Kurvenkombinationen gehören definitiv zur Paradedisziplin des Extrem-Roadsters, der selbst im Lastwechsel allzeit stabil und auf Kurs bleibt.
Imposant auch, wie kraftvoll der V8 die Geraden entlanggewittert – ein klasse Soundtrack, der das Burmester-Soundsystem mit 15 Lautsprechern und 1170 Watt Leistung fast unnötig macht.

Fazit

von

Stefan Grundhoff
Der Mercedes-AMG PureSpeed ist eine ebenso außergewöhnliche wie spektakuläre Fahrmaschine, ein aufreizender Mix aus Exklusivität und Purismus. Ein paar PS mehr hätte er als Abgrenzung zur normalen "Stangenware" aber schon haben dürfen. Bussink Speedlegend lässt grüßen.