Es ist abends um neun, und das Ende der Welt ist nicht mehr weit. Oder zumindest das, was sie hier für das Ende der Welt halten. Denn weiter als nach John o' Groats kann kein Brite fahren, wenn er das heimische Eiland nicht verlassen will. Und schon dafür muss er nach Schottland, was für Engländer so schlimm ist wie für Hessen der Ausflug nach Bayern – und umgekehrt.
Doch der Weg ist es wert. Schließlich hat der lokale Tourismusverband die schönste Route durch den hohen Norden vor knapp zehn Jahren als North Coast 500 ausgewiesen und rühmt die Strecke durch die Highlands und entlang der wunderbar wilden Atlantikküste als maritime Alternative zur Route 66 – 500 Meilen Abwechslung, nach jeder Kurve eine neue Perspektive und Ausblicke zum Anhalten und Niederknien: Ceud Mìle Fàilte – herzlich willkommen in Schottland!

Marco Polo ab 70.239 Euro

Zwar hat die NC500, die in einem großen Bogen von Inverness über John o' Groats, Ullapool und Applecross wieder zurück nach Inverness führt, mächtig an Popularität gewonnen, und im Sommer geht es hier bisweilen zu wie auf dem Autobahnring um London 600 Meilen weiter unten im Süden.
Der Marco Polo ist der ideale Begleiter für die Tour über die NC500 durch den einsamen Norden Schottlands.
Bild: Craig Pusey
Doch kurz nach Ostern herrscht im hohen Norden noch tote Hose. Beste Voraussetzungen für die Fahrt im Campervan. Für den Besuch beim Highlander und bei Nessie hat uns Mercedes den neuen Marco Polo mitgegeben, der das Facelift für den Stuttgarter Midsize-Van in diesem Sommer komplett macht. Nachdem die Schwaben schon V-Klasse und EQV im feinen Zwirn aufgefrischt und dem gewerblichen Vito einen neuen Blaumann angezogen haben, bügeln sie jetzt auch die Freizeitgarderobe ihres Bestsellers auf und schicken pünktlich zum Sommer zu Preisen ab 70.239 Euro einen gelifteten Marco Polo auf Reisen.

Mercedes-Campervan mit Smart Home ähnlichen Funktionen

Quasi als Frühbucher entführen wir den schwäbischen Rumtreiber auf Skyfalls Spuren schon jetzt gen Norden und lassen uns dabei vom neuen MBUX-System helfen, das auf dem frei stehenden Digitalcockpit mehr Grafiken anzeigt und so verständig ist, dass die Sprachsteuerung selbst mit Zielvorgaben wie John o' Groats oder Kinlochbervie etwas anfangen kann. Nur an die vielen Sensortasten auf dem neuen Lenkrad will ich mich partout nicht gewöhnen.
Geschlossen: Weil das Haus längst verlassen ist, haben wir unsere eigene Wohnung mitgebracht.
Bild: Craig Pusey
Während sie für den EQV ein eigenes Elektro-Menü programmiert haben, gibt’s für den Marco Polo eine eigene Camping-Kategorie: Wie im Smart Home lassen sich damit alle Funktionen elektronisch steuern – von der Leistung des Kühlschranks bis zur Beleuchtung, dem Hubdach und der Standheizung. Und weil man auch als Kilometerfresser nicht die ganze Zeit im Auto sitzt, haben sie nicht nur Stühle und Klapptisch in den Kofferraum gepackt, sondern auch eine App aufs Smartphone, mit der man alle Funktionen auch vom Picknick aus steuern kann oder vom Bett.
Aber für das weich gefederte Bett unterm Dach ist es im luftigen Sommerzelt ohnehin noch zu kalt. Jetzt werden erst einmal Meilen gemacht. Marco Polo war schließlich ein neugieriger Entdecker, und nach China schafft man es nicht im Schlaf. Genauso wenig wie nach John o' Groats. Dass sich Petrus dabei heute wenig gnädig erweist, ist nur auf den ersten Blick ein Schaden. Denn wer die Welt durch die Augen unseres Fotografen sieht, der sieht hier in Schottland Landschaften und Lichtstimmungen von einer Dramatik, Stille und Schönheit, wie sie keine andere Region Europas zu bieten hat. Und vor allem von einer ungeahnten Vielfalt. Denn oft reicht eine Kurve oder eine Kuppe, und man fährt in einer anderen Welt.
Zur Modellpflege gibt's ein neues Cockpit.
Bild: Craig Pusey
Zu Nässe und Kälte gesellt sich dabei schnell ein Gefühl von Einsamkeit. Kein unangenehmes Gefühl, sondern ein befreiendes: Mehr und mehr nutzt man ganz automatisch die gesamte Straße und schert sich nicht um Rechts- oder Linksverkehr, es ist ja sonst keiner da, der den Platz beansprucht. Während man hier in ein paar Wochen wieder stundenlang hinter irgendwelchen Wohnmobilen herzuckelt, sehen wir oft stundenlang kein anderes Auto. Und nicht mehr das Gesetz, sondern die Gegebenheiten definieren das Tempo. Einen Bobby haben wir zuletzt in Inverness gesehen, und sich hier mit der Radarpistole auf die Lauer zu legen, ist in etwa so einträglich wie die Jagd nach Nessie: Wo nichts ist, kann man nichts erlegen.

Topmodell mit 237 PS und Allrad

Und zumindest auf diesen Sträßchen wirkt der Marco Polo plötzlich überraschend dynamisch. Erst recht das 237 PS starke Topmodell 300 d, das mit 500 Nm und Allradantrieb bei jeder noch so widrigen Situation ein sicheres Gefühl gibt – selbst, wenn es nirgendwo eine hinreichend lange Gerade gibt, um den Sprint von 0 auf 100 in 7,9 Sekunden zu testen, und wenn statt der 215 km/h Höchstgeschwindigkeit auf diesen Straßen selbst das Tempolimit von 60 Meilen pro Stunde eine Herausforderung darstellt. Aber dafür bewegt sich der Verbrauch nahe am Normwert von 7,8 Litern, und die Reichweite kratzt an der Vierstelligkeit – was gut ist, weil die Tankstellen hier genauso rar gesät sind wie alle anderen Zeichen der Zivilisation.
Die Bank kann wie gewohnt zum Bett umfunktioniert werden.
Bild: Craig Pusey
Dazu schürt das Auto ein Wohlbehagen, wie es sonst nur die Lounge eines Luxushotels kann: Das Ambientelicht glimmt im warmen Rot glühender Kohlen aus den Lüfterdüsen, die Klimaautomatik, die Heizdrähte in Lenkrad und Sitzen glimmen wohlig durch bis auf die Haut, die serienmäßige Luftfederung bettet einen selbst auf den schartigen Schottenpisten wie auf Wolken, aus den Boxen tropft melancholisch-schwer wie ein jahrzehntealter Torfbrand Mark Knopflers "Local Hero", und man fühlt sich wie König Charles oder besser noch "Highlander" Connor MacLeod, wenn man erhaben durch die karge, baumlose Landschaft fährt und in den Lochs mit den unaussprechlichen Namen wie nan Ealachan oder Assynt Schlösser und Burgen zerfallen sieht wie seinerzeit in Skyfall – fehlen eigentlich nur noch das Kaminfeuer und eine Kanne Tee für den perfekten Regentag.
Im Pub gestärkt und gesättigt beginnt ein paar Stunden später die Nacht – allerdings nicht ohne Abendgymnastik. Denn wo sich die Weicheier im Hotel ins gemachte Bett legen, muss man im Marco Polo erst mal Stühle rücken und drehen, die Bank flach legen, den Topper über die Polster werfen und die Matratze aus dem Aufstelldach holen. Denn wer nicht klettern will und ein bisschen mehr Platz braucht, der schläft besser unten – selbst wenn ihm dann der gut gefederte Rost fehlt. Und während die Fenster hinten alle mit zwei Handgriffen durch Rollos verschlossen werden, kostet der Sicht- und Lichtschutz vorne viel Geduld, bis die große Stoffbahn hinter die Sonnenblenden geklemmt und an den Flanken befestigt ist.
"Schottland ist ein Traum für Autofahrer – solange den nicht zu viele träumen." Thomas Geiger
Bild: Craig Pusey
Immerhin liegt man dabei topfeben. Denn mit dem Facelift hat Mercedes eine Niveauregulierung eingeführt, die das Vanlife ungeheuer vereinfacht: Ein Knopfdruck genügt, und die serienmäßige Luftfederung stellt den Wagen tadellos gerade auch auf den schrägsten Untergrund. Bis zu zwölf Zentimeter Höhenunterschied gleicht sie dabei aus und garantiert so, dass im Auto nur kuschelt, wer das wirklich will.
Zehn Minuten nach dem Parken krieche ich deshalb in die Federn: Oidhche mhath! Gute Nacht, Schottland!
Ja, auf die Sanitärzelle muss man im Marco Polo verzichten. Doch sonst hat der Mercedes-Van alles an Bord, was es für einen Urlaub auf Achse braucht – und macht seinem Namen dabei alle Ehre. Denn genau wie der Entdecker von einst mag man mit diesem Auto kaum stehen bleiben und erst recht nicht wieder heimfahren, sondern das Leben in voller Fahrt genießen. Einziger Haken ist der Preis. Zwar haben die Hotels auch in England mächtig angezogen. Doch muss man ganz schön lange reisen, bis sich so ein Marco Polo mal lohnt. Aber daran soll es nicht scheitern – meinetwegen können wir morgen wieder los. Nicht umsonst steht kurz vor Inverness auf einem Schild groß "Beannachd", also "Auf Wiedersehen". Das nehme ich gern beim Wort!