Vergessen wir einfach, dass der Mercedes CLA 220 CDI überhaupt Rücksitze hat. Okay, da hinten schimmert irgendetwas schwarz, aber um die Plätze in der zweiten Reihe zu erreichen, müssen die Mitfahrer schon gelenkig wie ein Zollstock sein – denn der hintere Einstieg ist außerordentlich mühsam. Wer es dennoch ohne Beule und Zerrung in den Fond schafft und 1,78 Meter oder größer ist, dem fällt dort der Himmel auf den Kopf. Außerdem trifft der Blick nach vorn auf die massiven Kopfstützen der Sportsitze, der zur Seite auf die schwarz verkleidete C-Säule. Und die Schießscharten-Fenster erfordern eine tiefe Verbeugung.

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Das Coupé der A-Klasse

So also fühlt sich ein Auto an, bei dem Form und Gestaltung wichtiger sind als die Funktion. Der Mercedes CLA gehört zu einer selten gewordenen Autogattung: außen immerhin 4,74 Meter (AMG-Paket, sonst 4,63 m) groß, innen aber vergleichsweise klein. Dafür steht er in einer aufregenden Schale da. Viel gestreckter als die Normalo-A-Klasse, wie ein geschrumpfter CLS. Ein aufregender Typ, ein Showstar, der vielen Passanten auf den ersten Blick den Kopf verdreht. Aber ob die große Geste auch für eine lange Liebe reicht? Dass im CLA eindeutig A-Klasse-Technik steckt, ist spätestens beim Fahren zu spüren. Es lebe der Sport – zumindest in unserem Testwagen, den die 2737 Euro teure AMG-Line anschärft. Dazu gehört eine Fahrwerkabstimmung nach dem Motto "Gelobt sei, was hart macht". Sie bewirkt wirklich etwas: jede Menge Spaß in schnellen Kurven. Präzise folgt der CLA den Lenkbefehlen der Fahrers, der in Gedanken schon Formel-1-Punkte sammelt. Andererseits leidet er, wenn die Straße Schlaglöcher aufweist oder wellig wird. Denn Federungskomfort ist wirklich nicht die Schokoladenseite dieses Testwagens. Die großen 18-Zoll-Räder des AMG-Pakets geben ihm den Rest, rollen hart ab, rumpeln unfein über Kanaldeckel oder durch Schlaglöcher.
Mercedes CLA
Sparsam: 5,4 Liter Diesel verbraucht der 220 CDI im Schnitt auf der AUTO BILD-Normrunde.
Bild: Raetzke
Mindestens ebenso anstrengend: Die straff gedämpfte Hinterachse bockt beim Überfahren dieser hinterhältigen Bodenschwellen, wie sie zwar niemals auf Rennstrecken, aber häufig in Wohngebieten lauern. Gut, dass etwaige Fondpassagiere so fest verkeilt hocken, sonst würden sie spätestens jetzt Kopfnüsse einsammeln. Die kassieren einige Kollegen stattdessen auf dem Fahrersitz. Und zwar – kaum zu glauben – von der Kopfstütze. Die ist nämlich nach Porsche-Vorbild fest und unverstellbar mit der Sitzlehne verbunden. Sieht chic und sportlich aus, ist aber für manche Fahrertypen unbequem, weil sie (anders als bei Porsche) zu stark angewinkelt wurde. Topnoten sammelt der CLA für seine Bremsen – 37 Meter braucht er aus 100 km/h zum Stillstand – und den Dieselmotor. Beim Beschleunigen brummt der CDI noch im typischen, wenig schmeichelhaften Taxisound. Doch je schneller er wird, umso mehr flüstert sich der Vierzylinder des 220er in den Hintergrund. Ganz nebenbei spurten seine 170 PS wie vom Hafer gestochen. In 7,8 Sekunden auf 100 km/h und 230 Spitze: Hier macht sich der Feinschliff im Windkanal positiv bemerkbar – der CLA ist mit einem Wert von 0,23 amtierender cW-Weltmeister.

Deshalb passt Spurten und Sparen im CLA 220 CDI so gut unter eine Haube: 5,4 Liter Diesel verbraucht er im Schnitt auf der AUTO BILD-Normrunde (inklusive Vollgasanteil). Zurückhaltende Gasfüße erstreicheln sich tatsächlich Werte zwischen drei und vier Litern. Dazu trägt auch die normalerweise früh schaltende DCT-Automatik bei. Leider hat Mercedes das im 220 CDI serienmäßige Doppelkupplungsgetriebe nicht perfekt abgestimmt, weshalb das Getriebe manchmal zu früh zurückschaltet. Auch flutschen die Gangwechsel längst nicht so butterweich, wie wir es beispielsweise von den BMW-Achtstufenautomaten kennen. Das Beste oder nichts – haben uns das die Stuttgarter nicht versprochen? Ganz ehrlich: Dann dürfte der CLA gar kein Getriebe haben.

Leider spart Mercedes auch an der Qualität – früher ein Aushängeschild der Marke. So wirken die Tür-Innenverkleidungen wie zu heiß gewaschen. Unschön schimmert das lackierte Blech durch den Spalt in den Innenraum. Und die hintere linke Türverkleidung löste sich während des Tests. Sie war schnell wieder montiert, alles kein Beinbruch – aber Vertrauen fördern solche Detailmängel eben auch nicht. Zumal der CLA ein teures Auto ist. Als 220 CDI steht er für 37.991 Euro in der Liste – dafür gibt es auch einen C 220 CDI, einen Mercedes der alten Schule, der sich solche Schwächen nicht leistet. Wenn der CLA-Fahrer dann noch viele Kreuzchen auf der Mehrpreisliste macht, entsteht ein Auto wie der Testwagen: für 54.763 Euro. Das ist zu viel für dieses Auto.

Fazit

von

Andreas Borchmann
Der CLA ist ein Showstar, der den knalligen Auftritt liebt. Das wird vielen Mercedes-Fans nicht schmecken. Mag sein, dass das kleine Coupé neue Käuferschichten anspricht, aber bei mir kann es nicht landen: zu eng, zu hart, zu teuer – das passt nicht zu Mercedes.