Mercedes G-Klasse wird 45 Jahre alt
Herzlichen G-lückwunsch zum G-burtstag

Bild: Thomas Geiger
Das hätte sich Friedrich Rohr nie träumen lassen, als er damals im Frühjahr 1974 den ersten Prototypen aus der Versuchswerkstatt gefahren und schon wenige Tage später hinauf auf den Schöckl geprügelt hat.
"Ja, wir wollten einen extrem haltbaren Geländewagen entwickeln, der überall hinkommt und alles aushält“, erinnert er sich an das Briefing, das damals noch Lastenheft oder Anforderungskatalog hieß. Aber dass das Auto, das fünf Jahre später als G-Klasse Karriere machen sollte, sogar die Zeit überdauert? "Das hatten wir nicht auf dem Zettel", sagt der Österreicher, der als ehemaliger Versuchsleiter der G-Klasse das Laufen beigebracht und sie dann sein gesamtes Berufsleben über weiter begleitet hat.
Rohrs Jungfernfahrt ist jetzt ein halbes Jahrhundert her und während der einstige Geburtshelfer längst in Rente ist, fährt die G-Klasse immer noch. Denn der Vierkant aus Graz ist Kult und mit jedem Jahr wird die Verehrung größer. Nicht umsonst steht Rohr jetzt nur einen großen Steinwurf entfernt von seiner alten Wirkungsstätte nicht alleine im G-Class Experience Center, sondern zusammen mit knapp 100 weiteren G-Sinnungsgenossen, die mit einem Auto pro Baujahr in einer großen Sternfahrt zum Teil sogar aus Schweden, den Niederlanden und aus Norddeutschland für ein Wochenende nach Graz gekommen sind, um den 45. G-burtstag gebührend zu feiern.

Legenden leben länger – und lassen sich entsprechend lauter feiern.
Bild: Thomas Geiger
Mit Sandkastenspielen für große Jungs im künstlichen Dschungel, mit schnellen Runden auf dem Vorfeld, mit Kletterübungen auf den künstlichen Hügeln, mit einem Blick auf Exoten wie das Papamobil, 4x4 und 6x6, das Maybach Landaulet und einen wilden Dünen-Buggy in XXL sowie natürlich einer Bergtour auf den Schöckl, jenen 1445 Meter hohen Hügel am Horizont hinter Graz, auf dem die G-Klasse das Laufen gelernt hat und auf dem bis heute jede Neuerung erprobt wird.
Dort erzählt Rohr, der seit 16 Jahren zum ersten Mal wieder auf dem Berg ist, weil er nach tausend Testfahrten als Pensionär nicht im Traum daran gedacht hat, den Berg mal zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu bezwingen, bei Wiener Schnitzel und Topfenstrudel noch einmal, wie die Geschichte begonnen hat: 1972 haben Daimler-Benz und zwischen Daimler-Benz und Steyr-Daimler-Puch einen Kooperationsvertrag beschlossen, aus dem 1973 ein grob geschnitztes Holz-Modell hervorgeht, von dem sich selbst das jüngste Auto 50 Jahre später kaum unterscheidet.
Mercedes G-Klasse wird 1974 geboren
1974 baut Rohr die ersten Prototypen, 1975 fällt die Entscheidung für die Serienproduktion und den Bau eines neuen Werkes in Graz, und im Frühjahr 1979 steht das erste fertige Auto beim Händler.
Weil der G der ersten Stunde vor allem für Feldwebel und Förster gedacht war und die Entwickler offensichtlich noch keine Budgetrestriktionen kannten, haben sie ihn dabei zu einem automobilen Alleskönner aufgerüstet, der so leicht vor keinem Hindernis kapituliert. So schafft der Klassiker mit seinen drei zuschaltbaren Differentialsperren und der Geländeuntersetzung Steigungen mit bis zu 80 Prozent, Schräglagen von 54 Prozent oder Wasserdurchfahrten von einem halben Meter Tiefe und deklassiert damit selbst vermeintlich ernsthafte Geländewagen aus England und Amerika zu Sandkastenspielern.

Mercedes hat eine G-Klasse von 1979 in Kunstharz getaucht.
Bild: Thomas Geiger
Doch der Siegeszug des G-Modells kommt nur langsam in Fahrt. Denn friedliche Potentaten und die flaue Kassenlage der öffentlichen Hand limitieren den staatlichen Bedarf. Deshalb beschließt Mercedes eine große G-Volution und überstellt den G in die Pkw-Division. Dort wird der urtümliche Krabbler nicht wie geplant nach zwölf Jahren eingestellt, sondern auf den Wogen der ersten Allradwelle zu einem Lifestyle-Objekt, das sich mit Kanten, Charakter und seiner technischen Sonderstellung von den Emporkömmlingen aus dem In- und Ausland differenziert.
Und nachdem sein Stern wegen des immensen Verbrauchs und der erstarkten Konkurrenz vor einigen Jahren doch beinahe zu verglühen schien, haben plötzlich die Amerikaner ihre Liebe für den "G from Germany" entdeckt und ihm so über sein Karrieretief geholfen. Heute schätzen Abenteurer und Aufschneider den kantigen Klassiker wieder rund um den Globus – und längst ist China nach den USA und vor Deutschland der größte Einzelmarkt.
Die amtliche oder gar militärische Nutzung dagegen geht beständig zurück und schon lange werden mehr zivile G-Klassen verkauft als militärische. Erst recht, nachdem der Werkstuner AMG den Geländewagen für sich entdeckt und mit seinen Acht- und immer mal wieder sogar mit seinen Zwölfzylindern bestückt hat – und damit offenbar richtiglag. Nicht umsonst ist die G-Klasse seit Jahren der Mercedes, von dem prozentual die meisten AMG-Modelle bestellt werden.

Das Gros der mittlerweile über 500.000 G-Klassen aus den ersten 45 Jahren ist noch immer auf der Straße.
Bild: Thomas Geiger
Unter dem Blech haben die Schwaben und die Österreicher den Vierkant zwar immer mehr oder minder up-to-date gehalten, doch das erste richtig neue Modell kam 2018 – und sah trotzdem wieder fast gleich aus.
Elektrische G-Klasse
Kein Wunder also, dass sie es seitdem mit dem Slogan "Stonger than Time" (Stärker als die Zeit) bewerben. Und der hat sich gerade einmal mehr bewahrheitet: Denn als alle glaubten, spätestens mit der elektrischen Revolution sei Schluss für das Schwergewicht, hat Mercedes einfach eine Elektroversion aus dem Hut gezaubert, und ist dabei den Idealen trotzdem treu geblieben, lobt Rohr seine alten Kollegen und ihren kompromisslosen Ansatz: "Auch der elektrische G ist in aller erster Linie eine G-Klasse, die halt nebenbei auch noch emissionsfrei fährt."
Rohr selbst allerdings, der privat über die Jahre sicher ein halbes Dutzend G-Klasse hatte, ist mit einem feuerwehrroten 230G aus dem Jahr 1980 gekommen und fährt damit in der Veteranen-Wertung unter den Geburtstagsgästen ganz vorne. Aber auch sonst sind ein paar sehr spezielle Autos nach Graz gekommen: Neben den notorischen G63 auch ein paar 4x4, erfreulich viele Cabrios, ein paar G und deren österreichische Zwilling mit Puch-Logo im Tarnkleid und auch welche, die mit Camper-Ausbau und Dachzelt tatsächlich die ganze Welt gesehen haben.

Eine der berühmtesten G-Klassen: das "Papamobil".
Bild: Thomas Geiger
Einer der G-burtstags-G-ratulanten, ein 500er aus dem Jahr 2000, trägt die Initialen des Autors am Kennzeichen. Der ist dem Virus vor bald zehn Jahren verfallen und hat sich seinen schwarzen Baron als Gebrauchten aus Japan kommen lassen. Und seit der zur Familie gehört, wissen wir endgültig, wie leicht das G-Gen vererbt wird. Denn es gibt kaum einen Tag, an dem nicht die Tochter des Hauses nach dem Schlüssel fragt, ihrem dienstlichen Koreaner die kalte Schulter zeigt und stattdessen "The Mighty" den gebührenden Respekt zollt.
Wenn der Funke so leicht überspringt, ist es kein Wunder, dass Mercedes nicht im Traum daran denkt, die G-Klasse einzustellen. Im Gegenteil: Selbst, wenn es am Sockel der Ikone kratzen und das Original etwas weniger einzigartig machen könnte, planen sie sogar einen Baby-G und wollen damit all jene Kunden erreichen, die schon immer von einem G träumen, sich ihn aber angesichts mittlerweile meist sechsstelliger Preise nie leisten konnten.
Dann lieber ein Original wie sie hier und heute zuhauf nach Graz gekommen sind, mit Charakter, manchmal auch mit Patina und mit deutlich Spuren davon, wie sich die Zeit an dem automobilen Dinosaurier die Zähne ausbeißt. Nein, billig sind auch die nicht. Aber zumindest gibt es genug davon. Denn das Gros der mittlerweile über 500 000 G-Klassen aus den ersten 45 Jahren ist noch immer auf der Straße - oder auf dem, was die G-Klasse-Fahrer dazu machen. Schließlich trotzt die G-Klasse nicht nur der Zeit, sondern auch sonst allen Widrigkeiten.
Genau übrigens wie Versuchsleiter Rohr, der heute noch so frisch und fröhlich wirkt, wie auf den Videos von 1974 – selbst wenn das jetzt ein halbes Jahrhundert her ist. Deshalb kann man sich auch sicher sein, dass er beim richtig runden Geburtstag in fünf Jahren natürlich wieder dabei ist. Und das, obwohl er anders als mittlerweile die G-Klasse noch keinen elektrischen Herzschrittmacher hat.
Aber so, wie sein Baby mit der Zeit immer besser wurde, ist auch Rohr ein ausgesprochen rüstiger Renter. "Schließlich bin ich gerade mal 79 Jahre jung."
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