"Lasst uns das genießen, solange es noch geht." Gleich der erste Eintrag im Fahrtenbuch des GL passt bestens als Motto des Dauertests. Dieser Big Mac ist ökologisch bedenklich und politisch unkorrekt, zumindest redet uns dies das öffentliche Gewissen ein. Aber – bitte ganz ruhig bleiben – er hat uns einen Riesen-Spaß gemacht. 100.000 Kilometer lang. Auch dazu stehen wir. Ein Urvieh, fünf Meter lang, 1,92 Meter breit. 2,6 Tonnen schwer – leer natürlich. Dazu ein Vierliter-V8-Diesel mit 306 PS und 700 Nm. Mit Luftfederung, Allradantrieb, Untersetzungsgetriebe und zwei Differenzialsperren für die Härten des Lebens. Die begannen bei AUTO BILD am 19. Oktober 2007. Der Testwagen, Grundpreis 82.586 Euro, kam mit ein paar zusätzlichen Annehmlichkeiten (Schiebedach, Standheizung, COMAND, Bi-Xenon, Anhängekupplung und mehr) auf sagenhafte 102.524 Euro.

Die besten und die schlechtesten: alle AUTO BILD-Dauertests

Mercedes GL 420 CDI
Typisch Mercedes: Das Cockpit zeigt die Nähe zu ML und R-Klasse.
Und genau wie der Preis beeindruckte der Auftritt von Anfang an nachhaltig. "Kraft und Platz und Luxus hat der GL satt. Dazu fährt er hoch komfortabel und für so ein Schiff sogar noch handlich", lobt Redakteur Jan Horn. Das kann man wohl sagen. Der kraftstrotzende V8 geht in allen Lagen bombastisch. Und wenn man ihn reizt, stürmt der GL vorwärts wie ein wütendes Rhinozeros. Besser passt allerdings eine gelassene Fortbewegung; wie kaum ein anderes Auto vermittelt der mächtige GL ein erhabenes und souveränes Gefühl. Ideale Eigenschaften bringt der GL auch als Zugfahrzeug mit. Locker nimmt er bis zu 3,5 Tonnen an den Haken. "Fast beängstigend, wie dieses Drehmoment-Tier trotz des großen Anhängers die Kasseler Berge platt macht", begeistert sich Reifenprofi Dierk Möller-Sonntag nach langer Test-Tour mit tonnenschwerer Gummi-Ladung am Haken.

Stoisch und souverän

Mercedes GL 420 CDI
Herrschaftlicher Hochsitz: Der GL fühlt sich besonders wohl, wenn er Platz und Auslauf findet.
Die Kehrseite der imposanten Fahrleistungen ist, wir ahnen es, der Verbrauch. Im Mittel waren es 13,8 Liter. Wobei der Durst des V8 entscheidend von der Fahrweise abhängt. Hält man sich zurück, sind auch um die zehn Liter drin, bei 130 km/h auf der Autobahn etwa. Die ist sowieso das bevorzugte Revier des GL, in dichter besiedelten Gegenden fühlt er sich nicht unbedingt wohl. Denn das riesige Steppentier ist für hiesige Straßenverhältnisse und enge Städte einfach nicht geboren. Ganz zu schweigen von Tiefgaragen, Waschanlagen und Ähnlichem – bei der Kurbelei in engen Auffahrten bricht schnell der Schweiß aus. Der in Tuscaloosa/Alabama gebaute GL ist ein Riesenbaby, gemacht für riesige US-Supermarktparkplätze.
Mercedes GL 420 CDI
Damit der Big Mac auch bei voller Zuladung nicht schwächelt, steckt unter der Haube ein gewaltiger V8-Diesel.
Für Nervosität sorgte auch die Automatik. Die 7G-Tronic ist mit ihrer weiten Spreizung grundsätzlich eine feine Sache, haut im Schiebebetrieb aber gern den niedrigeren Gang brutal rein. Die Unart nahm erst nach einem Getriebeölwechsel ab, verstärkte sich zum Testende aber wieder. Auch die prinzipiell schluckfreudige Luftfederung fand nicht nur Anklang. Im Normal-Modus und mehr noch in der Komfort-Stufe empfanden manche den GL als schwammig, besonders bei voller Beladung und höherem Tempo, im Sport-Modus wiederum als zu grob. Abgesehen von solchen Diskussionen absolvierte der GL den Test-Marathon in selten erlebter Souveränität.
Mercedes GL 420 CDI
Undicht: Der Stoßdämpfer hinten links leckt. Im oberen Bereich tritt kräftig Öl aus.
Erst sehr spät meldeten sich ein paar Zipperlein: Die Laderaum-Abdeckung verklemmte endgültig, im Fond fiel die Beleuchtung des Aschers aus, die Winterreifen (Pirelli Sottozero) überraschten mit lauten Abrollgeräuschen, am Lenkrad löste sich im oberen Bereich die Lederummantelung, und ab und zu knisterte das Schiebedach. Während des gesamten Marathons gab es nur ein einziges ernsthaftes Problem: Bei Kilometer 80.049 versagte der Kompressor der Luftfederung, Big Benz musste zum Tausch in die Werkstatt. Das war es dann auch schon. Es passierte nichts weiter, der GL wirkte bis zuletzt unerschütterlich und gusseisern. Klar, die Zukunft gehört solch durstigen Dickschiffen bestimmt nicht, eher schon Typen wie X1 und Tiguan. Andererseits: Nie waren 3,5 Tonnen Anhängelast souveräner in Bewegung. Schön, dass wir das noch erleben konnten.

Fazit

Ein Benz wie eine Burg – doch seine Zeit läuft ab. Die Benz-Burg GL ist aus dem Vollen geschnitzt. Massiv, schwer, solide. Den Dauertest überstand er mit einer Ausnahme praktisch ohne Beanstandung. Technik, Motor und Komfort sind über jeden Zweifel erhaben. Mit der sozialen Akzeptanz sieht das schon anders aus. Ganz klar: Dieser Riese mit Stern ist ein Relikt aus der Urzeit. Größe und Verbrauch sind nicht mehr zeitgemäß. Da fährt das schlechte Gewissen stets mit. Der GL wird wohl der Letzte seiner Art sein. Schade eigentlich.