Mercedes GLE 450 d 4Matic im Test
Komfortgleiter mit Geländeoption

Mercedes hat den GLE überarbeitet und dem Top-Diesel mehr Leistung und Drehmoment eingeschenkt. Wir haben dem luxuriösen Komfortgleiter nichts erspart – auch durch die Sandgrube musste er.
Bild: Christoph Boerries / AUTO BILD
Optisch kaum verändert, bringt das jüngste Facelift des Mercedes GLE vor allem mehr Leistung. Alle Diesel sind nun mildhybridisiert. Beim von uns gefahrenen Top-Diesel 450 d steuert der 48-Volt-Startergenerator 20 PS zur gewaltigen Gesamtleistung des 3.0-Liters bei: 367 PS statt der 330 PS des hubraumgleichen Vorgängers 400 d, und das Drehmoment steigt um 50 auf 750 Nm – das gleiche Drehmoment, das der legendär heftige VW Touareg V10 TDI der ersten Serie (2002–08) auf die Antriebswellen stemmte. Und das den Autor des ersten AUTO-BILD-Fahrberichts 2002 befürchten ließ, es könnte Zöpfe in diese Wellen hineindrehen.
Gespannfahrer zählen zu den GLE-Stammkunden, und für die dürfte der neue Gespannroutenplaner von Interesse sein, der für die zuvor eingegebenen Anhängerdaten die unproblematischsten Strecken empfiehlt. Noch eine Neuerung: Android Auto sowie Apple CarPlay laufen nun kabellos. Entern wir doch einfach mal die belederten Sessel auf eher Geländewagen- als SUV-typischen 79 cm Sitzhöhe, die sich mittels Luftfederungs-Kippschalter in der Mittelkonsole um sechs Zentimeter steigern lässt.
Normalerweise ruiniert der Griff zu 21-Zoll-Rädern den Langsamfahrkomfort – nicht so beim GLE. Der verkraftet die Riesenräder erstaunlich gut. Den Geradeauslauf beirren sie nicht, auch nicht auf Spurrinnen. Nie muss sich der Fahrer übermäßig stark auf die Lenkung konzentrieren – eine Reisesänfte reinsten Wassers. Der "Kölleda-Motor" – ein im thüringischen Werk gebauter Reihensechszylinder-Diesel – emittiert dabei ein gut gedämmtes Fauchen, mehr nicht.

Per Elektrohydraulik lässt sich der GLE um sieben Zentimeter heben.
Bild: Christoph Boerries / AUTO BILD
Das Gelände-Equipment in unserem Testwagen ist für SUV-Verhältnisse ungewöhnlich umfangreich. Man findet so viel sonst nur in Geländewagen der obersten Kategorie. Als da wären: Unterfahrschutz vorne aus 3,5 mm dickem Stahl (im 7735-Euro-Paket mit dem Aktivfahrwerk; für zusätzliche 155 Euro lässt sich ein vollflächiger Unterfahrschutz aus Metall ordern) oder die "durchsichtige Motorhaube" im Stile von Land Rover, die via Zentralbildschirm einen Blick auf den Boden erlaubt und zugleich die Stellung der Vorderräder anzeigt.
GLE schafft Steigungen von 45 Grad
Letztere gibt's samt 360-Grad-Kamera im Paket mit dem Parkassistenten und sorgt dafür, dass man etwa in einem Steilhang mehr sieht als nur den Himmel. Wohlgemerkt: Der GLE schafft Steigungen von 45 Grad beziehungsweise 100 Prozent. Denn das Verteilergetriebe verfügt im Offroadmodus über eine zusätzliche Geländestufe, die alle Gänge verkürzt – mehr Kraft, weniger Tempo für knifflige Passagen. Zudem sind die Federbeine einzeln ansteuerbar. Was dazu verleitet, den GLE nur einseitig hoch zu fahren, was von außen schwer nach Hüftschiefstand aussieht.

Das Facelift von Anfang 2023 brachte innen ein neues Lenkrad und mehr Wippschalter.
Bild: Christoph Boerries / AUTO BILD
Optisch noch spektakulärer: der Freifahrmodus, der den Wagen elektrohydraulisch auf und ab hüpfen lässt, sodass er mit seinen fast 2,5 Tonnen Leergewicht eine Schneewehe oder einen Sandhügel platt klopfen kann. Diese Aufschaukel-Automatik gab’s schon vor dem Facelift und imitiert einen alten Geländefahrer-Trick. Wohl wissend, dass er wegen des Low-Rider-ähnlichen Unterhaltungswerts für Showtänze missbraucht wird, haben die Daimler-Entwickler eine Abschaltung nach etwa einer halben Minute einprogrammiert, wohl auch aus Rücksicht auf Energieverbrauch und Verschleiß.
Technische Daten | Mercedes GLE 450 d 4Matic |
|---|---|
Motor Bauart/Zylinder | Sechszylinder, Biturbo + E-Motor |
Einbaulage | vorn längs |
Ventile/Nockenwellen | 4 pro Zylinder/2 |
Nockenwellenantrieb | Kette |
Hubraum | 2989 cm³ |
kW (PS) bei U/min | 270 + 15 (367 + 20)/4000 |
Nm bei U/min | 750/1350 |
Höchstgeschwindigkeit | 250 km/h |
Getriebe | Neunstufenautomatik |
Antrieb | Allradantrieb |
Abgas CO2 | 214 g/km |
Verbrauch | 8,1 l |
Tankinhalt | 85 l |
Kraftstoffsorte | Diesel |
Vorbeifahrgeräusch | 69 dB(A) |
Anhängelast gebremst/ungebremst | 2700/750 kg |
Kofferraumvolumen | 630–2055 |
Länge/Breite/Höhe | 4924/2157/1797 mm |
Radstand | 2995 mm |
Grundpreis | 97.979 € |
Testwagenpreis | 117.168 € |
Allradtechnisch gibt's – im Gegensatz zum ersten GLE und zum aktuellen GLC (sie verfügen über einen echten Permanentallrad via Zentraldifferenzial) – eher Hausmannskost: eine Lamellenkupplung wie bei den meisten SUV. Auf griffigem Untergrund ist der GLE als Hecktriebler unterwegs, um bei Schlupf an den Hinterrädern oder bei kräftigem Gasgeben blitzschnell einen Kraftschluss zur Vorderachse herzustellen!

Der Reihensechszylinder-Diesel (3,0 l) liefert massive 750 Nm Drehmoment.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Die Achsverschränkung ist bei einer solchen Konstruktion mit Einzelradaufhängung ringsum unspektakulär und kaum erwähnenswert, aber die einzeln ansteuerbaren Luftfedern ersetzen diese zumindest teilweise. Die Spanne der Höheneinstellung liegt übrigens bei rund sieben Zentimetern.
Rumpelpisten sind für den GLE kein Problem
Die Bedienung all dieser Technik erfolgt über zwei Menüs: Offroadansicht des Cockpits über den zappeligen Slider in der linken Lenkradspeiche aufrufen, und den Offroadmodus im Zentralmenü anwählen. Dann stehen dem Fahrer Freifahrmodus, Federbein-Einzelansteuerung und die bereits erwähnte durchsichtige Motorhaube samt Lenkstellungsanzeige hilfreich zur Seite.
Rumpelpisten nimmt der Mercedes nicht einmal zur Kenntnis. Auch von den eigentlich für schwere Baustellen-Lkw gedachten Pisten in den Kieswerken Andresen bei Bad Segeberg, in dem wir die Offroadfotos dankenswerterweise schießen durften, hält uns der massive GLE Unbill aller Art konsequent vom Leib. Einen vergleichbaren Federungskomfort bietet in dieser Klasse allenfalls der ähnlich komfortorientierte Land Rover Discovery.

Heavy Metal: 2480 Kilogramm mit Fahrer – die viele Technik trägt auf.
Bild: Christoph Boerries / AUTO BILD
Die Karosserie oder die Anbauteile geben auch keinerlei Geräusche von sich bei unseren Fotofahrten – man mag kaum glauben, dass es sich um den Nachfahren der M-Klasse handelt.
Komfort ist klar die Kernkompetenz des GLE. Kann er auch Gelände? Eindeutig ja. Allerdings müssen wir in der Sandgrube höllisch aufpassen, erstens auf die vulnerablen 21-Zoll-Räder und zweitens auf den Auspuff, denn der markiert – weit hinten, nahe der Hinterachse – den tiefsten Punkt. Hinzu kommt die ausufernde Breite von 2,01 Metern ohne Spiegel.
Der GLE ist weniger ein Abenteurer in Nadelstreifen wie der nochmals kletterfähigere Range Rover, präziser beschrieben ist er als Komfortgleiter mit Geländeoption. Dem britischen Segmentbegründer hat sich der in Tuscaloosa, Alabama, gebaute Mercedes preislich – Testwagenpreis 117.000 Euro – leider ein weiteres Stück angenähert. Nur strikte Zurückhaltung beim Ankreuzen von Extras hält den Preis noch im fünfstelligen Bereich, der Basis-450 d geht erst bei 97.979 Euro los.
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