Kennen Sie den Unterschied zwischen einem VW Bulli und der Mercedes V-Klasse? Der Bulli war schon immer schlechter als sein Ruf. Und der Marco Polo? War schon immer so schlecht wie sein Ruf. Zumindest bis zur aktuellen Generation, die bei den Kunden ankommt – und auch qualitativ endlich dem Stern im Kühlergrill gerecht wird. Der Crosscamp Life gehört zu den günstigen Campern auf dem Markt. Die Basis kommt von Opel damit  aus dem französischen PSA-Konzern (Peugeot und Citroën) zu tun. Das muss kein Nachteil sein, ganz im Gegenteil. Die Franzosen haben sich mit Boxer und Jumper in der Ducato-Klasse mit ausgebauten Kastenwagen bei uns Campern reichlich Fans erarbeitet.
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Crosscamp Life: Auch einfach macht einfach glücklich

Opel Crosscamp Life 2.0 D
Sieht einladend aus, ist es auch: Mit gedrehten Vordersitzen ist tatsächlich Platz für vier in der kleinsten Hütte.
Optik: Das soll ein Opel sein? Na ja, siehe oben. Anders als bei den Pkw hat es beim Zafira nur zu einem neuen Kühlergrill und ein paar Markenemblemen gereicht, um ihn vom Peugeot Traveller und Citroën SpaceTourer (und auch Toyota ProAce Verso) zu unterscheiden. Allen gemein: Sie sehen modern aus, für ihre Preisklasse hochwertig. Also kein Beinbruch, das mit der Familienähnlichkeit. Auch wenn es nicht die eigene Sippe ist, der der Opel wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Wohnen: Ein Versehen? Schiebetür links geöffnet – und Sie stehen direkt vor der Küchenzeile. Nee, Absicht. Anders als der Marco Polo ist der Crosscamp Life überhaupt mit zwei Türen lieferbar (Serie, für 1049 Euro auch elektrisch), und der Küchenblock kann ausgebaut werden. Zwei Schrauben lösen, Stromversorgung kappen – und schon wird der Crosscamp uneingeschränkt alltagstauglich, kann wie ein Bulli ohne Campingausbau genutzt werden. Die Küche selbst ist übrigens hochwertig gestaltet (die neuen Fronten in Steinoptik sehen echt cool aus). Blöd aber, dass es nur zwei Schubladen gibt, das lässt einen im 14-Tage-Urlaub dann doch etwas ratlos zurück. Und wo wir gerade meckern: Unter den Schubladen sind die Tanks für jeweils zehn Liter Frisch- und Abwasser untergebracht – mickrig, der Marco Polo bietet 38 bzw. 40. Sonst gibt es nicht viel Raum für Kritik. Die Vordersitze sind einfach drehbar, der Tisch ist groß und robust. In einer Viererrunde essen geht mit dem Crosscamp Life problemlos indoor. Muss aber nicht, mit dem Outdoor-Kit für 199 Euro kann die Küche auch draußen benutzt werden. Ziemlich lässig!
Schlafen: Der ist wirklich fast fünf Meter lang? Ja, 4,95 Meter, um genau zu sein. Der Liegekomfort hält sich ohne Zusatzauflage allerdings in Grenzen, Unebenheiten sind beim Schlafen deutlich zu spüren. Hinzu kommt, dass die Liegefläche mit einer Breite von gut 1,10 Metern für zwei Personen nicht gerade üppig ist. Oben wird es mit 1,86 x 1,05 Metern noch kuscheliger. Fahren: Der hat wirklich nur 150 PS? Fühlt sich spritziger an – und schon gar nicht nach gut 2,3 Tonnen Leergewicht. Die Lenkung spielt optimal mit, straff und präzise wie im Pkw. Komfort: Die Basis stammt aus Frankreich, richtig? Ja, merkt man an der Federung. Fast schon flauschig, selbst grobe Unebenheiten haben keine Chance. Und der Diesel ist fein gedämmt. Spaßfaktor: Ein Camper und Spaß? Eindeutig ja. Kompakt im Alltag, geschliffener Charakter beim Fahren, megapraktisch und ein bequemes Zuhause für zwei im Urlaub – klingt für uns nach einer runden Sache.

Marco Polo: Reisen wie im Pkw und Platz ohne Ende

Mercedes Marco Polo 300 d
Alles im Griff: Küchenzeile mit Kühlbox, Gasherd und Spüle, fein nebeneinander arrangiert. Praktisch: der ausklappbare Tisch.
Optik: Zumindest optisch haben sie sich bei Mercedes zurückgehalten. Neuer Stoßfänger mit Chromspange und großem Lufteinlass, innen gibt's neue Lüftungsdüsen und den größeren Bildschirm für das Multimediasystem – das war es schon. Mehr war auch nicht nötig, optisch ist der Marco Polo immer noch frisch. Was geblieben ist, ist die Pkw-ähnliche Linie der V-Klasse. Sie sieht weniger kastig aus als die der Konkurrenten. Was mit Blick auf die Höhe von 1,99 Metern aber eine optische Täuschung ist. Wohnen: Mercedes hat im Prinzip das California-Konzept 1:1 übernommen. Der Ausbau kommt vom Spezialisten Westfalia. Und dessen Erfahrung spürt man, die Raumausnutzung ist ebenso gut wie die Qualität. Zumindest im Neuzustand, im Alltag neigen die Verschlüsse der Schubladen und Schiebetüren dazu auszuleiern. Sich selbstständig öffnende Schubladen in Kurven (oder ein Werkstattaufenthalt) sind die Folge. Sonst gibt es wenig zu meckern. Anders als im Crosscamp sind ausreichend Ablagen und Stauraum (auch unter der Sitzbank) vorhanden, im Heckschrank lassen sich sogar Klamotten aufhängen. Spülbecken und Gasherd taugen auch für längere Urlaube problemlos. Anders gelöst als beim Crosscamp ist die standardmäßige Unterbringung der Kühlbox (Inhalt: 40 Liter) in der Küchenzeile. Ähnlich wie beim Crosscamp entsteht mit umgedrehten Vordersitzen eine großzügige Sitzgruppe für vier. Aber Vorsicht, bei umgedrehten Vordersitzen kann man sich schnell die Füße am scharfkantigen Unterbau der Sitze aufkratzen.
Schlafen: Beide Liegeflächen bieten eine Breite von 1,40 Meter – die entscheidenden Zentimeter mehr gegenüber dem Crosscamp. Unten braucht es wie beim Crosscamp eine Zusatzauflage, sonst drücken die Gurtschlösser in den Rücken. Fahren: Als 300er wird der Marco Polo wohl zum schnellsten Schlafzimmer der Welt. Mit 239 PS, 500 Newtonmeter Drehmoment und 214 km/h Spitze. Beeindruckend: eben noch 14 Tage im Benz gewohnt – und dann im ICE-Tempo wieder nach Hause. Komfort: Dazu kommt der geschliffene Komfort, der dem Stern im Kühlergrill gerecht wird. Leise gedämmter Motor, sanfte Federung – mehr geht in dieser Klasse nicht. Ah, doch: Ab Herbst 2020 ist eine Luftfederung erhältlich. Spaßfaktor: Trotz des hohen Komforts macht der Marco Polo auch noch Spaß: straffe Lenkung, präzises Fahrverhalten. Und der Sahnemotor? Eine Mordsgaudi.

Bildergalerie

Wohnmobil-Test Mercedes Marco Polo/Crosscamp Life
Wohnmobil-Test Mercedes Marco Polo/Crosscamp Life
Wohnmobil-Test Mercedes Marco Polo/Crosscamp Life
Kamera
Wohnmobil-Test Mercedes Marco Polo/Crosscamp Life

Von

Stefan Voswinkel