War früher wirklich alles besser? Nun ja, in der Erinnerung waren Mercedes-Benz-Autos mit Dieselmotor echte Kilometerfresser, die nach einer halben Million Kilometern nach Afrika oder Arabien exportiert wurden, um dort die Million endgültig vollzumachen. Und heute? Rückrufe, Injektorprobleme, Steuerkettenlängungen. Doch das gilt nicht für alle Modelle und erst recht nicht für alle Motoren. Die positive Ausnahme: der seit 2005 produzierte Dreiliter-V6-Turbodiesel mit der internen Kennung OM642. Injektorprobleme? Selten. Turboladerdefekte? Sehr selten. Motorschäden? So gut wie nie. Zahlreiche Leser haben bereits mehr als 250.000 Kilometer mit dem V6-Diesel abgespult – und er läuft immer noch gut.
So übel, wie es die Glorifizierer der alten Zeiten sehen, ist die Neuzeit also nicht immer. Das gilt auch für diesen Motor in der 2011 präsentierten dritten Generation der M-Klasse, um die es hier geht. Diese intern W 166 genannte Baureihe traf allerdings 2015 ein hartes Schicksal: Sie wurde einfach umbenannt – von ML in GLE, weil das besser zum jüngsten Typenkürzelsystem von Mercedes passt. Zusammen mit der Umstellung investierte Mercedes in eine Modellpflege mit aufgefrischter Optik, vergrößertem Infotainment-Bildschirm und neuen Motor-  und Getriebeversionen.

Das Problem mit der AdBlue-Beimengung bleibt bestehen

Mercedes ML 350
90 Prozent aller ML/GLE in Europa haben den V6-Turbodiesel unter der Haube. Bekanntes Problem: Schwierigkeiten mit der AdBlue-Einspritzung.
Und doch ließ sich ein spezielles Problem der mit großem Abstand meistverkauften Motorversion 350 d offenbar nicht endgültig lösen: die Schwierigkeiten mit der AdBlue-Beimengung im Abgasstrang zur Reduzierung der Stickoxide. Ob nun ML 350 BlueTec, wie er bis 2015 hieß, oder GLE 350 d, das Problem ist immer das gleiche: Plötzlich leuchtet während der Fahrt eine gelbe Kontrolllampe auf, die normalerweise einen zu niedrigen Flüssigkeitsstand im AdBlue-Vorratstank melden soll. Es passierte allerdings bei nur fünf Prozent der Fragebogeneinsender, dass diese Lampe aufleuchtete, obwohl ganz klar mehr als genug von der wässrigen Harnstofflösung zur Reduzierung der Diesel-typischen Stickoxide im Abgas im Tank war. Der dann folgende Werkstattbesuch schafft oft keine dauerhafte Abhilfe, weil es offenbar nicht so einfach ist, den Fehler zu finden. Es kann an einem oder mehreren der Messsensoren liegen oder auch an der elektrischen Beheizung des AdBlue-Tanks. Selten tritt dieses Phänomen vor Kilometerstand 150.000 auf. Selten ist es aber auch mit nur einem Werkstattbesuch und Reparaturversuch getan. Allerdings zeigt sich Mercedes offenbar auch Jahre nach Ablauf der zweijährigen Garantie großzügig und spendiert im Rahmen einer Kulanzleistung kostenlos neue Sensoren, obwohl diese alles andere als billig sind: Zwischen 600 und 1700 Euro kosten die Dinger, je nach Sensor. Voraussetzung ist wie immer die durchgehende Wartung beim Mercedes-Vertragshändler. Bei manchen Fahrzeugen tritt das Problem aber trotz Austausch diverser Teile fünf- oder sechsmal auf – bis die ML/GLE-Besitzer ihr Gefährt entnervt abstoßen und dabei nicht selten dem Diesel generell abschwören.

Mechanische Probleme hat der W 166 selten

Mercedes ML 350
Ab dem Namenswechsel von ML zu GLE baute Mercedes seine Neunstufen-Wandlerautomatik ein – jedenfalls in die Dieselmodelle. 
Wir können diesem AdBlue-Kontrollleuchten-Problem deshalb so viel Raum schenken, weil sonst so wenig zum W 166 zu sagen ist. Fahrwerk, Lenkung, Bremsen, Motor – alles gut. Halt – über die Automatikgetriebe müssen wir noch sprechen. Ab dem Namenswechsel von ML zu GLE baute Mercedes seine Neunstufen-Wandlerautomatik ein statt der mit sieben Stufen – jedenfalls in die Dieselmodelle. Es gibt einen sehr kleinen Anteil von Fahrzeugen mit Automatikgetriebeschäden (zwei Prozent), meist ab Kilometerständen von 175.000. Die betreffen praktisch ausschließlich das ältere Siebenganggetriebe, das laut Insiderkreisen froh wäre, wenn ihm jemand etwa alle 100.000 Kilometer einen Ölwechsel gönnen würde, auch wenn das von Mercedes selbst nicht vorgeschrieben ist. Deutlich höher ist die Beschwerderate (acht Prozent) über Feuchtigkeit in den Scheinwerfern, vor allem bei der LED-Ausführung. Eine endgültige Lösung scheint es hier aber nicht zu geben. Das kann man allerdings auch bei vielen anderen Marken und deren Modellen mit LED-Scheinwerfern beobachten. Mit den Werkstätten sind die ML/GLE-Besitzer mehrheitlich zufrieden; etwas mehr als zwei Drittel vergeben hier gute Noten. Und dies trotz eines durchschnittlichen Preises von 790 Euro für eine große Inspektion. Zufriedenheit lässt sich auch aus der Wiederkaufquote ablesen. 61 Prozent würden sich wieder einen ML/GLE kaufen. Weitere 13 Pozent wollen das Modell wechseln, nicht aber die Marke. Elf Prozent wissen schon, dass sie umsteigen wollen – meist auf BMW.

Bildergalerie

Gebrauchtwagen-Test Mercedes ML 350 (W 166)
Gebrauchtwagen-Test Mercedes ML 350 (W 166)
Gebrauchtwagen-Test Mercedes ML 350 (W 166)
Kamera
Gebrauchtwagen-Test Mercedes ML 350 (W 166)
Fazit: 3,5 Tonnen Anhängelast, ordentlich Bodenfreiheit, viel Platz und Komfort sowie hohe Zuverlässigkeit – der 2018 abgetretene ML/GLE ist beliebt und deshalb als Gebrauchter teuer. Nur die zu hohe Rate mit Ölverlust stört.

Von

Martin Braun