Keine Frage, dieser Mercedes SL hatte ein ruhiges Leben. In 15 Jahren kamen gerade mal 68.000 Kilometer zusammen. Erst im milden Süden der Schweiz, dann im mittelitalienischen Paglieta. Einen echten Winter hat er wohl nie mitgemacht.
Auch der hätte dem Qualitätsautomobil kaum geschadet, denn der R 129 – so der werksinterne Code – widersteht dem Zahn der Zeit wie kaum ein Zweiter. Das wirft die Frage auf, warum Exemplare dieser SL-Baureihe heute so billig sind. Runtergerockte Kilometerfresser im sündigen Tuning-Look bietet der Kiesplatzhändler an der Ausfallstraße schon für deutlich unter 15.000 Euro feil. Einen nagelneuen Opel Corsa gibt es für wenig mehr.
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Doch auch Kenner, die nach werksbelassenen Wenigfahrer-Autos mit maximal zwei Briefeinträgen und durchgestempeltem Wartungsheft der Mercedes-Niederlassung fahnden, müssen kein Vermögen investieren – nicht einmal für den 500er, jenen 326 PS starken Bilderbuch-V8, mit dem Mercedes 1989 in eine bis dato unbekannte Leistungsliga vorstieß.
Mercedes R129
"SL" ist als Abkürzung von "Super Leicht" bei einem Leergewicht von 1850 Kilo nicht ganz ernst zu nehmen.

Genießen lässt sich ein R 129 aber auch mit sechs Zylindern. Und da Designchef Bruno Sacco im Lauf der zwölfjährigen Bauzeit nur zarte Retuschen zuließ, blieb der unprätentiöse Charme des Urmodells selbst dann erhalten, als die beiden auf gut Schwäbisch "MoPf" (Modellpflege) genannten Facelifts weiße Blinker, einen retuschierten Kühlergrill, in Wagen- statt Kontrastfarbe gefärbte Stoßfänger und auffälligere Kiemen brachten.

Warum der Reihenmotor eine gute Wahl ist

Der Mercedes-Connaisseur wird dem Reihenmotor den Vorzug geben, obwohl auch gegen die 1998 eingeführten V-Triebwerke wenig spricht. Ein später M104 wie in unserem Fotowagen ist die perfekte Wahl, wenn es um klassisches SL-Gefühl und eine attraktive Mischung aus Laufkultur und Leistung geht, ohne dass die Kosten für Betrieb und Unterhalt ins Ruinöse abdriften.
Mercedes R129
Der Reihen-Sechser ist Höhepunkt einer Epoche; 1998 stellte Mercedes auf V-Motoren um. V8 und V12 gab es über die gesamte Bauzeit.

Da sich der 129er als Sportwagen versteht – Roadster mag man ihn ja angesichts der vielen Luxus-Gimmicks kaum mehr nennen –, sollten es die gebotenen 231 PS schon sein. Das wallende Sacco-Kleid verhüllt etwas Wohlstandsspeck: Hier gilt es, über 1800 Kilo zu bewegen!

Fahrwerk ist grundsolide Großserie vom W 124

Schon beim Zuschlagen der Türen spürt man: Wir haben es nicht mit einem vergänglichen Lebensabschnitts-Cabrio zu tun hat, sondern mit einem wertvollen Langzeitautomobil. Wir wollen jetzt nicht wieder mit der Beschwörung des "letzten echten Mercedes" beginnen. Aber während einer ausgedehnten Herbstpartie über die Höhenzüge der Schwäbischen Alb schießt einem doch immer wieder die Frage durch den Kopf, ob sie in Stuttgart je wieder solidere Autos gebaut haben als in den frühen Neunzigern. Dem Heavy-Metal-Appeal ist es letztlich auch geschuldet, dass sich Umsteiger vom ewigen R 107 trotz der formalen Zäsur im Nachfolger auf Anhieb heimisch fühlen.
Mercedes R129
Figurfreundlich: Der schlanke Stil aus der Feder von Mercedes-Designchef Bruno Sacco kaschiert den Wohlstandsspeck.

Und das Wohlgefühl hat auch handfeste technische Gründe: Die Achsen spendierte der als Motordroschke millionenfach bewährte "Wagen 124". Jugendlicher Sportlichkeitswahn lag dem SL schon immer fern. Auch in den Neunzigern war er mehr zweisitzige S-Klasse als scharfe Kurvenfräse. Dennoch: Trotz der etwas teigig wirkenden Kugelumlauflenkung und nachgiebiger Federn fährt er sich im Vergleich zu zeitgenössischen Mitbewerbern wie etwa einem Jaguar XJ-S agil und handlich.
Nur der 8er-BMW konnte ihm das Wasser reichen, aber den gab es nicht offen, weil seine Väter ihm das Zittern niemals abgewöhnen konnten. Der SL wirkt unerschütterlich und fest. Nichts knackt, nichts knistert. Karosserie und Fahrwerk sind so steif wie die Betonfrisuren jener Ladys, die ihn früher so oft fuhren.

Überrollbügel wird pyrotechnisch ausgelöst

Auch beim Thema Sicherheit macht der R 129 keine halben Sachen. Als Pionier auf diesem Gebiet lastete auf Mercedes hoher Erwartungsdruck – dem die Ingenieure mit einer ganzen Liste von Neuerungen gerecht wurden. Zur formstabilen Zelle gesellten sich aufprallfeste Integralsitze, von deren Komfort sich selbst teure Premiumware heutiger Nobelkarossen eine Scheibe abschneiden können.
Das Tüpfelchen auf dem i war allerdings – Premiere im Serienautomobilbau – ein pyrotechnisch ausgelöster Überrollbügel, der im Notfall blitzartig hinter den Sitzen hochschnellt.
Mercedes R129
Das Stoffverdeck vom Mercedes SL R129 verschwindet auf Tastendruck in 28 Sekunden. Vor 30 Jahren eine Riesen-Schau.

Der Dach-Strip ist heute noch eine Schau

Wer damals 135.000 Mark an den Mercedes-Händler überwies, bekam aber noch mehr geboten. Ein 34 Kilo leichtes Hardtop beispielsweise, in Minutenstelle an- und abbaubar. Und ein elektrohydraulisches Stoffverdeck, das den SL in (heute ewig erscheinenden) 28 Sekunden in einen Platz an der Sonne verwandelte. Inzwischen nichts Besonderes mehr, doch damals stand Beobachtern der Mund vor Staunen offen, wenn die Arztgattin vorm Café eine Taste betätigte und damit 6 Verschlüsse, 17 Endschalter und 11 Magnetventile in Gang setzte.
Der Dach-Strip ist noch heute eine Schau: Erst lösen sich mit leisem "Klack" die Arretierungen hinter dem Passagierabteil. Dann macht sich die gespannte Stoffmütze ein bisschen locker, räkelt sich, schwingt wellenförmig nach hinten, während sich der Staukastendeckel hebt, woraufhin alles, akkurat gefaltet, glatt in einer Mulde unter ihm verschwindet.
Mercedes R129
Die einen sagen Taxi-Look, die anderen nennen es funktionale Ästhetik: Das SL-Cockpit atmet die strenge Sachlichkeit der späten Achtziger.

Lange Aufpreisliste: Jeder kleine Luxus wurde extra berechnet

Die ingeniöse, stets im Fahrzeugpreis enthaltene Dachmechanik darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Mercedes anderswo beschämend geizig blieb. Selbst als die SL-Preise Mitte der Neunziger längst die 100.000-Mark-Grenze übersprungen hatten, baten die Schwaben für jeden kleinen Luxus gesondert zur Kasse – und für den großen erst Recht.
Lederpolster, Klimaautomatik und das Radio "Exquisit" (hier gekoppelt mit einer Bose-Soundanlage, deren Bass-Booster die hinteren Notsitze zum Opfer fielen) ließen den Preis für diesen SL 1997 auf 150.000 Mark hochschnellen. Heute, beinahe 25 Jahre später, trifft der legendäre Ausspruch von Henry Royce voll zu auf den R 129: "Qualität besteht, auch wenn der Preis längst vergessen ist."