Willkommen im Motorradhimmel! Sie veranstalten das älteste Motorradrennen der Welt und locken mit Landstraßen ohne Tempolimit. So wurde die Isle of Man zum Paradies der Petrolheads. Aber selbst mit einem E-Auto wie dem MG Cyberster kann man sich dem Reiz der Insel in der Irischen See nicht entziehen.
Normalerweise strömen Inseltouristen erst mal an die Uferpromenade, streunen durch die Gassen am Hafen, klettern auf den Mauern der alten Festung oder stürmen gleich an den Strand. Doch wer nach gut drei Stunden Überfahrt in Douglas aus dem Bauch der HSC Manannan auf die Isle of Man kommt, den zieht es wie magisch in die Glencruthery Road. Denn hier stehen das ganze Jahr über die Haupttribüne und Boxengasse der Tourist Trophy – und hier wird jedes Jahr im Mai und Juni das vielleicht verrückteste, sicher aber gefährlichste Motorradrennen der Welt gestartet. Seit mittlerweile fast 120 Jahren.
Kein Wunder, dass die Fähre voll ist mit Motorrädern jedes Alters und jeder Leistungsklasse und dass unmittelbar nach dem Anlegen ein hochtouriges Kreischen und Schreien über dem vom Zahn der Zeit hungrig angenagten 30.000-Seelen-Städtchen liegt. Schließlich will jeder einmal diese Runde fahren, die keine Rennstrecke ist wie der Hockenheimring oder die Nordschleife, sondern ein Straßenkurs wie in Le Mans – nur länger: 37,7 Meilen bzw. 60,7 Kilometer. Und ohne Tempolimit, zumindest dort, wo nicht gerade eine Ortschaft beginnt.

Legendärer Rundkurs auf der Isle of Man

Ein Drittel des gesamten Straßennetzes ist völlig offen – und das meiste davon gehört zum Rundkurs. Der zieht sich quer über die Insel, führt parallel zur Küste nach Norden, schneidet bei Ballaugh die Spitze ab, kommt bei Ramsey wieder in den Osten, windet sich dann in Serpentinen auf den 621 Meter hohen Snaefell und fällt vor der Glencruthery Road zurück auf Meereshöhe.
MG Cyberster
MG Cyberster: Elektro-Roadster mit Retro-Charme und Hightech-Cockpit – eine Hommage an 100 Jahre MG.
Bild: Craig Pusey
Raserei ohne Risiko gegenüber der Polizei, unzählige Kurven, Panoramablicke nach Irland und Schottland, Highlands-Feeling, Schluchten, Wälder und Wiesen – kein Wunder, dass die Isle of Man nicht nur Biker, sondern auch ambitionierte Autofahrer anzieht.
Und deshalb steht zwischen all den heißen Öfen an der Central Promenade auch ein MG Cyberster – ein Auto, dessen Geschichte genauso verrückt ist wie die der Tourist Trophy.

MG Cyberster: ein chinesisch-britischer Exot im TT-Land

Schließlich ist MG genau wie die TT über 100 Jahre alt – aber mittlerweile eine chinesische Marke. Und seit Jahren erzählen Analysten, dass ausgerechnet die Chinesen keine offenen Autos mögen und deshalb den Roadstern den Garaus bereitet hätten.
Ein offenes Elektroauto? Seit dem seligen Tesla Roadster Fehlanzeige – das Fiat 500 Cabrio gilt nicht wirklich. Doch zum 100. Geburtstag hat MG seine britischen Wurzeln neu entdeckt. Fotos von MGA, MGB, MGC oder später dem MG F wurden studiert – und daraus ein Roadster für die nächsten 100 Jahre entwickelt. Ein bisschen digitales Gedöns für den chinesischen Markt, elektrische Lambo-Türen für die Show – fertig war der erste echte Roadster für die Generation E. Und das einzige Open-Air-Modell aus China.
MG Cyberster
Der Cyberster verbindet klassisches Roadster-Feeling mit digitalem Innenraum.
Bild: Craig Pusey
Während Audi den nach diesem Rennen benannten TT vor zwei Jahren nach drei Generationen eingestellt hat und weiterhin nicht weiß, wie elektrischer Fahrspaß künftig funktionieren soll, zeigen uns also die Chinesen, wie es geht – selbst wenn sie dabei auf englische Erfahrungen setzen.

Der TT-Fighter gibt alles – nur die Insel gibt wenig zurück

Wie zur Belohnung spielt der MG seinen größten Vorteil gleich zu Beginn aus: gutes Wetter! Das sonst so tückische Klima der Irischen See zeigt sich sonnig. Wo auf dem Schiff noch über ruppige Wellen geschimpft wurde, hat der Wind jetzt die Wolken weggeblasen. Stählernes Blau über sattem Grün – perfekte Roadster-Kulisse.
Ein Druck auf die Taste: Flügeltüren auf, Dach auf, der Cyberster wird zum TT-Fighter. Nur: Die Strecke ist so eng, so fordernd, so voller Rennsport-DNA, dass man kaum Zeit hat, den Blick schweifen zu lassen. Schwarz-weiße Bordsteine wie Curbs, Streckennamen wie auf der Nordschleife, Fangzäune und Heuballen – selbst eine Sonntagsfahrt fühlt sich an wie ein Warm-up vor dem Rennen.
Und der MG? Fühlt sich trotz – oder wegen – seiner zwei E-Motoren richtig wohl. 510 PS, 725 Nm, ohne Verzögerung auf allen vier Rädern – schon das reicht, um an gemütlich fahrenden Einheimischen vorbeizufliegen, die offenbar nichts wissen wollen von der Freiheit ohne Limit.
MG Cyberster
510 PS, 725 Nm, ohne Verzögerung auf allen vier Rädern – schon das reicht, um an gemütlich fahrenden Einheimischen vorbeizufliegen.
Bild: Craig Pusey
0–100 km/h in 3,2 Sekunden – selten war Überholen mit einem "britischen" Roadster so einfach. Und selbst wenn TT-Biker über die auf 200 km/h begrenzte Höchstgeschwindigkeit lachen (auf der Sulby Straight knacken sie über 300!), braucht man verdammt viel Mut, um hier voll durchzuladen.

Insel gut, Ladesäulen schlecht

So reif der MG Cyberster für die Insel ist – die Insel selbst ist für den Elektro-Roadster noch nicht reif. Es gibt kaum mehr als zwei Dutzend Ladesäulen, der einzig nennenswerte "Schnelllader" bringt es auf magere 75 kW. Und das auch noch mit nur einem Anschluss. Der Cyberster kann maximal 144 kW – aber wo nichts ist, lädt auch nichts schnell.
Gut, dass direkt gegenüber der beste Bäcker der Insel sitzt. Und gut, dass der TT-Kurs nur 37,7 Meilen misst. Drei Runden – also die Renndistanz – sind mit dem 77-kWh-Akku locker drin. Nur nicht mit einem Schnitt von 219,447 km/h, dem Rekordwert von Peter Hickman auf seiner BMW M1000RR.
Direkt von der Strecke ist es nur ein kurzer Abstecher zum Isle of Man Motor Museum. Dort warten Hunderte Motorräder, eine beeindruckende Autosammlung – und ein halbes Dutzend Ladesäulen. Zwar nur 11 kW, aber genug, um die längste Ladezeit der Welt zu überbrücken.
Schließlich erzählen sie dort die ganze Geschichte des ältesten Motorradrennens der Welt.