Langweilige Kunden wollen langweilige Autos. Das klingt zwar nicht eben freundlich. Aber es erklärt, warum eine Marke wie Toyota die PS-Welt regiert und warum niemand mehr Neuwagen verkauft in Deutschland als Volkswagen. Und es erklärt zum Teil auch, weshalb sich die Chinesen bei uns so schwertun – zumindest die allermeisten. Denn mit Raumfahrtdesign und digitalem Overkill kann man vielleicht in Guangzhou und Hangzhou Kunden locken, aber nicht in Gütersloh oder Hannover.
Einer, der das verstanden hat, ist MG. In England gegründet und nach China verkauft, gehört die Marke mittlerweile zum SAIC-Konzern, der auch VW-Partner ist. Zwar müssen die Chinesen keine Wolfsburger Technik mehr kopieren, das können sie mittlerweile mindestens genauso gut. Aber Stil und Zuschnitt haben sie sich genau angeschaut und deshalb Autos im Programm, die hier viel besser ankommen als die von Nio & Co. So ist MG zu einem der erfolgreichsten China-Exporteure geworden und legt jetzt noch einmal nach.

Neuer MG S6 ab Sommer am Start

Denn schon im Sommer 2026 bringen die Chinesen als elektrisches Flaggschiff zu Preisen ab 49.990 Euro den MG S6 an den Start und beweisen damit ein gehöriges Selbstvertrauen. Konkurrenten wie Skoda Enyaq oder Kia EV5 bieten ähnliche Akkus und Reichweiten, sind auf den ersten Blick aber sogar günstiger. Erst mit der – wie bei vielen chinesischen Herstellern üblichen – üppigen Ausstattung ändert sich das Bild, und MG holt einen Preisvorteil heraus.
MG S6
Der MG S6 startet im Sommer 2026 ab 49.990 Euro und zielt direkt auf Skoda Enyaq und Kia EV5.
Bild: MG
Mit dem 4,71 Meter langen SUV bleibt MG seiner konservativen Linie treu. Das gilt für die Karosserie, die zwar gefällig geformt ist und nirgends aneckt, sich dafür aber auch nicht in die Erinnerung brennt oder gar Besitzerinstinkte weckt. Und das gilt mehr noch für das Cockpit, das auf eine positive Art und Weise fast altmodisch wirkt.
Denn auch wenn die Chinesen neben den digitalen Instrumenten natürlich einen großen Touchscreen einbauen und wichtige Informationen zusätzlich ins Head-up-Display spiegeln, gibt es genügend Taster und Schalter am Lenkrad und in der Mittelkonsole. So können ihn auch Menschen bedienen, die noch mit Wählscheibe und Kabel am Telefon aufgewachsen sind.

Überraschung auf der Rückbank

Also alles wie immer? Nicht ganz. Denn wer denkt, der S6 hätte bei so einem konventionellen Zuschnitt keine Überraschung zu bieten, muss nur einmal die Plätze wechseln und hinten einsteigen.
MG S6
Innenraum mit großen Displays, aber vielen Tasten – bewusst klassisch gestaltet.
Bild: MG
Bei 2,84 Meter Radstand sitzt man in der zweiten Reihe nämlich erstklassig, lümmelt lässiger als der Vordermann und schaut fast mitleidig auf die Hinterbänkler selbst in einem Mercedes EQE SUV. Und obwohl der Raum selbst für Schuhgröße 46 reicht, kann man die Füße sogar unter den Vordersitz schieben. Nicht umsonst zählt der MG-Akku mit einer Dicke von nur elf Zentimetern zu den flachsten seiner Art.
Trotzdem bietet er eine Kapazität von 77 kWh, mit denen der S6 im besten Fall 530 Kilometer weit fährt und sich damit auf dem Niveau der Konkurrenz bewegt. Beim Laden dagegen haben die Chinesen offenbar eine etwas längere Leitung: Mehr als 11 kW am Wechselstrom und 144 kW am Gleichstrom sind nicht drin. Für den Sprung von zehn auf 80 Prozent vergehen rund 38 Minuten.

Komfort statt Sport

Mehr Engagement zeigt der S6 beim Antrieb. In der Grundversion arbeitet an der Hinterachse eine E-Maschine mit 244 PS, im Topmodell kommen zwei Motoren mit zusammen 361 PS zum Einsatz. Beide Varianten fahren der Konkurrenz mit bis zu 200 km/h locker davon, und der Allradler sprintet mit 540 Nm in 5,1 Sekunden von 0 auf 100 km/h.
MG S6
Trotz Elektroplattform bleibt der Stauraum voll alltagstauglich.
Bild: MG
Auf der Straße zeigt sich allerdings schnell: Der Fokus liegt weniger auf Dynamik als auf Komfort. Das große SUV will eher Pampersbomber sein als Performer und predigt eine elektrische Gelassenheit. Die Lenkung arbeitet leichtgängig, das Fahrwerk filtert selbst ruppige Straßen zuverlässig weg. Für Mitfahrer ist das angenehm – für ambitionierte Fahrer dagegen manchmal fast zu sanft.
Immerhin bedient MG alle Bedürfnisse der Generation E und hat gleich fünf Rekuperationsstufen programmiert, mit denen vom Segeln bis zum One-Pedal-Fahren alles möglich ist.
Was dem Antrieb an Puls fehlt, übernimmt allerdings die Elektronik – leider nicht immer im besten Sinne. Denn wie bei vielen China-Autos ist die Auswahl an Assistenzsystemen üppig, aber teilweise eher nervig als hilfreich. Immerhin lässt sich ein eigenes Profil speichern, sodass man nach dem Neustart nur zwei Klicks braucht, um seine Ruhe zu haben.

MG denkt schon weiter

Zwar marschiert MG mit dem S6 langsam in die Mittelklasse und damit auch in neue Preisregionen. Doch enden die Ambitionen der Chinesen hier nicht.
Schon heute versuchen sie sich mit den elektrischen Tesla-Rivalen IM5 und IM6 außerhalb der EU in der Premium-Liga. Und für Europa ist bereits ein weiterer Schritt geplant: Mit dem S9 soll bald der erste Siebensitzer der Marke kommen, der sich nahe an die Fünf-Meter-Grenze herantastet. Allerdings fährt der nicht rein elektrisch, sondern als Plug-in-Hybrid – und dürfte preislich sogar knapp unterhalb des S6 liegen.