Die Kunst besteht darin, keinen einzigen Tritt auszulassen, damit der Rhythmus nicht auf der Strecke bleibt. Auch wenn die Beine das Gegenteil wollen, lautet die Devise, weiter in die Pedale zu treten, kraftvoll und möglichst rund. Wer stoppt, der steht, so einfach ist das Gesetz des Berges. Es gibt wenig im Profi- und Breitensport, was aufrichtiger ist als ein saftiger Anstieg. Es gibt aber auch nichts, was mehr schmerzen kann.
Mein Rhythmus ist schon zwölf Kilometer vor dem Gipfel des Mauna Kea gebrochen, als der Radcomputer unter 5 km/h in den Auto-Stopp geht. Schuld ist das Gravelstück nach dem Besuchercenter auf 2800 Meter Höhe, auf dem ich schon mehr als drei verdammte Meilen über die raue Piste krieche – und dabei liegt doch noch eine Meile Schotter vor mir, bevor der lose Untergrund wieder in Asphalt übergeht und zum Gipfel führt.
Das wackelige Vorankommen auf diesem widrigen Stück Schotter ist ein Vabanquespiel zwischen totalem Energieversagen und drohendem Bad im fein gemahlenen Vulkangestein – ohne Happy End. Als ich glaube, dass das Schlimmste hinter mir liegt, türmt sich vor der vorletzten Kurve eine Rampensau mit 17 Prozent auf. Kein Wunder, dass auf dem Gipfelweg nur Allradfahrzeuge zugelassen sind.
Mauna Kea mit dem Rennrad
Im Startort Hilo ist die letzte Verpflegungsstelle. Danach ist man 45 Kilometer auf sich allein gestellt. Toilette und Wasser – mehr aber auch nicht – gibt es erst wieder im Mauna Kea Visitor Center.
Bild: Lisa Kähler

Der schlafende Riese

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass man Berge nehmen muss, wie sie kommen. Mutter Natur hat bestimmt gute Gründe gehabt, als sie uns Radfahrern derartige Herausforderungen in den Weg gestellt hat – erst recht auf Big Island, Hawaii. Wohl an keinem anderen Ort der Welt lassen sich Energie und Eigensinn der Erde besser erleben als auf der größten, jüngsten und tatsächlich immer noch wachsenden Hauptinsel des Archipels im Pazifik.
Die Hauptattraktion von Big Island sind Vulkane, von denen manche immer noch Lava spucken. Nur einen Monat vor meinem Besuch im Oktober dieses Jahres brach überraschend der Kilauea aus; der Mauna Loa meldete sich schon letztes Jahr unerwartet nach 40 Jahren Inaktivität zurück. Die Hawaiianer haben ihre eigenen Art, mit Naturlaunen wie Vulkanausbrüchen umzugehen. Sie sagen demütig: Die Insel nimmt, und die Insel gibt.
Demut muss man auch mitbringen, wenn man den Mauna Kea mit dem Gravelbike, Mountainbike oder Rennrad bezwingen will. Bezieht man den Abschnitt unterhalb der Meeresoberfläche mit ein, dann überragt der 10203 Meter hohe Vulkan locker den Mount Everest. Und auch wenn der Mauna Kea nicht mehr aktiv ist, so ist der Gipfelsturm trotzdem ein heißer Ritt. Von Hilo im Osten von Big Island führt der mit Ausnahme von fünf Schottermeilen komplett geteerte Weg von Meereshöhe ohne Möglichkeit der Erholung und Verpflegung quasi nur noch bergauf zum 4205 Meter hohen Gipfel.
Wäre der Aufstieg eine Netflix-Serie, gäbe es vier Episoden: Die ersten 2000 Höhenmeter beziehungsweise 45 Kilometer spielen auf dem Lava-Highway der hoch frequentierten „Saddle Road“, die Ost und West der Insel verbindet. Die Durchschnittssteigung ist moderat, der Gegenwind der ärgste Widersacher. Wenigstens hat man nach 14 Kilometern das erste Mal die markanten weißen Gipfel-Teleskope vor Augen, und auf dem Seitenstreifen ist genug Platz, um die dicken Brummer der Amis auf Abstand zu halten. Ab der Mauna Kea Access Road kommen bis zum Besuchercenter weitere 800 Höhenmeter aufs Konto, die es aber in sich haben. Hier wird man das erste Mal ernsthaft geprüft an Teilstücken mit 14 Prozent Steigung und mehr. Das ist auch der Moment, wo man beginnt, nicht mehr in Kilometern, sondern nur noch in Höhenmetern zu rechnen. Wer will, kann oben angekommen ein Päuschen einlegen und sich über den bedeutenden Astronomie-Hotspot schlaumachen.
Es folgen etwa fünf Meilen Gravel und nochmals vier Meilen Asphalt, zusammen 1400 Höhenmeter. Oder anders gesagt: Man fährt erst Alpe d’Huez, bezwingt dann den Mont Ventoux, danach den Col du Galibier, ist aber noch nicht am Ziel, weil noch 400 Höhenmeter fehlen.
Mauna Kea mit dem Rennrad
Ohne verpflichtende Sicherheitsunterweisung kommt an diesem Tag niemand, weder im Auto noch auf dem Fahrrad, an Park Ranger Oscar Pouoa (r.) vorbei. Er erzählt uns, dass es nur extrem selten vorkommt, dass Fahrradfahrer ganz zum Gipfel wollen.
Bild: Lisa Kähler

Tanz auf dem Vulkan

Vom erwähnten Schotterstück ist ausgerechnet die letzte Meile die härteste. Es hilft auch nicht mehr, sich nah am Abgrund zu bewegen, wo der Untergrund etwas fester ist als in der Mitte der Fahrbahn. Nach der Hälfte auf besagter 17-Prozent-Rampe kommt mein Fahrrad darum zum Stehen, und die Schuhe müssen sofort aus den Pedalen raus, damit ich nicht den Käfer mache. Kurz durchatmen. Mein hart arbeitendes Herz hämmert dennoch erst mal so hart gegen den Brustkorb, dass ich selbst erschrecke.
Wenn es nicht weitergeht, bleibt doch wohl Zeit, einen ausschweifenden Blick zurückzuwerfen. Die atemberaubende Landschaft zwischen mir und dem gegenüberliegenden Mauna Loa breitet sich wie ein terrakottafarbener Teppich vor mir aus. Vor allem die über dem Teppich fliegende flauschige Wolkendecke tut es mir an. Ich stelle mir vor, wie ich mich im satten Weiß bette und einen Cocktail schlürfe ... Aufwachen, Daniel! Erinnere dich zurück, wie du vor acht Jahren zum ersten Mal auf Big Island warst und seinerzeit am anderen Ende der Insel am Magic Sands Beach in KailuaKona lagst, von wo man bei guter Wetterlage den Mauna Kea sieht. Wie du das Nationalgericht Poke aßst und dich vom Protein im rohen Thunfisch wohl besonders stark fühltest und dachtest: Das müsste doch zu machen sein. Es ist vielleicht die gleiche Art Gedanke, die man als Schüler hat, bevor man im Freibad zum ersten Mal vom Drei-MeterBrett springt oder später im Leben weitaus bedeutendere Herausforderungen meistert.
Beflügelt von diesem Gedanken umklammere ich meine Schaltgriffe und stapfe geschlagen, aber nicht entmutigt Meter für Meter mit meinem ultraleichten Canyon Ultimate durch die Gerölllandschaft, wohl wissend, dass der Berg immer länger wird, je langsamer man vorwärtskommt. Ich fresse währenddessen trockenen Staub von an mir vorbeirasenden Jeeps, nehme gleichwohl auch motivierende Jubelrufe auf, die man mir schenkt. Ich bleibe dran, fahre, wenn ich fahren kann. Schiebe, wenn ich schieben muss. Eine lange Meile später sehe ich wieder Asphalt unter den Füßen. Das Schlimmste ist überstanden!
Mauna Kea mit dem Rennrad
Das steile Schotterstück hat es in sich, ein Gravelreifen wäre definitiv die bessere Wahl. Andererseits würde man damit hier insgesamt mehr Zeit verlieren als gewinnen. Unser Redakteur entschied sich deswegen für Schwalbes schnellen Rennradreifen Pro One in 32 Millimeter Breite.
Bild: Lisa Kähler

Je platter, desto höher

Zurück zur Kunst des Bergfahrens: Ich schwöre mich auf die letzte Episode ein. Rhythmus aufnehmen, kraftvoll und rund in die Pedale treten. Doch Pustekuchen. Der Steilheitsgrad nimmt nicht ab – er nimmt zu. Zudem zieht sich die eisige Höhenluft wie eine Schlinge immer fester um meine Kehle. Das liegt am stark schwindenden Sauerstoffgehalt ab 2000 Meter Höhe. Ab 3000 Meter erleben manche Bergsteiger schon die ersten Anzeichen einer Höhenkrankheit, ab 4000 Meter drohen Schwindel, Übelkeit und krasse Kopfschmerzen. Wer noch weiter aufsteigt, der kann seine Gesundheit riskieren. Am Besuchercenter wird man deswegen vom diensthabenden Park-Ranger auf die Gefahren der Höhe streng hingewiesen. Keine Angst: Man kann was dafür tun, dass der Körper sich an die Höhe gewöhnt, indem man langsam aufsteigt und sich ab 2800 Meter eine halbe Stunde akklimatisiert. Mein langsames Fortkommen hat insofern auch was Gutes.
Vier Kilometer vor dem Gipfel wünsche ich mir sehnlichst den Schotter zurück, weil ich es jetzt neben der Höhe auch noch mit kaltem Gegenwind zu tun kriege, der noch ein größerer Rhythmuskiller ist als loser Untergrund. Kein Scherz, das Tempo ist konstant unter 10 km/h, aber die Aussicht verschönert sich, die zunehmend übersichtlich werdende Landschaft wechselt von Schwarz zu Rot, was einen wunderbaren Kontrast zum blauen Himmel macht. Ich darf mich eh nicht beklagen, die hawaiianischen Götter meinen es heute gut mit mir. Am Mauna Kea kann das Wetter minütlich umschlagen, auf Sonne kann sofort Schnee folgen, auch wenn es in Hilo bei 35 Grad nur so brutzelt. Mit jedem weiteren Meter Richtung Himmel fährt man tiefer in die Historie. Das Alter des Mauna Kea wird auf eine Million Jahre geschätzt, die ältesten Steine sind auf über 200 000 Jahre datiert. Die Bedeutung für die Einheimischen ist groß: In der hawaiianischen Kultur gilt der Berg als heiliger Ort. Seit Generationen pilgern sie auf den Gipfel, um zu beten. Es heißt, dass man an der Spitze des Berges mit seinen Vorfahren in Verbindung treten kann.
Mauna Kea mit dem Rennrad
Über den Wolken wird die Luft für Radler sehr dünn. Dass die letzten Meter hinauf zum Gipfel asphaltiert sind, hilft immerhin ein wenig.
Bild: Lisa Kähler
Mein Trumpf in der Höhe ist, dass die Synapsen nicht mehr funken wie auf Meereshöhe. Temperaturen um null Grad lähmen zusätzlich den Gedankenfluss. Ich schalte voll auf Autopilot, so vergeht fast eine halbe Stunde, ohne dass ich mich später daran erinnern kann, was passiert wäre – wie bei einem Filmriss nach einer durchzechten Nacht. Ich wache erst kurz vor der letzten Serpentine wieder auf. Jetzt habe ich Rückenwind, ein bisschen spät, liebe Götter! Ich grinse wie Jack Nicholson im Film „Shining“. Die Höhe macht bekloppt.
Dann sehe ich endlich das höchstgelegene Gemini-North-Teleskop. Es ist gleich geschafft, das erlösende Summit-Schild ist zu sehen. Ich erledige fix ein Selfie, filme danach einen Video-Gipfelgruß inklusive höhenbedingter Sprachstörung. Danach kommt mein verdienter Moment. Ich lese mir langsam vor: 4205 Meter. Vier, zwei, null, fünf. Noch mal, weil es so schön ist: vier, zwei, null, fünf. Höher war ich nie, höher werde ich im Leben mit dem Rad nicht mehr kommen!
Kein Auf ohne Ab: Zur Berg-Arithmetik gehört, dass jeder Höhenflug irgendwann mal enden muss. Meiner findet sein Finale auf dem Mauna Kea. Noch mal, weil es mir was bedeutet: vier, zwei, null, fünf.
Mauna Kea mit dem Rennrad
Mit letzter Kraft hebt Redakteur Daniel Eilers das 6,8 Kilogramm leichte Bergrennrad in die Höhe.
Bild: Lisa Kähler