Disziplin ist ihr Ding, Tempo sowieso. Auch als wir Kim Irmgartz zum Fototermin im Rheinland treffen, beweist sie beides – trotz frischer OP. Bei einem Trainingsunfall sind die Sehnen an der Schulter gerissen.
"Mit elf hab ich mir das Schlüsselbein gebrochen, mit Anfang 20 beide Handgelenke, jetzt das mit der Schulter – insgesamt wenig", fasst sie ihre Motorsportblessuren zusammen. Traurig ist sie vor allem, weil sie nicht bei der WM auf Sardinien starten kann. Das viele Training: umsonst.
An ein Leben ohne Bike kann sich Kim nicht erinnern. Die Bornheimerin ist 32 Jahre alt, davon fährt sie fast 26 Jahre Motocross.
Inspiriert von ihrem zwei Jahre älteren Bruder, steigt Kim mit sechs aufs Cross-Bike.

Leistungssport, Konzentration, Kämpfen bis zur Ziellinie, das mag sie. "Mit 40 Leuten in einer Reihe zu stehen, und alle wollen in die erste Kurve, das allein gibt schon den Kick", sagt Kim. So hat sie es bis zur Deutschen Vizemeisterin und Fünfte bei einem WM-Lauf gebracht.
Doch das genügt Kim nicht. (Motocross-Helm Test & Vergleich)

Geförderte Spitzensportlerin des Landes NRW

Obwohl ihre Wettkampfleidenschaft viel Zeit (und Geld) frisst, reicht ihre Energie für den Job als Oberkommissarin und aktuell Ausbilderin in der Polizeischule. Sie ist geförderte Spitzensportlerin des Landes NRW. Sie bloggt und füllt einen Podcast. Als Coach trainiert sie den Motocross- Nachwuchs.
Mit sieben ist Kim Vereinsmeisterin.

Sie war schon Stuntdouble für Filmstars wie Karoline Herfurth und Alexandra Maria Lara. Und selbst hat sie sich 2020 auf die Bühne gewagt, um den Titel "Miss Nordrhein-Westfalen“ zu ergattern. Wie passt das alles zusammen? "Ich habe mich irgendwann getraut, mutig zu sein", sagt sie, und ist dabei geblieben.
Genau diese Botschaft will sie anderen Frauen vermitteln: "Traut euch, was ich kann, könnt ihr auch!" Lange Zeit habe sie sich ohne großes Team an ihrer Seite durchgekämpft und trotzdem Erfolge eingefahren. „Der Sport hat mich gelehrt, nie aufzugeben.“

Social-Media-Follower zu 80 Prozent Männer

Auch wenn Frauen den Motocross-Sport längst erobert haben, Kims Social-Media-Follower sind zu 80 Prozent Männer. Sie trifft auf solche, die ihr viel Respekt zollen. Andere meinen, Motocross sei nichts für eine Frau.
Und dann gibt’s die, die ihr etwa beim Einladen ihres Bikes in der Waschstraße zu Hilfe eilen, ohne dass sie damit ersichtliche Probleme hat. "Schwer zu sagen, ob das unter Vorurteile fällt oder die Männer einfach nur neugierig und hilfsbereit sind", so Kim.
Wohin mit langen Haaren? Zopf flechten, nach oben legen, Helm überziehen. Gerät offenes Haar zum Beispiel in die Kette, drohen schlimmste Verletzungen.

Ihr Freund, ehemaliger Motocross-Fahrer, ist seit zwei Jahren auch ihr Trainer. Er kennt ihre Stärken: Ehrgeiz, Fitness, Kondition. Und Schwächen? Da wünscht er sich in manchen Rennen noch einen Funken Mumm on top. Kim weiß, manchmal sollte selbst sie sich (noch) mehr zutrauen.
Nächstes Jahr will sie kürzertreten und wohl auf die WM verzichten, auch wenn’s schwerfällt. Könnte sie sich vorstellen, in der Motorradstaffel der Polizei zu arbeiten? "Eher nein, anders als mein 100-Kilo-Bike-sind die Maschinen Klötze, das reizt mich nicht."

Von

Sabine Franz