Neuer Aston Martin Vanquish im Test
Britische Schönheit mit 835 PS und 1000 Nm

Bild: Aston Martin Lagonda Global Holdings PLC
Nur einmal hat's geklappt mit James Bond und dem Aston-Martin-Überflieger Vanquish: Pierce Brosnan durfte 2002 einen V12 Vanquish bewegen ("Stirb an einem anderen Tag"), Daniel Craig war 2012 etwas zu früh dran für Vanquish Nr. 2 und schnappte sich seinen alten DB5 ("Skyfall"). Jetzt ist 007 tot, ein(e) Nachfolger(in) nicht in Sicht – aber der Aston Martin Vanquish Nr. 3 höchst lebendig und mit Leistungsdaten gesegnet, die eines Doppelnull-Agenten mehr als würdig sind: 835 PS, 1000 Nm, 0–100 km/h in 3,3 Sekunden – Superlative überall.

Superedel: Materialien und Verarbeitung sind top, die Farbgebung Geschmacksache – aber machbar: "Q" kümmert sich um Sonderwünsche.
Bild: Aston Martin Lagonda Global Holdings PLC
Mit einer stilsicheren Mischung aus Drama und Eleganz, perfekten Proportionen, neckischen Rundungen und überraschenden Details schuf Aston Martin schon immer Ikonen, die begehrenswert und zeitlos sind – 90 Prozent aller jemals gebauten Aston Martin sind noch auf den Straßen unterwegs. Auch der Vanquish ist so gezeichnet, dass man in ihm auch noch in einigen Jahren den ideellen Nachkommen der teuflisch schnellen "Le Mans Project Cars" der 60er-Jahre erkennen kann, den mächtigen V12 unter der langen Motorhaube ahnt und sich wünscht, am Steuer dieses exklusiven GT sitzen zu können.
Mit dem Vanquish findet ein Weiterentwicklungsprozess seinen vorläufigen Höhepunkt, der 2020 mit dem Einstieg von Lawrence Stroll seinen Anfang nahm und bereits DB12, Vantage und das SUV DBX707 in neue fahrdynamische Höhen gebracht hat. Dahinter steckt eine sehr selbstbewusste Positionierung der Marke: Was außergewöhnlichen Luxus anbelangt, will man sich auf Augenhöhe mit Rolls-Royce und ein ganzes Stück oberhalb der Konkurrenz von Lamborghini, McLaren, Ferrari oder Bentley sehen. Bei der Performance verortet man sich jetzt fast auf einem Niveau mit McLaren und Lamborghini, ein ganzes Stück vor Porsche, lediglich Ferrari gesteht man einen Vorsprung zu.
Spürbares Selbstbewusstsein
Hinter der Neupositionierung stehen vier Jahre kräftiger Investitionen in die Marke und vor allem die Technik. Unterstützung holt(e) sich Aston Martin bei ehemaligen Ferrari-Leuten wie Amedeo Felisa oder Roberto Fedeli und ließ kein wichtiges Feld unbespielt, um den zuletzt in unruhigem Fahrwasser navigierenden, 111 Jahre alten und höchst ehrwürdigen britischen Traditionshersteller an die Stelle der Hackordung zu setzen, die er verdient. Von der elektronischen Architektur für Bedienung und zentrale Steuerung über Konnektivität, Fahrwerk, Bremsen bis zum Antriebsstrang legte Aston Martin kräftig Hand an und präsentiert jetzt stolz den Höhepunkt der Bemühungen: den Vanquish, der "für die mühelose Überquerung von Kontinenten konzipiert ist" (so verspricht es zumindest die Presseinfo).

Prachtstück: Der V12-Biturbo kann prima bummeln und heftigst zubeißen.
Bild: Aston Martin Lagonda Global Holdings PLC
Beim V12-Biturbo wurden Zylinderblock und Pleuelstangen verstärkt, Zylinderkopf und Nockenwellen neu gestaltet, neue Ein- und Auslasskanäle sowie Zündkerzen und Einspritzdüsen appliziert, leichtere Turbolader mit reduzierter Trägheit und höherer Drehzahl verbaut und ein e-Diff in die Achtstufenautomatik von ZF integriert. Das Ergebnis sind besagte 835 PS und 1000 Nm, die in den Fahrmodi "GT" und "Wet" elektronisch eingehegt werden, sich auf "Sport" und "Sport +" dagegen recht frei austoben dürfen. Beim Fahrwerk setzt man auf Doppelquerlenker vorn und Mehrlenkerachse hinten, gedämpft wird mit Bilstein-DTX-Dämpfern, die serienmäßigen Carbon- Bremsen sitzen in 21 Zoll großen Schmiederädern mit eigens entwickelten Pirelli P Zero.
Nimmt man hinter dem etwas sehr dicken, immerhin fast runden Lenkrad Platz, fühlt man sich sofort sehr wohl in einer angenehm luxuriösen Landschaft aus feinstem Leder, gebürstetem Alu und Kohlefaser, die sich wie in diesen Preisgefilden üblich extrem individuell gestalten lässt. Man sitzt tief im serienmäßigen Sportsitz, der für Langstrecken perfekt erscheint, und schaut auf ein Armaturenbrett, das man so auch vom Vantage kennt. Bis auf ein paar Tasten und Schalter für die direkte Steuerung einiger Funktionen ist alles digital. Das wirkt aufgeräumt und edel, aber man vermisst den letzten Luxus-Pfiff, den schon ein einziges analoges Instrument vermittelt hätte. So gar nicht passen wollen die billig wirkenden und nicht sehr gut zu bedienenden Tasten am Lenkrad.

Zum Niederknien: Das Design des Vanquish ist atemberaubend.
Bild: Aston Martin Lagonda Global Holdings PLC
Drückt man den Startknopf, erwacht der Vanquish mit moderatem Sound, erweist sich als cruising-tauglich und lauert auf den ersten kräftigen Gasbefehl. Der modelliert dann ein dickes Grinsen ins Gesicht, denn Druck, Drehfreude und Klang des 5,2 Liter großen V12 reizen zum Spielen. Auf engen Landstraßen macht sich natürlich die schiere Größe der Briten-Flunder bemerkbar, doch zeigt der lang gestreckte Zweisitzer durchaus Interesse und Talent an und in schnellen Wechselkurven.
Dass sich der Vanquish nicht auf Anhieb tief ins Fahrerherz spielt, mag an der etwas indifferenten Lenkung liegen. Oder an der doch zu kurzen Eingewöhnung. Oder vielleicht auch am Fahrer. Und wo ist eigentlich Bond?
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