Gäbe es eine Hall of Fame von Opel-Modellen, müsste der Ascona B 400 auf jeden Fall dabei sein: Walter Röhrl und Copilot Christian Geistdörfer gewannen damit 1982 als letztes Team einen Rallye-Weltmeistertitel in einem Auto ohne Allradantrieb. Warum Röhrl danach zu Lancia wechselte, erzählen wir weiter unten.

Was war der Opel Ascona 400?

Denn jetzt geht es erst mal um das Auto. Der Opel Ascona 400 war von 1979 an das Topmodell der erfolgreichen Baureihe Ascona B. Denn um an Rallye-Weltmeisterschaften teilzunehmen, mussten die Autohersteller von dem Modell eine bestimmte Mindestanzahl verkaufen. Das war Teil der sogenannten Homologation, der Zulassung des Modells durch die Sportbehörden. So kam es, dass Opel eine Kleinserie Ascona 400 baute.
Opel Ascona B 400 stehend schräg von vorn
So kennt man den Opel Ascona 400: mit auflackierten Flächen in den Opel-Farben und Wischerchen an den Scheinwerfern.
Bild: Opel
Opel-Kenner denken jetzt sofort an Ascona mit auflackierten gelben, silbernen und schwarzen Streifen und mit riesigen Opel-Logos in den Recaro-Sportsitzen. Denn so sahen die meisten Ascona 400 aus. Eine Scheinwerfer-Wisch-Wasch-Anlage war bei der Topversion Serie, weiße Alu-Räder hatte wohl jedes dieser Autos. 39.900 Mark kostete so ein Über-Ascona, so viel wie vier Opel Manta 1.9!

Was war die Basisversion des Ascona 400?

Was aber wohl keiner mehr auf dem Schirm hatte: Es gab auch eine Basisversion des Opel Ascona 400. Ohne die auflackierten Streifen, mit den normalen Seriensitzen, ohne Scheinwerfer-Wisch-Wasch, ohne Zigarettenanzünder, sogar ohne Uhr. Teils auf weißen Stahlrädern.
historisches Schwarzweißfoto: Opel Ascona 400, Topversion und Basisversion
Das historische Foto zeigt die Opel Ascona 400 auf einem Opel-Hof in Rüsselsheim, links die Top-, vorn die Basisvariante ohne Zierstreifen. Die Alu-Räder kosteten Aufpreis. Spoiler und Schwellerleisten waren bei allen gleich.
Bild: Opel
Wie viele der Autos Basis-Varianten waren, ist noch nicht erforscht.

Wo wurde jetzt der Ascona 400 Basis entdeckt?

Genau so ein Auto stand jahrzehntelang in der Ecke eines Lagers bei Opel in Rüsselsheim. Eingestaubt; sein Motor lief nicht mehr; die Nockenwellen fehlten. Irgendwer hat offenbar mal Teile ausgebaut, um den Röhrl-Ascona vom Werk mobil zu halten.
Front des Opel Ascona 400 Basis von schräg oben
Dieser Ascona 400 Basis wurde jetzt reaktiviert. Wie die Topvariante hat auch er den Luftauslass in der Motorhaube, Ascona-Schriftzug, schwarze Windführungen auf den Kotflügeln und Frontspoiler; statt Scheinwerferreinigung ist nur ein Ausschnitt in der polarweiß lackierten Stoßstange.
Bild: Frank B. Meyer/AUTO BILD
Jetzt haben die Jungs von Opel Classic den Ascona 400 Basis wiederentdeckt – und wieder zum Leben erweckt. Sie zogen ihn aus der Ecke, trieben die fehlenden Ersatzteile auf, bauten einen neuen, originalgetreuen Motor ein. Eine fünfstellige Summe hat die Aktion gekostet.

Fahrbericht: Wie fährt sich der Opel Ascona 400 Basis?

AUTO BILD ist den reanimierten Ascona 400 Basis schon gefahren, am Rande des Car Design Events im "Nationalen Automuseum" in Dietzhölztal-Ewersbach im Lahn-Dill-Kreis (Hessen).
Mächtiger Heckspoiler. Die coole Grafik des "400"-Schriftzugs wendeten die Designer auch auf das Opel-Logo an – mutig in einem Konzern!
Bild: Frank B. Meyer/AUTO BILD
Reinsetzen auf die Seriensitze, nicht gerade Weltmeister des Seitenhalts.
Sitze des Opel Ascona 400 Basis
Vordersitze aus dem zivilen Opel Ascona B, ganz im Gegensatz zu ...
Bild: Frank B. Meyer/AUTO BILD
historisches Foto: Vordersitze und Cockpit des Opel Ascona 400
... den mächtigen Recaros aus dem Top-Ascona 400 mit eingewobenem Opel-Blitz.
Bild: Opel
Wir starten den Vierzylinder, legen hinten links den ersten Gang des Sportgetriebes ein. Oha, der Erste ist ziemlich lang übersetzt, dafür sind die Sprünge zwischen den fünf Gängen schön kurz. Im fünften Gang (hinten rechts) dreht bei Tempo 100 der Motor mit rund 3400 Umdrehungen, üblich waren etwa 3000.
Schaltknauf des Opel Ascona 400
Sportgetriebe von Getrag, erster Gang hinten links, fünf Gänge, eng abgestuft. Die Schaltwege sind – dafür, dass das Auto 1979 erschien – recht kurz.
Bild: Frank B. Meyer/AUTO BILD
Gas! Mit ordentlich Drehmoment schiebt der 2,4-Liter-Vierzylinder an. 210 Newtonmeter sind es bei 3800/min. Darüber holen die vier Ventile pro Zylinder bis zu 144 PS aus dem Motor.
Motorraum des Opel Ascona B 400 Basis.
Von wegen Basis: Der Motor ist der gleiche wie im Top-400er. 2,4 Liter, vier Ventile pro Zylinder, Bosch L-Jetronic, 144 PS bei 5200 Umdrehungen.
Bild: Frank B. Meyer/AUTO BILD
Das klingt nicht nach viel – beim Fahren aber klingt der Ascona sehr schnell. Die stählernen Zahnräder für die Steuerkette rasseln und krähen wie eine 12-Volt-Kaffeemühle auf 240 Volt, mit den Ohren ist man kurz hinter Dietzhölztal-Ewersbach schon kurz vor Monte-Carlo.
Die Augen sind auch schon dort: Vorn peilt man über die schwarzen "Windführungen" auf den Kotflügeln. Die Rallye-Außenspiegel von Engelmann sitzen weit hinten und sind furchtbar klein, aber so kennen wir Rallye-Piloten es ja.
Sport-Außenspiegel des Opel Ascona 400
Heute sind Sportlenkräder unten abgeflacht, damals waren es Sport-Außenspiegel der Firma Engelmann.
Bild: Frank B. Meyer/AUTO BILD
Wir behalten den Drehzahlmesser rechts im Auge, während wir vor der Kurve runterschalten – was ein Genuss ist, denn die Schaltung ist sehr exakt und leichtgängig. Links kontrollieren wir unter anderem Kühlwassertemperatur und Öldruck. Ablenkung gibt's keine, das Cockpit ist bis auf das Notwendigste leer.
Cockpit des Opel Ascona 400 Basis
Drei-Speichen-Sportlenkrad, sechs Rundinstrumente. Ansonsten: nur das Nötigste. Kein Radio, keine Uhr, kein Zigarettenanzünder, nichts.
Bild: Frank B. Meyer/AUTO BILD
Die Daumen liegen auf den kühlen, gelochten Lenkradspeichen. Die Lenkung dürfte gern direkter sein – aber davon lassen wir uns das Rallye-Gefühl nicht verderben. Wir fühlen uns wie die Zielgruppe von 1979: "Ascona 400/Ascona 400 Basis. Das Sport-Angebot an echte Könner" stand im Opel-Prospekt. Charmante Schleimer.
AUTO BILD-Chefreporter Frank B. Meyer am Steuer des Opel Ascona 400 Basis
Für AUTO BILD-Chefreporter Frank B. Meyer ist die Fahrt im Ascona 400 ein Flashback in seine Kindheit, als er einmal im Manta 400 mitfuhr.
Bild: Thomas Wirth

Wozu gab es das Basismodell des Ascona 400?

Der Sinn des Basismodells liegt auf der Hand: Private Teams sollten es als Rallyeauto kaufen. Sie würden ihre Fahrzeuge mit eigenen Sponsorenaufklebern versehen; die gelb-silber-schwarzen Streifen hätten den falschen Eindruck erweckt, so ein Auto würde zum Opel-Werksteam gehören. Auch Schalensitze, Räder und Abgasanlagen suchten Privatteams sich oft aus Tuningteilen zusammen.
"Mit dem Ascona 400 Basis bietet sich", so ein zeitgenössischer Prospekt, "dem engagierten Sportfahrer die Möglichkeit, ein Fahrzeug nach seinen speziellen Wünschen und Erfordernissen aufzubauen."
Prospekt Opel Ascona 400 Basis
Der zeitgenössische Prospekt erklärt, wozu der Ascona 400 Basis gedacht ist. Ohne Aufpreis gab es weiße Stahlräder; unser Testwagen bekommt nach dem AUTO BILD-Fototermin die gleichen.
Bild: Opel

Warum trennte Rallye-Weltmeister Walter Röhrl sich von Opel?

Walter Röhrl als Top-Fahrer von Opel bekam seinen Opel Ascona 400 mit rund 240 PS natürlich komplett hingestellt, er feilte mit den Opel-Technikern nur an der Feinabstimmung. Am Ende der Saison 1982 wurde er Weltmeister, vor Michèle Mouton und Hannu Mikkola, beide auf Audi Quattro. Dennoch schmiss Röhrl bei Opel hin und wechselte zu Lancia. Was war passiert?
historisches Foto: Walter Röhrl und Christian Geistdörfer 1982 im Opel Ascona 400 auf der Rallye Monte Carlo
Walter Röhrl und Christian Geistdörfer 1982 im Opel Ascona 400. Dass Hauptsponsor Rothmans andere Vorstellungen hatte als Röhrl, führte zum Eklat.
Bild: Opel
Der damalige Opel-Sportchef Tony Fall erinnert sich im Buch "Aufschrieb" über Walter Röhrl so: "Walter vertrat die Ansicht, dass er von Opel und nicht von einem Zigarettenhersteller angestellt war, und dass die Übereinkunft mit Rothmans nichts mit ihm persönlich zu tun hatte. Man kann sich vorstellen, dass diese Meinung zu ein paar Schwierigkeiten zwischen uns führte, speziell, wenn es um Promotionsaktivitäten ging."

Technische Daten

Technische Daten
Motor
Vierzylinder-Reihenmotor, vorn längs, zwei oben liegende Nockenwellen, Steuerkette, vier Ventile pro Zylinder, elektronische Einspritzung (Bosch L-Jetronic)
Hubraum
ca. 2400 cm3
Leistung
106 kW (144 PS) bei 5200/min
max. Drehmoment
210 Nm bei 3800/min
Antrieb
Fünfgang-Schaltgetriebe (zwei Varianten), Hinterachsübersetzung auf Wunsch 3,18:1 oder 3,45:1, Sperrdifferential, Hinterradantrieb
Bremsen
Scheiben rundum, vorn innenbelüftet
Reifen
mit Stahlrädern 195/60 VR 14; mit Alu-Rädern 205/50 VR 15
Beschleunigung 0–100 km/h
7,6 s*
Höchstgeschwindigkeit
"je nach Hinterachsübersetzung bis über 200 km/h"
Neupreis Ascona 400 (nicht Basis)
39.900 Mark
Der Eklat geschah in England: Rothmans gab am Abend vorm Start der RAC-Rallye eine Party und wollte Walter Röhrl präsentieren. Röhrl: "Eine Party am Abend vor dem Start? Absolut unmöglich!" Als eine Dame kam, um ihn abzuholen, sagte er (so schildert er es im Buch "Aufschrieb"): "Melden Sie dem Tony Fall, wenn ihm das erst jetzt einfällt, dann muss er auf den Röhrl verzichten."
Am nächsten Morgen sagte Fall zu Röhrl: "Ich glaube, du bist mit dem Herzen nicht bei Opel. Es hat keinen Sinn, du brauchst die Rallye nicht zu fahren." – Röhrl: "Tony, das ist Deine erste gute Idee in diesem Jahr. Danke!" Er packte seine Sachen und reiste ab.
Walter Röhrl unterschrieb im Monat darauf bei Lancia, wechselte auf den Lancia 037 – und gewann damit sofort die Rallye Monte Carlo. Tony Fall schreibt anerkennend: "So war Walter – nicht einfach, aber brillant."
Diese Reise wurde unterstützt vom Car Design Event. Unsere Standards zu Transparenz und journalistischer Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit.