Hand aufs Herz: Würden Sie einen zweistelligen Millionenbetrag für ein Auto ausgeben, das in einen heftigen Crash verwickelt war? Vermutlich würden 99 Prozent aller Menschen diese Frage unabhängig von ihren finanziellen Mitteln mit einem klaren "Nein" beantworten.
Doch was, wenn besagtes Auto direkt vom Hersteller neu aufgebaut wurde und es sich ganz nebenbei auch noch um einen der begehrtesten Sportwagen der Neuzeit handelt? In diesem Fall dürfte die Antwort wohl anders ausfallen.

Jeder Pagani ist ein Sammlerstück

Aber genug der Hypothesen: Die Rede ist vom Pagani Zonda, dem Erstlingswerk vom italienischen Kleinserienhersteller Pagani. 1999 stellte Firmengründer Horacio den Supersportwagen mit Vollcarbon-Karosserie und Mercedes-V12 vor. In den kommenden zwei Jahrzehnten wurde der Zonda kontinuierlich weiterentwickelt und mutierte zu einem der begehrtesten und zugleich wertvollsten Autos der Neuzeit.
Schon längst ist jeder der 140 gebauten Pagani Zonda ein Sammlerstück – völlig egal ob Zonda C12, Zonda F oder eines der zahlreichen Sondermodelle. Die Preise sind deutlich sieben-, teilweise sogar bereits achtstellig – aber kein Pagani Zonda taucht jemals auf dem Gebrauchtwagenmarkt auf.
Wenn sich überhaupt mal ein Besitzer von seinem italienischen Schmuckstück trennt, dann passieren solche Transaktionen meist unter der Hand. Pagani-Kunden sind schließlich wie eine kleine Familie und besitzen nicht selten mehrere Autos aus San Cesario sul Panaro.
Der Unfall im Jahr 2015 war heftig, angeblich hatte der damalige Besitzer den Pagani erst einen Tag zuvor gekauft.
Bild: GT Spirit
Umso besonderer ist die Gelegenheit, die sich Sammlern aus aller Welt am 5. Dezember 2025 in Abu Dhabi bietet: Das renommierte Auktionshaus RM Sothebys bietet den einzigartigen Pagani Zonda Riviera an. Und während natürlich jeder Pagani streng genommen ein Unikat ist, so ist dieser Zonda etwas ganz Besonderes, was vor allem an der bewegten Historie liegt.
Im Jahr 2006 wurde Chassis 76069 als Zonda F in einer auffälligen Konfiguration (gelb/gelb) nach Dubai ausgeliefert. Der Erstbesitzer entschied sich dafür, beinahe alle Sichtcarbonteile in Wagenfarbe lackieren zu lassen – eine besonders seltene Wahl. Außerdem wurde der starre Flügel des Zonda F auf expliziten Wunsch gegen den zweigeteilten Spoiler getauscht, den sonst nur frühe Zonda S besaßen. Passend zur gelben Lackierung wurde der gesamte Innenraum in gelbes Leder gehüllt.

Der Unfall

Nach mehreren Halterwechseln in den Vereinigten Arabischen Emiraten war der Zonda F Anfang 2015 in einen heftigen Unfall (die Kollegen von GT Spirit berichteten) involviert, bei dem er völlig zerstört wurde. Angeblich soll der damalige Besitzer den 602 PS starken Zonda erst einen Tag zuvor gekauft haben.
Während die meisten Autos nach einem solchen Crash als Totalschaden abgeschrieben wurden wären, verhält sich das bei Fahrzeugen dieses Kaliber etwas anders. Auch wenn der Zonda vor zehn Jahren noch nicht ansatzweise den heutigen Wert hatte, so wurden die Autos bereits damals über dem Neupreis gehandelt. Das bedeutet, dass streng genommen kein Schaden zu groß ist, beziehungsweise jedes der 140 Chassis so wertvoll ist, dass sich ein Wiederaufbau – egal wie aufwendig – immer lohnt.
Chassis 76069 war einer von ganz wenigen Pagani Zonda bei denen die Karosserie nahezu vollständig lackiert war. Auch der zweigeteilte Heckflügel war eine Besonderheit.
Bild: GT Spirit
So wurde der völlig zerstörte Zonda F zurück ins Werk nach Italien geschickt, wo er komplett neu aufgebaut wurde. Für solche komplexen Aufträge gibt es das sogenannte Pagani-Unico-Programm, das es Besitzern ermöglicht, ihr ganz persönliches Traumauto bauen zu lassen – ganz so, als hätten sie das Auto einst neu konfiguriert.

Die Transformation

Dabei muss es sich übrigens nicht um ein Unfallfahrzeug handeln, auch vollkommen unbeschädigte Pagani können vom Unico-Team bis ins kleinste Detail individualisiert werden – das nötige Kleingeld vorausgesetzt. Wie so eine Transformation aussehen kann, zeigt der Zonda Riviera.
Pagani Zonda Riviera
Die Lufthutze auf dem Dach läuft in eine Finne aus, die wiederum erst am Heckflügel endet – alles selbstverständlich in feinstem Sichtcarbon gefertigt.
Bild: Neil Fraser / RM Sotheby´s
Hierzu wurde der zerstörte Zonda F bis auf das Carbon-Chassis zerlegt und anschließend Schritt für Schritt neu aufgebaut. Hierbei entschied sich der Besitzer dazu, Chassis 76069 auf eine sogenannte 760-Konfiguration – die extremste Ausbaustufe des Zonda mit Straßenzulassung – upzugraden. Dazu wurden alle Karosserieteile wie die Kotflügelverbreiterungen an der Front, die zusätzlichen seitlichen Flics, die LED-Tagfahrlichter in der Fronthaube (in Fachkreisen "Smiley lights" genannt), der große feststehende Heckflügel, der XXL-Carbondiffusor und die charakteristischen Lufthutze auf dem Dach mitsamt der auslaufenden Finne komplett neu angefertigt.
Pagani Zonda Riviera
Die vier in einem Kreis zusammengefassten Endrohre sind DAS Merkmal eines jeden Pagani.
Bild: Neil Fraser / RM Sotheby´s
Die Farbgebung aus weißem Lack und Sichtcarbonteilen ist an den legendären Zonda Cinque angelehnt, wird beim Riviera jedoch durch blaue Details akzentuiert. Auch im komplett überarbeiteten Innenraum wurde Blau als Kontrastfarbe für die Schalensitze eingesetzt. Von dem ursprünglich gelben Interieur ist nichts mehr zu sehen.

V12 mit 760 PS

Auch technisch wurde der Zonda auf den damals neuesten Stand gebracht: Der legendäre 7,3-Liter-V12-Sauger von AMG wurde umfangreich überarbeitet und leistet in seiner stärksten Ausbaustufe 760 statt 602 PS im Zonda F (650 PS im Zonda F Clubsport). Die serienmäßige Handschaltung wurde beim Riviera gegen ein sequenzielles Getriebe getauscht. Zudem wurden viele weitere kleine und größere Details im Rahmen der Transformation angepasst.
Pagani Zonda Riviera
Viel Alcantara und noch mehr Carbon im Innenraum. Die blauen Schalensitze greifen Details im Exterieur auf.
Bild: Neil Fraser / RM Sotheby´s
Nach seiner Auslieferung wechselte der einzigartige Zonda Riviera erneut mehrfach den Besitzer, ehe er Anfang Dezember von RM Sothebys versteigert wird. Der Status eines Sammlerstücks wird durch den Kilometerstand von bemerkenswert niedrigen 908 Kilometern unterstrichen. Nach einem Komplettumbau im Werk nullt Pagani die Laufleistung übrigens.

Der Schätzpreis

Womit wir beim Preis für den einst verunfallten, aber wieder vollkommen neu aufgebauten Pagani wären: RM Sothebys gibt den Schätzpreis mit umgerechnet 8,2 bis 9,1 Millionen Euro (9,5 bis 10,5 Millionen US-Dollar) an.
Übrigens noch ein Sidefact am Rande: Der Pagani Zonda Riviera ist nicht das teuerste Auto in der Abu-Dhabi-Auktion am 5. Dezember – das ist ein McLaren F1 mit HDK-Kit, dessen Schätzpreis bei mindestens 18 Millionen Euro (21 Millionen US-Dollar) liegt.