Fahrbericht Porsche 911 GT3 RS

Porsche 911 GT3 RS: Fahrbericht

Immer diese Grünen!

Etwas stimmt nicht mit dem GT3 RS. Er hat Nummernschilder – obwohl doch mehr Rennwagen als alles andere in ihm steckt. Politisch korrekt? Wurscht.
Was die Grünen von Sportwagen halten? Wir können nur mutmaßen: eher nicht so viel. Allerdings kennen wir einen Vertreter dieser Färbung, der hat eine ziemlich radikale Meinung genau in die andere Richtung. Er ist so etwas wie der Fundamentalist in Sachen Vollgas. Der neue Porsche GT3 RS kennt keine feine Diplomatie, er macht keine deeskalierende Politik. Er macht Tempo. Rechts oder links hat er nur als Lenkbefehl im Programm, abgestimmt wird per Gaspedal. Alles klar also: Unser Kreuzchen hat er sicher.

Eine Strecke ohne Tempolimit ist das Porsche-Paradies

Die grüne Rakete in ihrem Element: Auf der Isle of Man gibt es nur wenige Tempolimits – und schöne Straßen.

Nur der Vollständigkeit halber noch ein Blick auf die Wahlversprechen: 520 PS, 312 km/h Spitze, Leichtbau – und das Fahrwerk beteuert breitspurig, sich um jede einzelne Landstraßenkurve auf der Welt persönlich zu kümmern. Um jede? Okay, dann nehmen wir eine von der Isle of Man. Die Insel, die berühmt für das verrückteste und gefährlichste Motorradrennen überhaupt ist. Und: Auf der Isle of Man gibt es kein generelles Tempolimit. Im Großen und Ganzen darf hier am Ortsende jeder den Hahn aufreißen. Wir schnüren die schmale A36 im Süden der Insel hoch. Abseits von Bellafesson schlängelt sich der Weg sachte bergauf. Am Ende des Ballakillowey in Richtung Glen Rushen taucht es bald auf: das weiße Schild mit schwarzem Diagonalbalken. Das Verkehrszeichen, das Hemmungen etwas lockert und Geschwindigkeitsbeschränkungen vollends aufhebt. Welcome, GT3 RS!

Das Tier im Heck dreht und dreht und dreht

Bestie: Der vier Liter große Sechszylinder-Boxer mobilisiert 520 PS und dreht bis über 9000 Touren.

Wie war das Stichwort? Hahn aufdrehen! Da sind wir direkt an dem Tagespunkt, den der GT3 RS beherrscht wie kein anderer. KEIN Porsche, KEIN 911 und KEIN anderer Supersportwagen hat einen derart rassigen Motor im Rücken und schmiegt sich lieber an Kurven als unsere lizardgrüne Flunder. Im RS dreht sich – im Gegensatz zu voluminösen V8-Trümmern mancher Konkurrenten – eine rudimentär gezähmte Bestie den Wolf: Bis über 9000 Touren schafft der Saugmotor, und zwar spielend. Irre schnell dreht der Boxer hoch. Die Maschine bestimmt das Wesen des GT3. Direkt, unvermittelt, ungedämmt, mit höchster Präzision dosierbar und eben saustark. Damit auch ja nix von der tosenden Kraft unflätig am Wagen (und somit an der Spurtreue) herumrüttelt, baut Porsche dynamische Motorlager ein. Das sind Tragestützen, die den Block zum Beispiel in Gleitfahrt mit lockerer Faust halten und so Vibrationen minimieren. Geht’s dagegen zur Sache, straffen sie den Griff und lassen den zum Bersten angespannten Sechszylinder-Boxer nur noch spielfrei ackern.
Dann der Klang: Kann man eigentlich nicht beschreiben. Fauchen, Brüllen, Kreischen – alles dabei. Trifft es aber nicht wirklich. Stellen Sie sich das so vor: Heavy Metal, Wacken, Act des Abends, das Ohr direkt am rechten Boxenturm der Hauptbühne. Oder für Klassikfans: Elbphilharmonie, sämtliche Mitglieder des Hamburger Sinfonieorchester spielen um ihr Leben – und Sie kauern IN der Pauke.

Für ein Plus an Dynamik sorgt die Hinterachse

Für zusätzliche Dynamik: Die Hinterachse lenkt mit – je nach Situation mit oder entgegen der Fahrtrichtung.

Die flirrende Maschine lässt sich ihre Drehzahlsprünge von einem Doppelkupplungsgetriebe filetieren. Das PDK schaltet schnell, sauber und verzockt nicht eine einzige Hundertstelsekunde über Schlupf oder in Rechenpausen. Der Automat hat "verkürzte" Gänge parat, somit immer den passenden Gang drin – klasse! Das gilt auch für das Fahrverhalten. Eine Hinterachslenkung hilft, den immerhin über viereinhalb Meter langen Boliden bei langsameren Geschwindigkeiten wie ein deutlich kompakteres Kart um die Ecke zu bugsieren. Steigt das Tempo, schlagen die Hinterräder in die gleiche Richtung ein wie die Vorderräder, das wirkt sich dann wie ein künstlich gestreckter Radstand aus, schnelles Ändern der Richtung passiert stabiler.  Lenkung direkt, Rückmeldung grandios, Karosserieneigung null, Seitenführung abartig griffig – so biegt der GT3 RS ab. Der Oberkörper möchte eigentlich weiter geradeaus fliehen, die steifen Schalensitze aber nehmen ihn im Klammergriff mit auf die Rundreise. Der Fahrer ächzt, die steife Karosserie gibt dagegen keinen Mucks von sich. Arbeit für den Elfer, Maloche für den Piloten.

Beim Tritt aufs Gas geht es erbarmungslos nach vorne

Geht wie die Feuerwehr: 10,6 Sekunden braucht der GT3 RS für den Sprint aus dem Stand auf Tempo 200.

Richtig bequem wird das Vergnügen nie. Dafür ist der RS zu hart. Wobei: Wir reden hier nur von Komfort im Reisesinne. Was Straßenlage angeht, passt die straffe Führung. Das Auto ist kein einfallslos harter Bock geworden, es ist ganz im Gegenteil mächtig sorgfältig abgestimmt. Unebenheiten drücken die Räder sachte ins Radhaus, die Zugstufe der Stoßdämpfer entspannt die Aufhängung in passendem Maße. Herrlich satt und innig verbindet sich der RS letztlich mit dem hier am Rand der Hügelkette ziemlich welligen Straßenbelag. Genug von Komfort, let’s rock. Kurvenausgang, rechtes Pedal voll durchgetreten – das Vierliter-Katapult wirkt. Wie in warmen Teer gegossen verzahnen sich die 325er-Hinterreifen mit der Asphaltauflage. Selbst wenn ein Buckel das kurveninnere Hinterrad anhebt und die Radlasten an der Hinterachse ausnahmsweise mal ungerecht auf den Asphalt portioniert werden – die gewaltige Ladung Drehmoment schiebt unbeeindruckt weiter, statt mit Traktionsverlust kontert der Porsche mit einer Art Magnetzulage.
Porsche Torque Vectoring heißt das Prinzip, drohenden Schlupf über eine elektronisch-variable Kraftverteilung zwischen den Hinterrädern zu kompensieren. Überhaupt ist das Sprintvermögen überirdisch. 10,6 Sekunden! Nee, nicht auf 100. So kurz braucht der GT3 für den Spurt auf das doppelte Tempo. 100 Sachen sind in gut drei Sekunden erledigt. Grandios!
Technische Daten Porsche 911 GT3 RS: • Motor: Sechszylinder-Boxer, hinten längs • Hubraum: 3996 cm³ • Leistung: 383 kW (520 PS) bei 8250/min • max. Drehmoment: 470 Nm bei 6000/min • Antrieb: Hinterradantrieb, Siebengang-PDK • Länge/Breite/Höhe: 4557/1880/1297 • Leergewicht: 1430 kg • Vmax: 312 km/h • 0–100 km/h: 3,2 s • Verbrauch: 12,8 l/100 km Super Plus • Abgas CO2: 291 g/km • Preis: 195.137 Euro
Jan Horn

Jan Horn

Fazit

Den GT3 RS zeichnet sein kompromissloses Wesen aus – auch in Sachen Fahrfreude. Das grüne Monster ist unfassbar faszinierend und natürlich auch bedingungslos schnell. Mehr Kitzel gibt es derzeit nicht zu kaufen.

Stichworte:

Supersportwagen

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