Porsche Boxster Spyder
Erwarten Sie nicht allzu viel Komfort: Am Arbeitsplatz des Boxster Spyder herrscht eine strenge Diät.
Sorry, ich muss es mit aller Deutlichkeit sagen: Der neue Boxster Spyder ist kein Porsche. Bevor jetzt alle aufschreien – ich bin ja noch gar nicht fertig. Der Spyder ist nämlich viel mehr, sogar ganz viele Porsche in einem. Eine Art Mischling, gezüchtet aus Teilen aller Regallinien, die im Zuffenhausener Montagewerk so herumstehen. Lenkung aus dem spurstabilen 911 Turbo, Motor aus dem feurigen Carrera S, Schürzen vom aerodynamisch gefeilten Cayman GT4, Bremsen vom Verzögerungswunder 911 – da montiert Porsche einen höchst multikulturellen Schwaben zusammen.

Verzicht auf unnötigen Luxus senkt das Boxster-Gewicht

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Video: Porsche Boxster Spyder (2015)

Porsche fahren leicht gemacht!

Gleichzeitig baut Porsche eine Menge nicht ein. Klimaanlage? Verzichtbar. Radio? Muss nicht sein. Türgriffe? Textilschlaufen tun es auch. Alles, um Gewicht zu sparen. Ein dickes Pfund in dieser Diät-Debatte: Es gibt kein richtiges Dach. Jedenfalls keines, das sich schwuppdiwupp auf Tastendruck im Kofferraum zusammenlegt. Man muss aussteigen, daran fummeln, etwas nesteln und es umständlich verstauen. Nicht sehr komfortabel, aber großer Vorteil diese Minifetzen-Taktik: Das Ganze wiegt nahezu nichts. So weit die Ideen. Nun die Fakten: 1348 nachgewogene Kilogramm Leergewicht, 375 PS (aus einem 911er), 290 Spitze, Mittelmotor-Balance wie eine Primaballerina: aufrecht, diszipliniert, fein! Klingt nach ganz großem Kurvenkino. So ist es. Macht süchtig und ist sauschnell. Die wichtigste Zahl vorab: Nach 1:31,52 Minuten hat die Flunder unsere Teststrecke umkreist – fast so schnell wie ein Cayman GT4 und um Welten schneller als ein ähnlich starker Mercedes A 45 AMG.
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Das Herz aus dem Elfer schlägt im Boxster besonders heftig

Porsche Boxster Spyder
Brachial nach vorne: Der Sechszylinder-Boxer aus dem Carrera S macht dem Spyder mit 375 PS Dampf.
Die Werte sprechen also glasklar für Porsches Mischlings-Taktik. Das Fahrgefühl sowieso. Die außerordentlich straffe Kupplung packt millimetergenau, der verkürzte Schalthebel rastet herrlich mechanisch, die Lenkung reagiert auf wenige Grad Drehung (wenn auch bei mäßigem Tempo etwas künstlich rückgestellt). Dazu klemmt der Fahrer in steifen Vollschalensitzen, fühlt sich optimal vor dem griffigen Lenkrad – übrigens aus dem GT4 entliehen – postiert. Los jetzt! Endlich entfaltet sich etwas, was es sonst kaum noch gibt. Das beinahe zerbrechliche Gewicht trifft auf einen im Grunde gewalttätigen Motor. Hubraumböse und drehzahlwahnsinnig – so etwas hat ziemlich leichtes Spiel mit einer Flunder dieser Gewichtsklasse. Bis an die 8000 Touren heran scheucht der 3,8 Liter große Boxer das zarte Boxsterchen mit Wucht vor sich her.
In die andere Richtung klappt das ebenfalls hervorragend. Die Bremse – im Testwagen sogar per optionaler Keramikanlage optimiert – verzögert den Spyder extrem. Runde um Runde lassen sich die Zangen mit identischer Kneifwirkung an die gelochten Scheiben pressen – besser geht’s nicht.

Schlaue Elektronik verhilft dem Wagen zu mehr Stabilität

Porsche Boxster Spyder
Herunterschalten leicht gemacht: Eine Elektronik serviert beim Gangwechsel die optimale Drehzahl.
Beim Herunterschalten vor der Kurve hilft zudem schlaue Technik. Je nachdem, in welche Gasse der Schalthebel wandert, passt die Elektronik die Drehzahl an. Danach stimmen die Ganganschlüsse, so lässt sich die Kupplung frei von Schleppmomenten einrücken, das hält den Boxster stabil. Die Spurtreue passt zum Handlingcharakter. Eine Mischung aus verkrallter Abstützung über die griffigen Reifen, ESP-Fahrhilfe (auch das Einlenkverhalten wird per Bremseingriff am kurveninneren Hinterrad verfeinert) und effektiver Austarierung der Gewichtsverhältnisse gibt dem Boxster Zucker. Kleiner Subjektiv-Haken: Die Federn lassen beim Einlenken zu viel Seitenneigung zu. Was im Alltag den Komfort verbessert, irritiert bei der Kurvenjagd. Egal, die Stoppuhr rehabilitiert ihn. Der Spyder ist eben tatsächlich kein Porsche, sondern ganz viele.

Fazit

Unter allen Porsche-Modellen ist der Boxster Spyder nicht das schnellste – dafür aber das leichteste, um pures Porsche-Fahrgefühl zu erleben. Und: In ihm stecken ja auch mehrere Modelle, das relativiert den hohen Kaufpreis.