Porsche-Legende gegen Diskriminierung

Porsche-Legende gegen Diskriminierung

„Frauen sind nicht schnell? Bullshit!“

Hurley Haywood outete sich als 70-Jähriger als homosexuell und will damit eine Botschaft absetzen
Er ist eine Porsche-Legende, die auch im Ruhestand noch aufhorchen lässt…
Fünf Mal hat Hurley Haywood die 24 Stunden von Daytona, die an diesem Wochenende in Florida zum 58. Mal stattfinden, gewonnen. Damit ist der Porsche-Botschafter Rekord-Sieger des traditionellen Auftakts in die Sportwagen-Saison.
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Seinen wohl größten Triumph errang der 71-Jährige aber erst 2019, als er sich in einer Doku über sein Leben als homosexuell outete.
Wir trafen den charismatischen Racer in Daytona. Ein Interview über Rennen, Siege und wirklich wichtige Botschaften eines Rennfahrers.

Haywood gewann die 24 Stunden von Daytona u.a. 1973 im berühmten Brumos-Porsche.

Herr Haywood, Sie sind der Rekordsieger hier in Daytona. Was macht die 24 Stunden im Mekka des US-Rennsports so besonders?

Hurley Haywood: Das Format des Rennens hat sich stark verändert, seit ich in den 70ern, 80ern, 90ern und teilweise auch den 2000ern gefahren bin. Früher haben wir mit 40 Runden Vorsprung gewonnen. So etwas gibt es heute nicht mehr. Die letzten zwei Stunden sind mittlerweile ein echter Sprint. Das erfordert auch einen anderen Fahrertypus und setzt die Piloten stärker unter Druck. Die Elektronik in den Autos sorgt dafür, dass die Piloten ständig unter Strom stehen, weil sie alle Systeme überwachen und am Funk ständig reden müssen. Als ich noch Rennen fuhr, hatte ich dagegen immer eine Regel: Sprecht mich nicht an, außer ich brenne! Reden nimmt den Fokus vom Fahren. Ich weiß nicht, ob das etwas für mich gewesen wäre.
Was braucht ein Fahrer heute, um dieses Rennen zu gewinnen?
Anpassungsfähigkeit. Denn in der Sekunde, wo dein Auto losfährt, geht es eigentlich schon bergab. Alles wird heiß, die Reifen verschleißen, der Asphalt verändert sich, die Rennszenarien auch. Man muss sich also extrem schnell auf neue Situationen einstellen können. Als ich damals meine ersten Rennen hier gefahren bin, sagte mir Professor Porsche: „Ich erwarte eine Null-Fehler-Fahrt. Ich kann dir nicht viel zahlen, aber ich gebe dir ein Auto, mit dem du gewinnen kannst.“ Da habe ich gesagt: „Das ist alles, was ich will.“ Und das gilt auch noch heute: Die Jungs mit den wenigsten Fehlern werden gewinnen.
Was war das für ein Gefühl, als Ferry Porsche Ihnen so etwas zugeraunt hat?
Wenn Herr Porsche dir sagt, du sollst vorsichtig sein, ist das etwas, an das du dich immer erinnerst. Alle Porsche-Fahrer haben großen Respekt vor der Marke, die sie repräsentieren, denn es ist eine große Ehre zur Porsche-Familie zu gehören.
Sie fuhren schon in 70ern, absolvierten 2012 Ihr letztes Rennen in Daytona. Was war für Sie die interessanteste Ära?
Ich habe die Autos aus den 80ern geliebt. Die Porsche 962, 936, 935. Sie hatten keine Elektronik. Mein Fuß war meine Traktionskontrolle. Die Autos waren superschnell, hatten mega-viel Abtrieb – und wenn nicht, wie beim 936, dann bewegten sie sich viel. Es war cool diese Autos zu fahren, und wenn man aussteigen musste, war man traurig, dass der Stint vorbei war.
Steckt heute zu viel Technik in den Rennwagen?
Racing war aus Herstellersicht immer ein Labor. Die Technik schreitet voran und moderne Systeme benötigen mehr technische Überwachung.  Das wird – auch von Porsche – auf der Rennstrecke getestet. Ich bin ehrlich: Ich steige gerne in ein modernes Auto in dem Wissen, dass die hochmoderne Technik auch dank des Rennsports funktioniert.
Hollywood-Star Patrick Dempsey hat im vergangenen Jahr eine Dokumentation über Sie gedreht, in der Sie sich als homosexuell outen. Was hat dieser Schritt für Sie bedeutet?
Wir wollten eine Botschaft absetzen. Es war Zeit, dass wir darüber reden, was Schikanieren bedeutet. Zum Beispiel für junge Kinder, der in der Schule schikaniert werden. Warum auch immer. Ich wollte auch über Depressionen sprechen, über Selbstmord (Hurleys Teamkollege Peter Gregg hat sich selbst getötet; d. Red.) Die jungen Leute sind heute einer riesigen Informationsflut ausgesetzt, so dass junge Geister das gar nicht mehr alles absorbieren können. Für all das wollten wir ein Zeichen setzen. Mit Erfolg: Tausende von Menschen sind danach extrem positiv auf mich zugekommen, Menschen auch, von denen ich es nie erwartet hätte. Sie haben mir zum Beispiel erzählt, dass sie durch den Film endlich mit ihrem schwulen Sohn über das Thema sprechen konnten. Sie haben den Film zusammen geschaut und gemerkt, dass sie trotz aller Unterschiede etwas gemeinsam haben: die Liebe zu Autos und Rennsport.

Die Doku über Hurley Haywood gibt's bei Amazon Prime zu sehen

Wie wichtig war es Ihnen auch die Botschaft abzusetzen, dass Homosexualität oder Depressionen auch und gerade im Sport kein Tabuthema oder ein Grund für Benachteiligung sein dürfen?

Wichtig. Ein ähnliches Thema sind auch Frauen im Motorsport. Vor kurzem war ich in einer Pressekonferenz, wo einer Rennfahrerin die Frage gestellt wurde, wie es ist, als Frau Rennen zu fahren. Ich war kurz geneigt den Fragesteller zu ohrfeigen. Sie ist eine Rennfahrerin. Sie tut, was sie liebt zu tun. Wenn man also Frauen von den Männern abgrenzt, ist das nicht fair. Genau wie jemanden auszugrenzen, der homosexuell ist. Wir machen alle dasselbe, haben alle dasselbe Ziel: Rennen zu gewinnen. Ich mag einfach keine Barrieren. Und die Botschaft des Films sollte auch sein: Du wirst keinen Fortschritt machen, wenn du die Barrieren, die sich vor dir aufbauen, nicht niederreißt. Ich hoffe deshalb, dass auch Frauen im Motorsport erfolgreich sind. Es gibt keinen Grund, warum sie das nicht schaffen sollten. Sie bekommen derzeit einfach nur nicht die Möglichkeit, in einem konkurrenzfähigen Auto anzutreten. Eben weil die Leute denken, dass Frauen nicht stark oder mutig genug sind. Bullshit.
Wie schwer war es damals für Sie, Ihre Homosexualität in einem sehr konservativ geprägten Umfeld wie Rennsport geheim zu halten?
Schwierig. Denn ich musste etwas verstecken, was Teil meines Lebens war. In der Motorsport-Industrie war das gar nicht so sehr ein Problem, da war meine Geschichte mehr oder weniger bekannt. Aber ich hatte ernsthaft Angst, dass meine Fans mich deshalb nicht mehr mögen würden. Ich wollte meine Fans einfach nicht verärgern. Was allerdings nicht der Fall war, wie ich jetzt herausgefunden habe. Ein  Fan kam zu mir und sagte: „Sie sind ein großer Rennfahrer, ein toller Mensch. Das ist, was zählt.“
War das einer Ihrer größten Siege?
Es war ein innerer Sieg, dass ich in der Lage war zu akzeptieren: Das bin ich. Und eine schöne Erkenntnis festzustellen, dass es niemanden in meinem Umfeld gab, der mich so nicht mochte.

Fotos: Porsche; Hersteller

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