Das Glück liegt in den kleinen Dingen. Diese Weisheit verbindet man nun nicht unbedingt mit der Marke Porsche und schon gar nicht mit Sylt, dem Eiland, dem oft ein gewisser Größenwahn nachgesagt wird. Doch beim Petro-Surf Festival ist alles etwas anders. Hoodie statt Anzug, Craft Beer statt Schampus und das ehrliche Knurren von Sechszylinder-Boxermotoren statt dem Kreischen hochgezüchteter V12. Jedes Jahr kommen ein paar Dutzend Besitzer luftgekühlter Porsche in den Norden, um die Insel in ihren ursprünglichen Elementen zu erleben. Sich das Haar, das hoffentlich noch da ist, vom Wind verstrubbeln zu lassen, das Salz in der Luft zu schmecken, Wellen zu reiten und kleine Dünenstraßen zu erkunden.

Patina gehört beim Petro-Surf Festival auf Sylt zum guten Ton

Petro- Surf Festival - 912 Coupé    911 Targa    930 Turbo
Schöne Aussicht: Elfer mit Surfbrett auf dem Dach sind beim Petro-Surf Festival keine Seltenheit.
Ihre Elfer sind mit Aufklebern geschmückt, viele haben ein Surfbrett aufs Dach geschnallt, und Patina gehört zum guten Ton. Ken Hake und Angelo Schmitt, beide gebürtige Sylter und Surfer, haben das Festival 2018 ins Leben gerufen. Kens Begeisterung für luftgekühlte Elfer wurde ihm praktisch in die Wiege gelegt. Vater Bernd besaß 1963 den zweiten Porsche überhaupt auf der Insel, einen 356 Super. Der war damals ein Exot auf dem noch wenig extravaganten Sandknust. Es folgten viele weitere Porsche, darunter ein Carrera 2.7 sowohl als Touring als auch in der Rennversion. Ken selbst fährt ein G-Modell von 1987 in Felsengrün metallic, er lebte lang Zeit in Kalifornien. Die Seile in die USA hat er nie ganz gekappt, und so trug es sich zu, dass US-Blogger und Porsche-Sammler Magnus Walker das erste Petro-Surf-Treffen auf Sylt besuchte.

Nur mit Luftkühlung taugt der Porsche zum Festival-Fahrzeug

Petro- Surf Festival
Vollversammlung: Beim Festival sind nur luftgekühlte Porsche erlaubt – es sind reichlich am Start.
Unter 911-Fans gilt das eigene Auto als hochgeadelt, wenn der selbst ernannte "Urban Outlaw" sich dazu hinreißen lässt, eine Runde mit dem Boliden auf die Straße zu legen. Nun wollte er auch gern mit Bernds 911 Turbo des Typs 964 über die Insel heizen, doch Hake senior winkte ab: "Die Einzigen, die das Auto fahren, sind ich und mein Sohn. Du kannst aber gerne mein Fahrrad haben." Walkers Gesichtsausdruck hätten wir an dieser Stelle gerne abgedruckt. Es ist genau diese Bodenständigkeit, die den Charme des Festivals ausmacht. Beim Petro-Surf sind alle luftgekühlten Porsche erlaubt. Also Porsche 356 und 911 des Typs F-Modell, G-Modell, 964 und 993. Aber auch Porsche 912 und 914 sind mit von der Partie.
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Der frühe Vogel hat den Zündschlüssel auf der linken Seite. So scheint es zumindest, denn pünktlich um sieben Uhr morgens versammelt sich die Elfer-Gilde auf dem Parkplatz vor dem Restaurant Sturmhaube in Kampen. Es ist kalt an diesem Spätsommertag. Die Sonne lugt nur verstohlen über die Dünenlandschaft, und wir mummeln uns in warme Jacken. Das Sylter Urgestein Barne Warnken reicht dampfenden Kaffee aus einem umgebauten Pferdetransporter. Hake hat einen kleinen Parcours errichtet, und die Teilnehmer müssen eine Zeitfahrprüfung absolvieren.

Auf Originalität wird bei den Autos nur wenig Wert gelegt

Petro- Surf Festival - 912 von 1965
Dieser 912 von 1965 ist gründlich modifiziert. Für Besitzer Moritz ist er eine "reine Fahrmaschine".
Fotograf Markus Haub gewinnt mit einer Zeitdifferenz von unter 0,1 Sekunden. Sein Elfer ist auf den Look des legendären 911 R von 1967 getrimmt. Silke aus Berlin ist das erste Mal dabei. Ihr burgundroter 912 Targa von 1969 heißt Kurt und erzählt in mannigfachen Aufklebern 20 Jahre Oldtimerrallye-Geschichte. Die Ingenieurin will Kurts Geschichte nun weiterschreiben und schrubbt ordentlich Kilometer. So geht es den meisten hier. Moritz und Kerstin aus Frankfurt sind mit ihrem Porsche 912 von 1965 in zehn Stunden auf eigenen Achsen nach Sylt angereist. In den vergangenen fünf Jahren haben sie gut 40.000 Kilometer zurückgelegt. Mit einem 2,2-Liter-Carrera-Motor, Weber-Vergasern, einem Heigo-Überrollkäfig und getunten Scheinwerfern ist der Zwölfer reichlich modifiziert. Überhaupt sind beim Petro-Surf viele importierte und umgebaute Autos am Start. Auf Originalität und herausgeputzte Sammlermodelle wird wenig Wert gelegt. "Hauptsache, die Karre fährt ordentlich", grinst ein Teilnehmer. Es gilt die bajuwarische "Freude am Fahren". Dass einige der hier angereisten Schätze trotzdem gut eine halbe Million Euro wert sind – egal, über Geld wird nicht gesprochen. Auch eine Besonderheit auf Sylt.

Mehr als 2500 Besucher bestaunen die Porsche-Modelle

Petro- Surf Festival - 911 Safari
Höhergelegter Wüstensportler: Dieses G-Modell wurde zu einem Safari-Elfer umgebaut.
Gegen Mittag knattern wir weiter zum kleinen Munkmarscher Hafen, der am Wattenmeer zwischen Braderup und Keitum liegt. Bevor im Jahr 1927 der Hindenburgdamm eröffnet wurde, landeten hier alle Touristen per Fähre an. Heutzutage liegen hier nur noch kleine Segelboote und auf dem Pier parken die alten Zuffenhausener. Mehr als 2500 Besucher strömen an diesem Tag nach Munkmarsch. In Pandemiezeiten ein außerordentlicher Kraftakt für die Veranstalter. Doch es lohnt sich: Kleine Kinder drücken sich die Nase an den Seitenscheiben platt, und die Väter erzählen von ihren Kindheitserinnerungen. Elmar aus Bad Hersfeld lehnt an seinem hellgelben G-Modell mit Schmalkarosserie von 1977 und sagt: "Am Ende dreht sich alles um die Menschen." Das ist auch das Motto und der Hashtag von Petro-Surf: It's all about the people. Mit ein paar Nimmermüden begeben wir uns gegen Abend noch in den Norden der Insel. Wir rattern über eine schmale Straße aus Betonplatten und zerfurchtem Asphalt. Niedertouriger Schiebebetrieb liegt den klassischen Elfern nicht besonders. Wir stellen sie ab und genießen die wild zerzauste Natur.
Der Wind bläst am nächsten Tag leider nur mäßig. Die geplante Surf-Session fällt aus. Mittags geht es zurück mit der Fähre von List nach Rømø, eine dänische Halbinsel. Auf dem Parkdeck drängeln sich die Elfer. Ein Wahnsinnsbild. Doch ein kleiner Junge hat nur Augen für Robben, die sich gähnend auf den Sandbänken wälzen. Das Glück liegt eben in den … Sie wissen schon.

Von

Matthias Techau