Meistens ist man auch als Motorsport-Reporter ein klassischer Schreibtischtäter. Es gibt allerdings auch Termine, bei denen man in diesem Job richtig Eier braucht: Der mit Nasser Al-Attiyah und seinem Dakar-Siegerfahrzeug, dem Toyota GR DKR Hilux T1+, ist so einer.
ABMS-Reporter Hackbarth im Cockpit mit Dakar-Sieger Al-Attiyah
Außerhalb von Barcelona besitzt der Katari große Ländereien. Al-Attiyah, der auch zweifacher Bronzemedaillengewinner im Tontaubenschießen bei den Olympischen Spielen ist, hat sich auf sein Grundstück in den Hügeln Kataloniens diverse Rallyestrecken bauen lassen, um in aller Ruhe seinen Lieblingssport ausüben zu können: auf diesen übt und testet er nach Belieben, im so genannten Nasser Racing Camp.
Hier zeigt mir der vierfache Gewinner der Rallye Dakar (2011, 2015, 2019, 2022) was er und sein Toyota so können. Auf dem Weg zur Strecke nimmt noch Al-Attiyahs deutscher Schäferhund auf dem Beifahrersitz des Dakar-Monsters Platz. Na so schlimm kann es dann ja nicht sein, denke ich mir in meiner Naivität. Knapp eine halbe Stunde später bin ich eines Besseren belehrt!
Tierischer Beifahrer: Al-Attiyahs Schäferhund im Dakar-Hilux
Als ich meinem prominenten Chauffeur nach unserem Teufelsritt erzähle, dass sie bei der nächsten Röntgen-Untersuchung meines Genicks wohl einige "Al-Attiyah-Kerben" finden werden, lacht er herzhaft. Die Schläge, die der mittlerweile 51-Jährige und sein Toyota GR DKR Hilux T1+ vor allem bei Sprüngen unter Volllast und Highspeed wegstecken, sind immens. Mir tut nach ein paar Demo-Runden schon der Nacken weh - wie man sich diese Tortour bei der Rallye Dakar zwei Wochen und vor allem jeden Tag über 500 Kilometer lang antun kann, ist mir schleierhaft. Genauso, wie die Tatsache, dass die Aufhängung des Autos das alles aushält.
Diesen Gedanken habe ich auch schon 20 Minuten zuvor, als ich mit der Straßenversion, dem Toyota Hilux GR Sport, selbst auf die Piste darf. Auch da lasse ich gehörig die Sau raus: Wann hat man schon mal die Gelegenheit in einem abgesperrten Sandkasten und mit Material, das ich Gott sei Dank nicht selbst bezahlen muss, denke ich mir. Also nehme ich den Straßen-Hilux hart ran, lasse keine Spurrille, keine Kuppe, keinen Sprung aus. Das Auto meistert alles mit bravour und zeigt, dass ein richtiger Geländewagen eben doch für etwas anderes geschaffen als nur für Eltern, die damit ihre Kinder zum Tennistraining fahren.
Auch mit der Straßenversion des Hilux lässt sich gut Staub aufwirbeln
Mit nichts zu vergleichen ist allerdings der Husarenritt, den Al-Attiyah wenig später mit mir an Bord in seinem Dakar-Siegerfahrzeug aufführt: Meterhoch fliegen wir durch die Luft, tauchen bei der Landung 15 Meter weiter hinten tief und hart ein in den Untergrund und ziehen eine derartige Staubwolke hinter uns her, dass die Körner teilweise auch auf der nächsten Runde noch in der Luft stehen.
405 PS bringt Toyotas Allrad-Kraftpaket auf die Straße beziehungsweise in die Dünen. 600 Newtonmeter Drehmoment werden dabei generiert, von einem 3,5-l-Twinturbo-V6. "Für 2022 hat das Auto noch mal größere Reifen (37 Zoll, 320 mm breit; d. Red.) und größere Federwege (350 mm; d. Red.) bekommen", schwärmt Al-Attiyah von der neusten Version seines Arbeitsgeräts. Und ich gebe zu: Einen Mordspaß macht die sandige Achterbahnfahrt auf jeden Fall - nur die Sprünge sind mir, beziehungsweise meinem untrainierten Nacken, zu krass.
Nasser Al-Attiyah gewann die Dakar dieses Jahr schon zum vierten Mal
Der Belastung für Mensch und Maschine ist sich auch Al-Attiyah bewusst: "Natürlich verursacht es mentale und körperliche Schmerzen. Aber seit ich 15 Jahre alt bin, ist das mein Lieblingsrennen und es zu gewinnen, macht mich sehr stolz", sagt er mit Blick auf die legendäre Dakar. Als ich aus dem Auto steige, will ich vom diesjährigen Sieger noch wissen, wie viel Prozent er bei so einer Fahrt mit Medienvertretern an Bord gibt. Al-Attiyah grinst: "Da gehe ich kein Risiko. So ungefähr 60 Prozent." Ich schüttle ungläubig den Kopf: Wenn das 60 Prozent waren, will ich gar nicht wissen wie 100 aussehen...

Von

Frederik Hackbarth