Pascal van Erp stapft mit schweren Schritten über den Steg auf das betagte Boot. Der alte Diesel grummelt, es geht hinaus aufs Meer. Dann schultert Pascal sein 65 Kilogramm schweres Tauchgerät – und springt ins Wasser. Gemeinsam mit Kollegen sinkt er hinab in 39 Meter Tiefe, ihr heutiger Arbeitsort ist ein Riff vor der Küste Kroatiens.
Der holländische Hüne war früher mal IT-Projektmanager bei Greenpeace. "Dann war mir klar, dass ich den Job nicht weitermachen kann." Er wollte raus und helfen. Und stieg bei Healthy Seas ein.
Die 2013 gegründete Umweltschutzorganisation befreit das Meer von herrenlosen Fischernetzen. In solchen "Geisternetzen" verfangen sich Tiere. Und sie werden irgendwann zu Mikroplastik – und landen so in unserer Nahrungskette.

250 ehrenamtliche Taucher und 1250 Fischer

Mit großen Messern schneiden van Erp und seine Kollegen unter Wasser die Netze frei, befestigen Hebesäcke daran – und befüllen diese mit Luft. Nach und nach ploppen sie an der Oberfläche auf, die Schiffscrew zieht alles an Bord.
Healthy Seas Reportage
Jahrzehntelang lagen die Netze im Meer, werden von ehrenamtlichen deutschen Tauchern geborgen.

250 ehrenamtliche Taucher und 1250 Fischer arbeiten inzwischen mit Healthy Seas zusammen. Viele nehmen extra Urlaub, um helfen zu können – so wie das halbe Dutzend deutscher Taucher, die für einige Tage nach Kroatien gekommen sind.
Finanziell unterstützt wird die Arbeit von vielen Partnern. Dazu zählen der Uhrenhersteller Breitling, der Vermögensverwalter DWS – und seit 2021 Hyundai. (Aus Altakku mach neu: Mercedes baut eigene Recycling-Fabrik)

640.000 Tonnen "Geisternetze"

Natürlich ist das, was Healthy Seas macht, mehr ein symbolischer Akt. Schätzungsweise 640.000 Tonnen Fischernetze enden pro Jahr als "Geisternetze" in den Weltmeeren. Und die ehrenamtlichen Taucher von Healthy Seas haben bisher 773 Tonnen gehoben – in neun Jahren. Aber der Organisation geht es um mehr.
"Wir gehen in Schulen und klären Kinder über das Problem mit den Geisternetzen auf", sagt Christina Wiegers (30), die als Projektmanagerin an Bord der Organisation ist und aus Hamburg stammt. Zudem bemühe man sich um eine Zusammenarbeit mit Fischern, damit Netze gar nicht erst zu einem Umweltproblem werden.
Healthy Seas Reportage
Martina Santoni arbeitet für Aquafil. Das Unternehmen recycelt alte Netze und Teppiche.

Ortswechsel. In der Nähe von Ljubljana (Slowenien) steht Martina Santoni vor einem riesigen Berg alter Fischernetze. Sie arbeitet für Aquafil, das italienische Unternehmen stellt seit den 1960er-Jahren Nylonfasern her. Und seit 2011 Econyl.

Treibhauseffekt um bis zu 90 Prozent reduziert

So nennen die Italiener ihr Recycling-Nylon, das aus alten Teppichen, Fischernetzen und Industrie-Kunststoffabfällen produziert wird. Der Vorteil: Es reduziert den Treibhauseffekt von Nylon um bis zu 90 Prozent gegenüber dem Material aus Öl.
Healthy Seas Reportage
Neues Nylon: Die hauchdünnen Fäden werden auf Spulen gewickelt und von Robotern verpackt.

Aus den hauchdünnen Recycling-Nylonfäden fertigt die Modeindustrie dann etwa Rucksäcke oder Badeanzüge, Sonnenbrillen – und die Autoindustrie Textilien für Innenräume. Fußmatten, Sitze, Türverkleidungen: "Wir arbeiten unter anderem mit Mercedes, BMW, Cupra und Hyundai zusammen", sagt Martina Santoni.
Rund ein Viertel des Recycling-Nylons besteht aus Fischernetzen. "Der allergrößte Teil stammt allerdings aus Fischfarmen und nicht aus dem Meer", sagt Santoni. Das sei ihr wichtig zu betonen.
Healthy Seas Reportage
Aus dem Recycling-Nylon entstehen etwa Fußmatten für den Hyundai Ioniq 5.

Inzwischen steht sie neben einem Berg alter Teppiche. "Die stammen von den Filmfestspielen in Cannes", sagt sie. Die werden nun ebenfalls zu neuem Nylon verarbeitet. Falls Sie demnächst in Ihrem Auto rote Fußmatten vorfinden, wundern Sie sich also nicht…
Infos: www.healthyseas.org