Reifen im Weltall
Was für Reifen haben Autos für Mond und Mars?

Warum Gummi auf dem Mond nicht weiterhilft, und weshalb ein Mondauto oder Mars-Rover besser auf Küchensieben fährt!
Bild: NASA
Fahrradspeichen? Ernsthaft? Ja: Das erste Auto auf dem Mond hat keine Gummireifen auf Alus, sondern acht Räder, die komplett aus Metall sind – mit Speichen, die aussehen wie bei einem Fahrrad. Die Rede ist vom Fahrzeug Lunochod 1, das die Sowjetunion 1970 auf den Mond brachte (also: Die Sowjetunion brachte das Auto auf den Mond, nicht umgekehrt).

Auffällig dünne Speichen am sowjetischen Mondauto – hier ein Foto eines Nachbaus auf der Erde. In den Naben: je ein elektrischer Radnabenmotor.
Bild: HPH via Wikipedia
Warum Fahrradspeichen für ein Mondauto reichen
Die Speichen konnten reichen, weil die Schwerkraft auf dem Mond nur etwa ein Sechstel so stark ist wie auf der Erde. Das Fahrzeug, zu Hause noch 756 Kilogramm schwer, wiegt also auf dem Mond nur circa 126 Kilo, auf jedes Rad kommen nicht mal 16 Kilo statische Belastung.

Lunokhod 1 im Jahr 1970 bei Testfahrten am "Lunodrom" auf der Krim. Unter anderem sollten die Räder ihre Tauglichkeit auf Sand und Felsen erproben.
Bild: dpa/picture allicance
Jedes der acht Räder hat einen eigenen Elektromotor in der Radnabe, ist einzeln gebremst und einzeln gefedert. Die Laufflächen sehen aus wie Schaufelräder, die aus einem Sieb hergestellt wurden. Wieso das mit den Schaufeln eine blöde Idee war, erklären wir etwas weiter unten.
Mit welchen Reifen Mondautos heute fahren würden

Aktueller Prototyp eines Weltraumreifens: Biegsame Metallstreifen verbinden den Radnabenmotor mit je einem weichen, griffigen Pad an der Außenseite.
Bild: Bridgestone
Seit 1971 parkt Lunochod 1 auf dem Mond. 2025 arbeitet Bridgestone an Rädern und Reifen für das Mondfahrzeug 24U CubeRover von Astrobotic. Wieder haben die Räder Metallspeichen, die sind aber nachgiebig. Außen gibt es keine geschlossene Lauffläche, sondern 36 rechteckige Elemente. So können die Räder sich an unebenen Untergrund anpassen. Geländewagenfahrer kennen das Prinzip: Luft ablassen, dann wird die Traktion auf Sand viel besser.

Die private US-Firma Astrobotic Technology entwickelt dieses vierrädrige Fahrzeug mit Solarpaneelen und Bridgestone-Reifen.
Bild: Astrobotic
Warum normale Autoreifen auf dem Mond versagen würden
Aber warum der Aufwand? Warum kann man nicht einfach handelsübliche Geländewagenreifen auf dem Mond oder dem Mars einsetzen?
Die Oberflächen von Mond und Mars bestehen zum großen Teil aus lockerem Gestein und Sand, man nennt es Regolith. Oder Dreck, je nach Wissensstand. Im Unterschied zu irdischem Dreck ist Monddreck extrem fein, setzt sich in den kleinsten Spalten fest und schmirgelt alles ab, was nicht bei drei in der Sonde ist. Schlimmer noch: Er ist elektrostatisch aufgeladen.
Weshalb glatte Reifenprofile auf dem Mond besser sind
Kurios: Solange ein Auto auf Mond oder Mars steht, sinken die Reifen nicht so stark ein wie auf der Erde, wegen der geringeren Schwerkraft und weil das Regolith (richtig, der Dreck) statischer Belastung ganz gut standhält. Sobald das Auto aber fährt und die Leisten oder Stollen des Reifens sich in das lockere Regolith bohren, sinken die Reifen stärker ein. Wenn man ein Einsinken verhindern will, setzt man also möglichst glatte Profile ein.
Gegen handelsübliche Reifen spricht auch das Temperatur-Thema: Nachts wird es mit bis zu minus 156 Grad Celsius empfindlich frisch, tagsüber mit bis zu plus 121 Grad muckelig warm. Ein normaler irdischer "All"-Wetter-Reifen wäre mit dem Spektrum schon überfordert – da brauchen wir über die Themen Luftreifen, Atmosphäre und Druckverlust gar nicht erst zu sprechen.

Der American Modularized Equipment Transporter (MET), eine Art Schubkarre mit zwei Rädern, hatte noch Gummireifen.
Bild: Goodyear
Goodyear lieferte für eine Art Schubkarre anfangs noch Reifen aus einer speziellen gummiähnlichen Mischung, gefüllt mit Stickstoff, aber das setzte sich nicht durch.
Eine kurze Reise zum Mond, zum Mars und durch die Geschichte des Weltraumreifens
Das erste Auto im All sollte 1969 der sowjetische Lunochod ("Mondspaziergänger") werden. Allerdings ging die Rakete, die ihn transportierte, 51 Sekunden nach dem Start in die Luft.
1970 versuchten die Sowjets es noch mal, dieses Mal mit Erfolg, siehe oben: Lunochod 1 nannten sie ihren Lunar-Lada, das klang nicht so wie ein zweiter Versuch. Dieses Auto wurde das erste auf dem Mond, das erste Fahrzeug überhaupt, das auf einem astronomischen Objekt außerhalb der Erde fuhr.

Bild: Anatolij Sergejew-Wasiljew/RIA Nowosti
Das konnte die Auto-Nation USA sich nicht bieten lassen. 1971 nahm die NASA-Mission Apollo 15 das erste Lunar Roving Vehicle (LRV) mit zum Mond, gebaut von Boeing, Spitzname "moon buggy" – gleichzeitig das erste berühmte US-Elektroauto seit Oma Ducks Detroit Electric.

Bild: Picture Alliance/dpa
Ein Deutscher flocht Mondreifen aus Klaviersaiten
Als geistiger Vater des Lunar Rover gilt Georg von Tiesenhausen aus Hamburg. Unter Ingenieur Ferenc Pavlics wurde das Auto zu Ende konstruiert – mit Reifen aus Drahtgeflecht, genauer: einem Geflecht aus verzinkten Klaviersaiten. Außen verhinderten pfeilförmig aufgenietete Titan-Streifen, dass die siebartigen Reifen zu tief in den feinen Sand sanken, innen verhinderte ein fester Ring, dass sie zu stark einknickten. Wie fühlte sich das an? "Das Auto fährt sich wie eine Mischung aus einem bockigen Pferd und einem Ruderboot auf rauer See", funkte Astronaut James Irwin 1971 vom Mond nach Houston.

Bild: NASA
Wo auf dem Mond sind Reifenspuren?
Verschwörungsfans wenden jetzt natürlich ein: "Die Mondlandungen haben nie stattgefunden!" – und zeigen auf unscharfe Fotos der Apollo-15-Mission. "WARUM SIND DA KEINE REIFENSPUREN? DENKT MAL DRÜBER NACH!"
Tja, warum sollten da Reifenspuren sein? Das Reifenprofil ist ja fast glatt (siehe Fotos), der Staub gleitet durch das Metallgewebe wie durch ein Sieb. Und: Der Lunar Rover wog auf der Erde etwa 210 Kilogramm, auf dem Mond aber (sechsmal geringere Schwerkraft) eher so 35 Kilo. Es wäre also logisch, wenn man keine Reifenspuren des Lunar Rover sehen könnte. Kann man aber. Nicht auf den Schwarzweißfotos der Verschwörungsfans, die aussehen wie aus dem Fotokopierer und die oft beschnitten sind, aber auf den originalen Fotos.

Bild: NASA
Das Problem mit der Staubwolke
Auf der Apollo-17-Mission 1972 riss dem Astronauten Eugene "Gene" Cernan versehentlich ein Schutzblech vom dritten Mondauto LRV 3, als er während der Fahrt neben dem Auto her spazierte. Der Reifen wirbelte deshalb so viel Staub auf, dass das ganze Auto in der Wolke verschwand. Die Männer wollten das verlorene Teil allein mit Panzerband am Auto befestigen, doch das blieb bei dem Staub nicht kleben.

Bild: NASA
Kurz darauf schossen die Sowjets 1973 ihr zweites Auto zum Mond, den Lunochod 2. Praktisch ein Facelift des Vorgängers, die Reifentechnik war die gleiche.

Bild: privat
Lang war es still ums Thema Mondreifen – niemand mehr wollte Fahrzeuge zum Mond schießen (außer den blöden Vordermann im Stau oder den vermaledeiten Drängler). 1997 aber landete das NASA-Fahrzeug Sojourner auf dem Mars!

Bild: Sergei Matrossow
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