Renault Kadjar: Gebrauchtwagen-Test
Gebrauchter Kadjar? Ein abenteuerliches Vorhaben

Format und Ausstattung des Renault Kadjar treffen den Massengeschmack, die Preise sind zivil. Worauf sollte man dennoch achten?
Bild: AUTO BILD/Olaf Itrich
Ein Alltagsheld möchte der von 2015 bis 2022 gebaute Renault Kadjar sein. Während manch andere französische Autos oft mit Experimenten und avantgardistischen Ideen glänzen, setzt das geschwungen designte Kompakt-SUV auf klassische Tugenden wie ansprechendes Raumangebot und gute Übersichtlichkeit. Wer den Kadjar fährt, spürt rasch, dass er gemacht ist für den paneuropäisch-automobilen Massengeschmack.
Der Kadjar passt für Lang- und Kurzstrecken
Das ist er: Als Zwillingsbruder des technisch eng verwandten, aber geringfügig kleineren Nissan Qashqai der zweiten Generation setzt der 2015 eingeführte, Mitte 2018 und zu Beginn des Jahres 2019 dezent überarbeitete Kadjar auf hunderttausendfach bei Renault und Nissan bewährte Technik der CMF-Plattform. Seine Länge von 4,45 Metern (ab Facelift 4,49 Meter) ist angenehm kompakt und konsensorientiert. Die dezent erhöhte Sitzposition folgt allseits akzeptierten SUV-Standards, passt auf Lang- und Kurzstrecken.

Im AUTO BILD-Dauertest reichte es für den Kadjar trotz Qualitätsschwächen für die Endnote 2.
Bild: AUTO BILD/Olaf Itrich
Die Platzverhältnisse verdienen das Prädikat großzügig. Vorn sitzt man bis 1,90 Meter Körpergröße auf großen Sitzen recht bequem, für sperrige Kindersitzschalen oder ausgewachsene Teenager reicht das Format auch im Fond bequem aus. Der Kofferraum mit herausnehmbarem doppelten Boden und Schmugglerfach kann es mit den meisten Kompakt-Kombis aufnehmen. Er taugt für Urlaubsgepäck und ausgedehnte Baumarktbesuche, solange man die nicht immer allzu üppige Zuladung im Auge behält.
Technische Daten
TCe 130 | TCe 140 | dCi 130 4x4 | |
|---|---|---|---|
Motor | Vierzylinder/vorn quer | Vierzylinder/vorn quer | Vierzylinder/vorn quer |
Ventile/Nockenwellen | 4 pro Zylinder/2 | 4 pro Zylinder/2 | 4 pro Zylinder/2 |
Hubraum | 1197 cm³ | 1332 cm³ | 1598 cm³ |
Leistung | 96 kW (130 PS) bei 5500/min | 103 kW (140 PS) bei 5000/min | 96 kW (130 PS) bei 4000/min |
Drehmoment | 205 Nm bei 2000/min | 240 Nm bei 1600/min | 320 Nm bei 1750/min |
Höchstgeschwindigkeit | 192 km/h | 203 km/h | 190 km/h |
0–100 km/h | 10,7 s | 10,4 s | 10,5 s |
Tank/Kraftstoff | 55 l/Super | 55 l/Super | 65 l/Diesel |
Getriebe/Antrieb | 7-Gang-DKG/Vorderrad | 6-Gang man./Vorderrad | 6-Gang man./Allrad |
Länge/Breite/Höhe | 4449/1836/1598 mm | 4449/1836/1598 mm | 4449/1836/1606 mm |
Kofferraumvolumen | 472-1478 l | 472-1478 l | 472-1478 l |
Leergewicht/Zuladung | 1448/472 kg | 1498/382 kg | 1611/448 kg |
Anhängelast gebremst/ungebremst | 1500/720 kg | 1500/700 kg | 1800/750 kg |
Beim Design merkt man dem Kadjar sein konstruktives Alter bereits ein wenig an, aktuelle Modelle mit Rhombus tragen eine deutlich weniger rundliche Note. Der Innenraum versucht es mit einem Mix aus funktionaler Sachlichkeit und komfortabler Note. Das Armaturenbrett ist recht klar gegliedert, doch das Layout des digitalen Kombiinstruments und das bis Ende 2018 verbaute Infotainmentsystem inklusive klobigem Bediensatelliten wirken inzwischen merklich angestaubt.
Die Variantenvielfalt kann sich sehen lassen
Das hat er: Pluspunkte sammelt der Kadjar vor allem mit seinen Ausstattungsmöglichkeiten. Die Variantenvielfalt ist, nicht zuletzt durch einst absatzfördernde Sondermodelle, groß. In der kargen Basis gibt es 16-Zoll-Stahlfelgen (mit Radkappen des Typs Pragmat), manuelle Klimaanlage, Tempomat und CD-Radio. Ab der mittleren Linie gehören sinnvolle Dinge wie Lordosenstütze, Nebelscheinwerfer mit Kurvenlicht, 3D-Sound, Keycard-System und Parkhilfe (vorn und hinten) zur Serie.

Das Cockpit ist klar strukturiert, aber wenig individuell und mit einfachen Kunststoffen gestaltetet.
Bild: AUTO BILD/Olaf Itrich
In den gehobenen Varianten gibt es schließlich on top Annehmlichkeiten wie Klimaautomatik, LED-Scheinwerfer und größere 17-Zoll-Alufelgen. Die Bose Edition mit basslastigem Soundsystem, vergleichsweise mächtigen 19-Zoll-Rädern, feineren Zierelementen, Voll-LED-Scheinwerfern, Safety-Paket mit Spurhaltewarner, Fernlichtassistent und Verkehrszeichenerkennung streckte einst ihre Fühler selbstbewusst in Richtung Premiumhersteller aus, blieb aber finanziell leistbarer. All das mag etwas unübersichtlich klingen. Doch zum Glück wurden viele Fahrzeuge von ihren Neuwagenbestellern mit Paketen aufgerüstet. Goodies wie ein riesiges Panoramaglasdach, Navigationsfunktion, Rückfahrkamera oder schlüsselloser Zugang sind daher nicht selten. Und genau in diesen Fällen vermittelt der Kadjar subtil das gute Gefühl, in entscheidenden Details mehr Auto fürs Geld zu bieten, als man von einem günstigen Kompakt-SUV erwarten würde.
Das Thema Sicherheit nahm Renault ernst: Auf Euro-NCAP-Sterne hin optimiert, gab es fünf davon serienmäßig. Für den Fahrerschutz wurden 2015 sehr solide 89 Prozent ermittelt. Sinnvolle Upgrades kosteten dennoch oft Geld: Notbremsassistent, Kollisionswarner, Verkehrsschilderkennung, Spurhalte- und Spurwechselassistent sowie LED-Licht mit Fernlichtassistent können, müssen aber je nach Ausstattungsvariante nicht an Bord sein. Daher lohnt sich der genaue Vergleich einzelner gebrauchter Kandidaten.
Breit gefächertes Motoren-Angebot
So fährt er: Als typischer Allrounder setzt der Kadjar auf die Fahrwerksformel komfortabel und berechenbar. Besonders sportlich oder gar lustvoll abgestimmt ist der je nach Version mit Front- oder Allradantrieb erhältliche Renault jedenfalls nicht. Sein Fahrwerk ist betont alltagstauglich eingestellt, was bei defensiver Fahrweise angenehm ist.

Im Handling verhält sich der Kadjar stabil bis kontrolliert untersteuernd, bei zu scharf angefahrenen Kurven greift das ESP durchaus sinnvoll ein.
Bild: AUTO BILD/Olaf Itrich
Breit gefächert und mindestens Euro-6-konform sind die Motoren. Der 1,2-Liter-TCe-Basisbenziner mit 130 PS war 2018 weit verbreitet, gilt jedoch heute als Problemkandidat: Ölverbrauch, verschlissene Steuerketten und verbrannte Ventile machen ihn potenziell riskant. Die Konstruktion des jüngeren 1,3-Liter-Benziners (ab Ende 2018) war sogar für einige Mercedes-Modelle gut genug. Er ist empfehlenswerter, kräftiger und zuverlässiger, als TCe 140 mit 140 PS oder mit rund 160 PS als TCe 160 erhältlich. Von 2016 bis 2018 gab es außerdem eine von Nissan bezogene 1.6-TCe-Variante mit 163 PS. Als klassischer Common-Rail-Diesel punktet der 1.5 dCi mit einem niedrigen Verbrauch. Er eignet sich durchaus für Vielfahrer und Sparfüchse. Wer eine Idee mehr Kraft wünscht, dem könnte der 1.6 dCi mit 130 PS oder der 1.8 dCi mit 150 PS und Allradoption unter der Verkaufsbezeichnung 4x4 schmecken.
Zwiespältig sind die Getriebe: Die manuellen Sechsgangversionen funktionieren in der Regel unauffällig, das Doppelkupplungsgetriebe EDC mit sechs oder sieben Gängen kann dagegen unerwartet gestresst wirken: Ruckeliges Anfahren und träge Schaltvorgänge lassen es oft wenig souverän erscheinen. Als günstige Problemlösung reicht teils ein Auspusten der Getriebeglocke mit Druckluft. Ebenfalls nicht voll überzeugend sind der Abroll- und der Geräuschkomfort. Jenseits von 130 km/h bauen sich im Bereich der Türdichtungen deutliche Windgeräusche auf, und die Motorhaube vibriert nur leicht, aber dennoch sichtbar.
Stärken
- Familientauglicher Allrounder
- Ordentliches Sicherheitsniveau
- Solides Ergebnis im AUTO BILD-Dauertest
Schwächen
- Teils Verarbeitungsschwächen
- Nicht immer zuverlässiger 1,2-Liter-Benziner
- Teils knappe Zuladung
Der Kadjar altert nur sehr selten fehlerfrei
Das macht Ärger: Renault Deutschland bot zwei Jahre Neuwagengarantie, drei Jahre Lackgarantie und zwölf Jahre Durchrostungsschutzgarantie. Ab Januar 2016 wurde außerdem eine drei Jahre oder bis maximal 100.000 Kilometer gültige Anschlussgarantie eingeführt. Qualitativ sollte man realistisch einschätzen, dass der Kadjar trotz charmanter Details nie als ein Premiumprodukt konstruiert war. Knistergeräusche und eher einfache Materialien im Innenraum, besonders im Bereich der Mittelkonsole, sind selbst bei moderaten Laufleistungen stets ein lästiges Thema.
Die Spaltmaße sind nicht immer optimal eingestellt, was sich teils auch durch aneinander scheuernde Bauteile, etwa an der Unterseite der Heckklappe, zeigt. Dünne und wenig robuste Teppiche können frühzeitig ein Ärgernis sein, die Kunstledersitzwangen gehobener Ausstattungen neigen regelmäßig zu hässlichen Rissen. Die Konservierung ist kaum durchschnittlich. Besonders bei frühen Exemplaren zeigten sich teils nach zwei bis drei Jahren laut Halterberichten erste Rostherde, die Renault jedoch beseitigte.
Die Zuverlässigkeit der Elektronik lässt ebenfalls teils zu wünschen übrig, Phantommeldungen der Reifendrucksensoren, aber auch Kompatibilitätsprobleme mit externen Geräten sowie Abstürze des Kombiinstruments und des Infotainmentsystems sind lästige Alltagssorgen. Grundsätzlich ist die 12-Volt-Batterie nicht sonderlich langlebig und der Funkschlüssel mitunter störrisch. Wird der Kadjar flott bewegt, ist außerdem mit einem recht hohen Bremsenverschleiß zu rechnen. Hier macht sich auch bemerkbar, dass im voll beladenen Zustand 1,8 Tonnen Gewicht auf die Bremsanlage wirken. Beim Kraftfahrt-Bundesamt sind für den Kadjar insgesamt sieben Rückrufe hinterlegt.
Unterhaltskosten
Testverbrauch | 7,6 l S/100 km |
|---|---|
CO2 gem. NEFZ-Zyklus | 123 g/km |
Inspektion | 300-550 Euro |
Haftpflicht (20)* | 790 Euro |
Teilkasko (24)* | 968 Euro |
Vollkasko (21)* | 1375 Euro |
Kfz-Steuer (Euro 6) | 88 Euro |
Ersatzteilpreise *
Lichtmaschine (AT) | 886 Euro |
|---|---|
Anlasser (AT) | 621 Euro |
Wasserpumpe | 780 Euro |
Zahnriemen | entf., Steuerkette |
Nachschalldämpfer | 575 Euro |
Kotflügel vorn links, lackiert | 1526 Euro |
Bremsscheiben und -klötze v. | 807 Euro |
Infotainmentbildschirm | 1285 Euro |
4 Sommerreifen (Dimension 225/45 R 19 96 W) | 900 Euro |
Service-Links





























