Mit der Kassette der Chemietoilette über den Campingplatz zu ziehen. Wie unangenehm. Dazu noch dieser Geruch von Chemie in der Nase. Sascha Gerner war es einfach leid. "Dieser Dixi-Klo-Geruch im Camper, das hat doch nichts mit Urlaub zu tun", sagt der 57-Jährige. Er hat nicht nur recht damit, sondern gleich eine passende Lösung.
Sascha Gerner ist Maschinenbau-Ingenieur und ehemaliger Studienrat, Erfinder und Gründer von BioToi – einer kompakten Trocken-Trenntoilette ohne chemische Zusätze. Ein kleines, aber wichtiges Bauteil in einem Camper.
BioToi
BioToi setzt auf Handarbeit und Perfektion. Jede Toilette wird genau kontrolliert.
Bild: Fabian Hoberg / AUTO BILD
Der 57-Jährige ist Camper durch und durch. Schon während seines Studiums reist er mit dem Motorrad, fährt unter anderem durch Nordafrika und den Nahen Osten. Anschließend arbeitet er in der PR-Branche, danach als Journalist, testet Motorräder und Wohnmobile. Vor rund zehn Jahren beginnt er, Zubehör für seinen Ford Nugget zu entwickeln. Mit einem neuen Adapter beschädigt die schräg gestellte Markise nicht mehr die Schiebetür. Den Adapter produziert er in Kleinserie, ebenso wie eine maßgeschneiderte Handtuchstange, und verkauft beides über das Nugget-Forum.
2011 wechselt Sascha Gerner seinen Job, wird Studienrat mit zweitem Staatsexamen, unterrichtet an einem technischen Gymnasium und einer gewerblichen Schule die Fächer Maschinenbau, Heizungs-, Sanitär- und Klimatechnik. Doch die Liebe zum Camping bleibt – bis auf das leidige Thema Toilette.

"Seit 1996 nervt mich die Klolösung"

Bei seinen Campingurlauben ärgert er sich wieder mal über das Toilettenproblem. "Seit 1996 campe ich mit eigenem Wohnmobil, und seitdem nervt mich die Klolösung. Bei den Campern hat sich alles verbessert: die Motoren, die Akkus, die Solarpaneele. Nur beim Klo sind wir technisch auf dem Stand der Siebzigerjahre stehen geblieben", sagt er.
Eine Chemietoilette beleidigt selbst dann mit synthetischen Düften die Nase, wenn sie verschlossen und noch unbenutzt ist. Die künstlichen Zusätze riecht man im gesamten Innenraum des Campers. Dazu kommt das häufige Leeren der Fäkalienkassetten an speziellen Stationen, die unterwegs nicht überall zu finden sind.
Daher tüftelt er ab 2017 in seiner Garage nach Schulschluss an einer neuen Lösung: zwei getrennte Kammern, eine für Flüssiges und eine für Festes. Entscheidend für einen komfortablen Sitz ist ein passender Steg als Trennung zwischen den beiden Kammern. Der Schambereich darf auch bei schmächtigeren Personen oder Kindern unter keinen Umständen den Steg berühren, weil das als unangenehm empfunden wird. Gleichzeitig muss der Steg hoch genug sein, um die Öffnungen der Kammern zu trennen.
BioToi
Als Geruchsneutralisierer dient gemahlene Kokosnussfaser.
Bild: Fabian Hoberg / AUTO BILD
Den Urin sammelt seine Toilette in einem Behälter mit Geruchsverschluss, der Kot wird direkt mit Kokosnuss-Fasern vermischt und so vorkompostiert. Zwar bieten Hersteller wie Nature’s Head und Air Head eine ähnliche Technik, doch die Gehäuse sind größer, passen damit nicht in kompakte Camper. Außerdem ist das Entleeren der US-Hersteller sehr umständlich. "Der erste Prototyp in meiner Garage hat so gut funktioniert, dass keiner meiner Familie oder meiner Freunde beim Betreten des Raums bemerkte, dass hier eine benutzte Toilette steht. Da wusste ich: Wenn auch über viele Tage nichts riecht, dann funktioniert es", sagt er grinsend.
Sein Ziel nun: die Entwicklung der kleinsten Trocken-Trenntoilette mit dem größten Tank und Kompostierfunktion. Sie funktioniert ohne chemischen Zusatz und ohne Spülwasser. Damit sind spezielle Entsorgungsstationen überflüssig. Das erlaubt Reisen mit größtmöglicher Unabhängigkeit und ohne Geruchsbelästigung.
Sascha Gerner konstruiert mit seinem Computer, engagiert einen Produktdesigner für eine ansprechende Optik und Haptik. Ein Metallbauer, der bisher Computergehäuse lasert, fertigt die Metallteile für das sehr fein gebogene und stabile Gehäuse. Die ersten vorzeigbaren Dummys aus Blech, Aluminium und Styroporplatten sind 2018 fertig, 2019 meldet Gerner schließlich erfolgreich ein Patent an.
BioToi
Am speziellen und perfekt sitzenden Toilettensitz tüftelte Sascha Gerner Monate.
Bild: Fabian Hoberg / AUTO BILD
Die Kunststoffteile für den Sitz und weitere Spritzgussteile lässt er bei Spezialisten anfertigen. "Am Anfang war es schwierig, überhaupt Zulieferer zu bekommen, weil wir die benötigten Stückzahlen nicht abschätzen konnten", erzählt Sascha Gerner.
Als Trockenmittel wählt der Tüftler Kokosfaser. Das Abfallprodukt der Lebensmittelindustrie riecht nach Walderde, entzieht den Hinterlassenschaften rasch die Feuchtigkeit und damit auch den Geruch. Dabei helfen zwei Drehungen am Rührwerk für eine ausreichende Durchmischung. Mit einer Kokosfaser-Füllung im Eimer lassen sich 20 bis 25 Klogänge durchführen.
In der Praxis heißt das, dass ein Paar unterwegs erst nach zwei Wochen den Feststoffbehälter leeren muss. Die Entsorgung ist dabei denkbar einfach: Der Urin im Tank wird mit einem Griff in der normalen Toilette entsorgt, der Kot zusammen mit den Pflanzenfasern kommt in eine Papiertüte und dann in den Restmüll, in die Biotonne oder auf dem Kompost. Im September 2020 präsentiert er auf dem Caravan Salon in Düsseldorf erstmals sein fertiges Produkt.
BioToi
BioToi produziert auf Bestellung und liefert anschließend passend an Kunden aus.
Bild: Fabian Hoberg / AUTO BILD
Genau zur richtigen Zeit. Die Covid-Pandemie wirkt wie ein Booster auf die Campingbranche. "Anfangs war ich unsicher, ob das läuft. Daher war ich vom Erfolg überrascht und musste mich dann entscheiden, ob ich das hauptberuflich machen will", sagt Sascha Gerner. Doch die Resonanz der ersten Kunden ist durchweg positiv. 2022 gewinnt BioToi den Innovationspreis der Campingbranche. Statt einer ausgedehnten Reise während des schon länger geplanten Sabbaticals investiert er bis September 2023 seine freie Zeit in BioToi, montiert Tag und Nacht die Toiletten in seinem Haus. Im Oktober kündigt er seinen sicheren Beamtenjob und widmet sich seitdem dem menschlichen Bedürfnis von Campern.

20 Toiletteneinheiten pro Tag

Mit dem Umzug in eine neue 400 Quadratmeter große Halle in Überlingen am Bodensee kann er aktuell rund 20 Einheiten pro Tag produzieren. Die Region ist mit ihrer hohen Lebensqualität und guter Anbindung an die Schweiz und Österreich bei Wohnmobilisten sehr beliebt. In der Produktionshalle laufen ein halbes Dutzend 3D-Drucker Tag und Nacht für den selbst entwickelten Lüfter.
Zwei bis drei Monteure bauen aus rund 200 Einzelteilen die BioToi zusammen, bohren und entgraten das 0,6 und 0,8 Millimeter dünne, einen Quadratmeter große Sonderblech mit den 78 Biegungen, setzen rund 50 Nieten. Je nach Ausstattung setzen sie ein Gebläse und das lasergeschweißte Rührwerk aus Edelstahl ins Gehäuse und schrauben anschließend den Sitz fest.
Von seiner Toilette gibt es mittlerweile acht Varianten, mit und ohne Lüfter und Rührwerk. Die preiswerteste Variante startet bei rund 700 Euro, die Vollausstattung mit Lüfter, Rührwerk und Anschluss an einen Unterflurtank kostet rund 1300 Euro. Die Systeme sind so ausgelegt, dass sie sich bei Bedarf aufrüsten lassen. "Die Reisegewohnheiten ändern sich vielleicht im Laufe der Zeit. Unsere Toilette kann sich daran anpassen", sagt der Tüftler schmunzelnd.
BioToi
Klein und kompakt passt die BioToi-Toilette in viele Reisemobile.
Bild: Fabian Hoberg / AUTO BILD
Derzeit beliefert BioToi mehr als 20 kleinere Fahrzeugausbauer, aber auch den slowenischen Hersteller Robeta Wohnmobile. Bisher hat BioToi rund 3000 Trockentoiletten verkauft. Die meisten der stillen Örtchen "Made in Germany" finden ihre Camperfamilie in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Einzelne Exemplare sind aber auch in Portugal, Namibia und Tasmanien unterwegs. "Ich habe nicht gedacht, dass die Idee so einschlägt", sagt Gerner.
Neben Campern hat BioToi daher auch andere Bereich im Blick, wie Feuerwehren, Gartenbauer, Yachtbesitzer, Tiny-Häuser, Straßenbauer oder Monteure. Für einen Waldkindergarten hat er eine Lösung mit externen Tanks entwickelt. Neue Ideen kann Sascha Gerner aufgrund der hohen Fertigungstiefe seiner Firma direkt umsetzen. Seit diesem Sommer gibt es die BioToi 2.0 mit mehr Sitzkomfort bei gleichen Maßen.
Künftig will der gebürtige Badner den Kunden in einer Halle nebenan seine Trocken-Trenntoilette direkt vor Ort einbauen lassen. "Viele Wohnmobilbesitzer wollen einmal Probe sitzen", sagt er. Hinter der Halle entstehen deshalb vier Plätze für Vanlifer. Auch eine eigene Abfüllanlage für die Kokosfaser plant der Ingenieur. "Wie sehen uns als innovativen Betrieb und entwickeln stetig weiter, aber ausschließlich im Bereich mobiler Toilettenlösungen", sagt er.
Das Ziel: nie wieder mit dem schwappenden Tank des Chemie-Klos quer über den Campingplatz zur Entsorgungsstation zu laufen. Beim Gedanken daran schüttelt der Ingenieur nur den Kopf: "Mobile Toiletten im Einklang mit der Natur entwickeln. Das ist unser Antrieb."