Reportage: Lofoten Vanlife
Schöner reisen im alten Bulli

Bild: Lofoten Vanlife
- Richard Holtz
Sie tragen für uns so ungewohnte Namen wie Doffen, Frøya, Kaja, Kari, Iben oder Torkel – und alle sind käuflich. Wir treffen sie auf den Lofoten, manchmal da, wo "zufällig" alle anderen auch sind, weil genau diese Location bei Instagram angesagt ist und schöne Bilder verspricht. Manchmal auch an eher einsamen Plätzen, wo sie sich schon fast schamhaft verstecken, weil ihnen scheinbar der Rummel zu viel wird oder vielleicht auch etwas peinlich ist.
Der Gedanke an die Gleichung von Individualtouristen und Lemmingen, die nur selten aufgeht, ist hier nicht abwegig. Damit wir uns nun nicht Richtung Holzweg bewegen, möchten wir die oben erwähnten Individualisten vorstellen. Es sind samt und sonders echte Hannoveraner, die zwischen 1982 und 1989 "geboren" wurden und dann früher oder später nach Norwegen ausgewandert sind. Ihr gemeinsamer Familienname lautet Volkswagen T3, gelegentlich mit dem Zusatz Caravelle, und ihr Äußeres ist überwiegend in Pastellfarben gehalten.

Pastellfarbener Himmel, traumhaftes Meer und Ronja zur Übernachtung.
Bild: Lofoten Vanlife
Natürlich tanzen auch ein paar Exemplare aus der Reihe. Arne und Kaja könnten – rein farblich – auf ein Vorleben bei städtischen Betrieben zurückblicken. Mit Iben und Odd gibt es zweifarbige Vertreter in der Herde. Frøya fällt durch ihre Lackierung auf, die an den Polo Harlekin erinnert, aber nichts damit zu tun hat, sondern Toleranz gegenüber der LGBTQ-Community ausdrückt. Alles nichts Besonderes, auch in Norwegen gibt es noch eine Menge T3.
Sie sind in bestimmten Kreisen, aber nicht nur dort, als Campingmobil beliebt, fahren auch gerne mal ein Surfbrett auf dem Dach spazieren. Aber gleich 22 Busse auf einmal? Auf den Lofoten, 200 Kilometer nördlich vom Polarkreis? Nun, man sieht sie – zumindest im Sommer – selten zusammen, denn dann sind sie auf den Inseln unterwegs, vermietet (www.lofotenvanlife.no) an Touristen, davon ein Viertel Deutsche. Auch nichts Besonderes, das sommerliche Straßenbild Skandinaviens ist ohne Camper nicht vorstellbar.

Mit Arne direkt am Meer anhalten – auf den Lofoten ist das Wasser immer nah.
Bild: Lofoten Vanlife
Aus dem Rahmen fällt aber die Geschichte von dem Pärchen, das heute keines mehr ist und das 2018 eigentlich nur die Lofoten erkunden wollte, idealerweise mit einem Wohnmobil. Karsten Ellingsen, Lachszuchtspezialist, damals 29, und Ingrid Raadim Henning, Influencerin, damals 26, hatten an einen schönen Urlaub gedacht, nicht an eine Geschäftsidee, die ihr Leben verändern sollte.
2019 wurde Lofoten Vanlife gegründet
Dass es dann doch so weit gekommen ist, können sie dem Dritten im Bunde zuschreiben. Ein 1984 gebauter T3 mit Aufklappdach, in unauffälligem Beige lackiert und schon nicht mehr ganz so schön anzusehen, war zum Reisebegleiter auserkoren worden. Das Pärchen gab sich viel Mühe, den Bus in Schuss zu bringen und Instagram-tauglich zu machen. Ein Name musste her – Harry. Nach einem gelungenen Urlaub haben die beiden beschlossen, den VW an Verwandte und Freunde auszuleihen. Das Interesse war überwältigend.

Ein liebevoll gestylter Innenraum passt zu einer entschleunigten Reise.
Bild: Lofoten Vanlife
Also haben Karsten und Ingrid für Harry ein Konto bei Airbnb und bei Instagram angelegt – schnell hat ein T3 nicht mehr gereicht, der alte Bus war auf einmal hip. Harrys Besitzer haben dann 2019 Lofoten Vanlife gegründet, und schon im ersten Jahr standen in Svolvær vier Camper zur Vermietung bereit. Jetzt war für das Pärchen der Weg zu neuen Vollzeitjobs abgesteckt.
Dabei hat es sich die Aufgaben geteilt: Karsten hat sich um Organisation und Technik gekümmert, Ingrid war für den kreativen Teil und die liebevolle Ausstattung der Autos zuständig. Beide hatten das Ziel vor Augen, zunächst das Unternehmen auf ein solides Fundament zu stellen und später nur noch die Hälfte des Jahres arbeiten zu müssen. Die Arbeit hat es aber in sich, die Gründer sprechen von 15 Stunden am Tag, die sie für Kunden und Busse da sind.

Die Straßen sind eng und manchmal richtig leer, und das Meer ist oft nur eine Wiese entfernt.
Bild: Lofoten Vanlife
Corona hat das junge Unternehmen arg in die Bredouille gebracht – plötzlich fielen die ausländischen Gäste, die 40 Prozent des Umsatzes gebracht hatten, weg. Vanlife hat überlebt, die Beziehung nicht. Der Versuch, das Unternehmen nach der Trennung auf freundschaftlicher Basis gemeinsam weiterzuführen, war gescheitert.
Karsten hat Ingrid vor drei Jahren ausgezahlt. Sie designt heute unter anderem Pullover für Dale of Norway. Vanlife hat inzwischen eine Halle angemietet, in der auch eine Werkstatt untergebracht ist. Ein Netzwerk von Mechanikern ist auf den Lofoten zur Stelle, wenn es auf der Reise zu technischen Problemen kommen sollte.
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