Reportage: Magarigawa Race Resort in Japan
In diesem Rennparadies dürfen nur wenige fahren

Klar, die Petrolheads feiern nachts den Tokio Drift und genießen die Gefahr in der Grauzone. Doch auch für seriöse Schnellfahrer gibt es in Japan einen Spielplatz. Vor allem, wenn sie Geld haben und ein entsprechendes Auto. Denn dann winkt eine Mitgliedschaft im Magarigawa Club, dem edelsten Rennressort der Welt!
Bild: Magarigawa
Nirgendwo macht das Autofahren so wenig Spaß wie in Japan. Denn schneller als 100, ausnahmsweise mal 120 km/h, ist auf den Autobahnen nicht erlaubt. Und niemand, aber auch wirklich niemand, traut sich übers Limit. Wer kein Outlaw ist und im Schutz der Nacht wie in Tokyo Drift über die Stadtautobahn rast, der führt ein ausgesprochen angepasstes Autofahrerleben. Es sei denn, er hat einen schweren Gasfuß, ein pralles Konto und einen Hochkaräter in der Garage. Dann ist er wahrscheinlich Mitglied im Magarigawa Club, dem vermutlich edelsten Rennressort der Welt.
Eine knappe Stunde außerhalb Tokios hat der Formel-1-Architekt Hermann Tilke dafür eine 3,5 Kilometer lange Piste ins Küstengebirge betoniert, die anspruchsvoller ist als alles, was es sonst so an Rennstrecken in Japan gibt. Denn während der Fuji Speedway zum Beispiel nur acht Kurven hat, sind es hier 22. Auf den beiden langen Geraden sind mit dem richtigen Auto Geschwindigkeiten weit über 300 km/h drin, es gibt größere Höhenunterschiede als am Bilster Berg. Und wer auf dem letzten Drittel der Runde durch die drei Serpentinen wieder den Hügel hinaufschießt, der glaubt, er würde die legendäre Corkscrew-Kurve aus Laguna Seca rückwärts hinaufrasen.

Eine Rennstrecke mitten in den Küstenbergen: das Magarigawa Race Resort.
Bild: Magarigawa
Schon das ist mehr als spektakulär. Zumal es im Magarigawa Club keine Rennen gibt und die Strecke deshalb herausfordernd schmal ist. Aber was das Race-Resort – neben dem Blick auf den Mount Fuji und die Tokyo Bay natürlich – gegenüber ähnlichen Anlagen wie dem Bilster Berg in Deutschland, Ascari in Spanien oder dem Thermal Club in Palm Springs auszeichnet, das ist das Drumherum. Denn Magarigawa ist ein Fünf-Sterne-Resort, das stil- und stimmungsvoller kaum sein könnte. Rund 60 Mitarbeiter, vom Rennarzt über den Streckenposten bis zum Sternekoch und zur Reinigungskraft, verwöhnen die Schnellfahrer rund um die Uhr.
Villen mit Blick auf die Rennstrecke
Die überdachte Boxengasse ist so etwas wie eine Mischung aus Lounge und Wintergarten mit Ledersofas, Klimaanlage und großen Fensterflächen. Es gibt Dutzende Club- und Meetingräume, Spielzimmer für den Nachwuchs und die Erwachsenen, ein Zigarrenstudio, eine Bar und ein Gourmetrestaurant, Beauty- und Massagesalon. Und wer auf der Strecke noch nicht genug Sport getrieben hat, trainiert im Gym weiter. Oder doch lieber ein bisschen relaxen? Dafür gibt's neben dem 25-Meter-Pool auf der Dachterrasse natürlich – wir sind schließlich in Japan – einen Onsen, der mit heißem Quellwasser vom eigenen Gelände gespeist wird. Eben noch auf der Piste, jetzt schon im Planschbecken – in Magarigawa sind das nur ein paar Schritte.

Auch ein Pool darf im Luxus-Rennresort natürlich nicht fehlen.
Bild: Magarigawa
Der Clou allerdings sind die aktuell neun Villen, die wie Schwalbennester am Hang über der Strecke kleben. Jede hat zwei, manche drei Schlafzimmer mit Blick auf eine der Schikanen – selbst aus der Badewanne. In der Etage darüber gibt's eine große Wohnküche und davor eine verglaste Garage mit direktem Blick auf bis zu vier Renn- oder Sportwagen. Dabei haben die Clubmanager von den Rennplakaten an der Wand über dem Bett bis hin zur clubeigenen Nachtwäsche an fast jedes Detail gedacht. Nur in der Nasszelle haben sie eine Chance vertan: Wie überall in Japan sind auch dort Hightech-Toiletten mit Sitzheizung und Rektaldusche installiert, die das geschäftige Treiben am stillen Örtchen automatisch mit Wohlklang übertönen. Nur dass es in einem Race-Resort gerne Motorsound hätte sein dürfen statt Vogelzwitschern und Wasserrauschen.
Eine faszinierende Strecke und drumherum stilvoller Luxus: Das Programm kommt an. Die Villen sind so ausgebucht, dass bereits die nächste Häuserzeile projektiert wird, und die Mitgliedsliste ist zwei Jahre nach der Eröffnung so voll, dass die Clubmanager bei Neuanmeldungen viel Fingerspitzengefühl brauchen. Schließlich wollen sie ihre Kapazitätsgrenze von aktuell 1250 Teilnehmern frühestens in zehn Jahren erreichen.
Das Problem dabei: Der Magarigawa Club ist so einzigartig, dass er nicht nur bei Japanern Interesse weckt. 60 Prozent der Mitglieder kommen zwar aus dem Großraum Tokio. Doch viele kommen auch aus den benachbarten Luxusoasen in Hongkong, Seoul, Singapur oder aus China. Und selbst aus den USA und Mexiko oder aus Deutschland fliegen regelmäßig ein paar reiche Raser ein, um ein paar schnelle Runden zu drehen. Schließlich sind es zum Flughafen Haneda nur 45 Minuten, und mit dem Heli geht's noch schneller. Wer da so alles kommt? Darüber hüllt Projektleiter Hideto Yasuoka diskret den Mantel des Schweigens. Natürlich sind hier nicht nur gewöhnliche Supereiche unterwegs, sondern auch viele Stars, Sportler und sogar professionelle Rennfahrer. Aber Namen kommen ihm beim besten Willen nicht über die Lippen.

Die Mitglieder haben über 300 Fahrzeuge in der Club-Garage stehen.
Bild: Magarigawa
Gefahren wird hier mit allem, was schnell ist und Spaß macht, sagt Yasuoka. Selbst ein paar Elektroautos wie der Porsche Taycan oder der Ioniq 5 N surren manchmal durch die dicht bewachsenen Hänge, und die zwei Ladesäulen stehen nicht umsonst vor dem Clubhaus.
Vor allem aber trifft sich hier die europäische Elite: vom 911 GT3 RS bis zum Aston Martin Valkyrie, vom AMG One bis zum Lotus 2-Eleven oder McLaren Senna. Bugatti, Koenigsegg und Pagani stehen natürlich auch in der klimatisierten Großgarage, in der die Mitglieder von weiter her über 300 Autos geparkt haben. Und immer mal wieder brennt hier einer mit seinem Bugatti-Formel-1-Wagen aus den 1950ern über die Piste.
Nur japanische Autos sind dramatisch unterrepräsentiert in diesem Paradies für Petrolheads. Klar, es gibt den Nissan GT-R und ein paar Lexus LFA, und bisweilen kommt einer mit seinem alten Honda NSX. Aber weil alle Welt auf den neuen Supersportwagen von Lexus wartet und Nissan die GT-R-Produktion bislang ohne Nachfolger eingestellt hat, bleibt für die patriotisch korrekte Jungfernfahrt auf dem Privatkurs nur der GR Yaris als einer der letzten japanischen Spaßmacher, die aktuell vom Band laufen. Und auch wenn der Zwerg hier auf der Strecke ziemlich verloren wirkt, macht der Kleinwagen umso größeren Spaß.

Ein Parkplatz für Rennwagen, der einer Formel-1-Startaufstellung gleicht.
Bild: Magarigawa
Denn obwohl Yasuoka zu Recht den griffigen Asphalt rühmt und den wunderbaren Flow, den sie in die Streckenführung gebracht haben, ist man hier mit einer kleinen Rennsemmel natürlich trotzdem besser aufgehoben als mit einem Fünf-Meter-Koloss. Und wer sich erst einmal daran gewöhnt hat, im rechtsgelenkten Auto mit der linken Hand zu schalten, der fliegt mit 280 PS und Allradantrieb schon nach der zweiten, dritten Runde souverän über den Kurs und kommt auf der langen Geraden mühelos ans Limit von 230 km/h – selbst wenn die Bestzeit von etwa 1:40 Minuten trotzdem in weiter Ferne liegt. Aber dafür kommt man mit diesem Auto auch schneller ans Limit, und der Nervenkitzel ist größer, als er es in einem Ferrari je sein könnte.
Nach 200 Millionen Euro und drei Jahren stand das Resort
Hinter der Strecke steckt die Cornes-Gruppe, die als größter Luxushändler in Japan rund ein Dutzend Autohäuser für Ferrari und Lamborghini, Bentley und Rolls-Royce sowie Porsche und Singer betreibt. "Denen wollten wir endlich mal die Möglichkeit geben, ihre Autos auch so zu fahren, wie es sich gehört", sagt Yasuoka über die Idee zu dem Projekt. Außerdem ist man sich bei Cornes nicht sicher, wie lange solche Autos auf den Straßen und vor allem in den Städten noch geduldet werden. Was für die reichen Raser ein Spielplatz ist, das ist für die Betreiber deshalb zugleich auch ein Stück Zukunftssicherung.
Deshalb hat Cornes über 35 Milliarden Yen oder rund 200 Millionen Euro investiert und drei Jahre lang auf dem eine Million Quadratmeter großen Areal gebuddelt und gebaut, den Berg abgetragen und das enge Tal teilweise zugeschüttet, nach Quellen für den Onsen gesucht und einen See ausgehoben sowie für die gute Nachbarschaft auch noch Wanderwege im Umland angelegt. Entsprechend wenig Kritik gibt's von den Nachbarn. Wo sonst oft der Lärmschutz den Betrieb hemmt, dürfen sie in Magarigawa ihrer Leidenschaft rund um die Uhr frönen.

Wer sich einschießen will, kann die Strecke zunächst digital im Simulator unter die Lupe nehmen.
Bild: Magarigawa
Offenbar zahlen sich so auch die Trackdays aus, die Yasuoka alle paar Monate veranstaltet und dafür mal Zaungäste auf die Strecke lässt, wo sonst nur Mitglieder fahren dürfen. Wer überhaupt den verschlungenen Weg von der fünf Kilometer entfernten Autobahnabfahrt durch ein paar Hintergassen und über Nebenstraßen ins enge Tal hinauf zum Club findet, steht sonst nämlich vor einem streng bewachten Tor und wird mit dem Hinweis "Members Only" höflich, aber bestimmt abgewiesen.
Und diese Mitgliedschaft muss man sich einiges kosten lassen: Wer einen der 500 Plätze in der ersten Reihe ergattern will, braucht erstens viel Geduld, weil sie maximal 25 neue Mitglieder im Jahr aufnehmen, und zweitens noch viel mehr Geld. Schon zur Eröffnung haben sie dafür 250.000 Euro genommen, mittlerweile ist es deutlich teurer geworden – nur um wie viel, wollen sie nicht sagen. Wer nur sehr und nicht superreich ist, dem bieten sie auch eine abgespeckte Mitgliedschaft, die weniger Streckenzeit beinhaltet, nicht übertragbar ist und deshalb für 26.000 Euro im Jahr gehandelt wird. Wer sich auch das nicht leisten kann, findet Trost in der virtuellen Welt. Schließlich ist Japan nicht umsonst die Heimat von Gran Turismo & Co, und der Magarigawa-Kurs längst für Simulatoren digitalisiert. Und statt im Clubhaus gibt's das Sushi danach eben vom Lieferdienst.
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