Mercedes-Benz zündet die nächste Stufe seiner Nachhaltigkeitsstrategie. Mit dem neuen Technologieprogramm "Tomorrow XX" wagt der Hersteller nicht weniger als den radikalsten Material- und Ressourcenumbau der Firmengeschichte. Über 40 neue Bauteile und Werkstoffe sollen den CO₂-Fußabdruck künftiger Modelle massiv drücken und den Mercedes von heute zur Rohstoffquelle für den Mercedes von morgen machen.
Mit den Studien Vision EQXX und AMG GT XX hat Mercedes die Richtung vorgegeben, jetzt kommt die große Serien-Anwendung. Tomorrow XX umfasst erstmals das komplette Produktportfolio – egal ob E-Auto, PHEV oder Verbrenner. Das Ziel: Dekarbonisierung, Ressourcenschonung und echte Kreislaufwirtschaft von der ersten Skizze bis zum Recycling am Lebensende.
Mercedes "Tomorrow XX"
Mercedes liefert zahlreiche Recycling-Ideen für die Zukunft.
Bild: Mercedes
Mercedes will nicht nur seine Fahrzeuge elektrifizieren, sondern jedes einzelne Bauteil hinterfragen – vom Scheinwerfer bis zur Fußmatte.

Der Mercedes der Zukunft: schraubbar, sortenrein, kreislauffähig

Dabei denkt Mercedes die Konstruktionen völlig neu. Ein Beispiel ist der kreislauffähige Scheinwerfer: Alle Komponenten sind nicht verklebt, sondern verschraubt und damit komplett zerleg- und reparierbar. Ein Steinschlag? Dann wird künftig nur die Scheibe und nicht der gesamte Scheinwerfer getauscht. Das spart CO₂, Rohstoffe und bares Geld.
Auch im Innenraum ist Revolutionäres geplant: Eine neue Verbindungstechnik ersetzt Ultraschallschweißen. Dahinter steckt eine angepasste Form von thermoplastischen Nietverbindungen, die sich wieder lösen lassen. Bauteile lassen sich so sauber trennen, wiederverwerten und leichter reparieren.
Mercedes "Tomorrow XX"
Über 40 neue Bauteile und Werkstoffe sollen den CO₂-Fußabdruck künftiger Modelle massiv drücken.
Bild: Mercedes
Die Materialwelt wird ebenfalls auf links gedreht: Türtaschen aus PET-Rezyklat halbieren den CO₂-Fußabdruck, Teppiche aus recyceltem PET könnten bis zu 75 Prozent einsparen.

Aluminium, Stahl, Kunststoffe – Mercedes baut die Lieferkette um

Aluminium und Stahl gehören zu den größten CO₂-Treibern der Autoindustrie. Mercedes plant deshalb eine Transformation der gesamten Wertschöpfungskette:
  • Aluminium mit bis zu 86 Prozent Recyclinganteil
  • Stähle aus wasserstoffbasierter Direktreduktion
  • Komplette Umstellung auf erneuerbare Energien in der Produktion
Schon heute stammen Teile des neuen CLA aus Aluminium, das 70 Prozent weniger CO₂ verursacht.

Urban Mining: Die Rohstoffquelle steht längst in der Garage

Mit einem Pilotprojekt im Nordwesten Deutschlands startet Mercedes in die Zukunft des Recyclings. Ausgediente Fahrzeuge werden dort zu einer wertvollen Materialbank: Kunststoffe, Stahl, Aluminium – alles soll zurück in den Kreislauf.
Interessant dabei:
  • Recycelte Airbags werden zu Motorlagern und Ventilgehäusen.
  • Altreifen werden zu Lederalternativen oder Absorbern für die Unterbodenverkleidung.
  • Unterbodenverkleidungen aus 100 Prozent Alt-Fahrzeug-Kunststoff stehen kurz vor der Serie.

Batteriesysteme: bis zu 70 Prozent CO₂-Einsparung möglich

Der größte CO₂-Brocken moderner Autos bleibt derweil die Batterie. Deshalb setzt Mercedes an gleich mehreren Stellschrauben an. Schon heute wird die Zellproduktion konsequent auf Grünstrom umgestellt, während neue Verfahren wie die Trockenbeschichtung der Elektroden enorme Energiemengen einsparen. Gleichzeitig steigt der Anteil recycelter Materialien in Anoden und Kathoden deutlich an.
Ergänzt wird das Programm durch eine Pilotanlage in Kuppenheim, die echtes Closed-Loop-Recycling (aus alt wird wieder neu!) ermöglichen soll. Das langfristige Ziel ist klar: eine Batterie, die nicht nur leistungsstark, sondern auch kreislauffähig und nahezu CO₂-neutral ist.

Biobasierte Materialien erobern die Karosserie

Wie weit Mercedes beim Materialwechsel schon ist, zeigt ein komplett neu entwickeltes Türmodul. Statt fossiler Kunststoffe kommen biobasiertes Polypropylen, recycelte Glasfasern und ein CO₂-basierter Kunststoff zum Einsatz. Diese Kombination senkt den CO₂-Fußabdruck des Bauteils um rund 30 Prozent – ohne Einbußen bei Stabilität und Crashsicherheit.
Noch radikaler fällt der Fortschritt beim neuen Mittelkonsolenhalter aus: Hier ersetzt ein glasfaserverstärktes Kunststoffsystem das bislang verwendete, extrem CO₂-intensive Magnesium. Ergebnis: mehr als 90 Prozent CO₂-Ersparnis bei gleicher Funktionalität.

Fazit

Mercedes zeigt, dass nachhaltige Materialien längst nicht mehr nach Verzicht aussehen müssen. Viele Innovationen stehen kurz vor der Serienfreigabe. Eine stärkere Kreislaufwirtschaft, geringere Materialkosten, besseres Recycling und ein deutlich reduzierter CO₂-Fußabdruck – "Tomorrow XX" macht klar: Der nächste große Technologiesprung im Automobilbau dreht sich nicht um PS, sondern um Ressourcen.