Waren Sie schon mal in Warschau? Nein? Das ist ein Versäumnis. Die Stadt gehört zu den schönsten in Europa. In den letzten Jahrzehnten haben es die Polen verstanden, ihre Hauptstadt nicht nur zu modernisieren und eine eindrucksvolle Skyline zu schaffen, sie haben auch mit geschultem Blick und sanfter Hand die Altstadt saniert.

Entstanden ist eine Metropole, die nicht nur auffallend sauber, sondern auch lebenswert und, ja, reich erscheint. Und so kann sich ein aristokratisches Auto wie der Rolls-Royce Phantom in Warschau vielleicht wirkungsvoller inszenieren als, sagen wir mal, in Berlin. Einer Stadt, die ja irgendwie immer leicht schmuddelig wirkt. Und ganz bestimmt nicht reich.

Am RR Phantom hat sich nicht viel verändert – gut so!

Rolls-Royce Phantom und Warschau ergeben ein stimmiges Bild aus Alt und Neu. So, wie sich die Warschauer darüber freuen, dass die Geschichte ihrer Stadt bewahrt wurde, hat die Kundschaft des Luxusliners dann laut Rolls-Royce auch inständig darum gebeten, bei der Neuauflage 2022 bloß nicht zu viel zu ändern. Alles wäre gut so, wie es ist.
Rolls-Royce Phantom
Der Spirit of Ecstasy, aus Kohlefaser gefräst, und Sternlicht-Scheinwerfer sind nur zwei edle Details am Phantom.

Ergo pumpt unter der barocken Motorhaube weiterhin ein 6,75 Liter großer V12, der 571 PS leistet. Jedenfalls noch so lange, bis der erste batteriebetriebene Rolls-Royce mit Namen Spectre das erlesene Publikum elektrisiert.

Der Zwölfzylinder schnurrt sanft und leise

Leiser als das V12-Aggregat kann auch der E-Motor in Zukunft bestimmt nicht sein. Der Zwölfzylinder schnurrt sanft und leise wie ein zufriedenes Kätzchen. Das aber liebevoll gefüttert werden will. Es sollten schon mindestens 15,5 Liter feinsten Kraftstoffs alle 100 Kilometer sein, laut WLTP. (Rolls-Royce baut ein Elektroauto: erste Bilder und Infos zum Spectre!)
Aber wen interessiert schon der Verbrauch, wenn er für sein Gefährt mindestens 400.000 Euro gezahlt hat. Sprit- und künftige Stromkosten spielen in diesen Kreisen bekanntlich einfach keine Rolex. Nicht bei den 5600 Kunden, die 2021 einen Rolls-Royce kauften, weltweit. Wobei keiner von denen von der Stange war, sondern alle individualisiert und auf die Wünsche des Einzelnen zugeschnitten. 
Rolls-Royce Phantom
Wer so luxuriös durch Warschau gleitet, hat das Gefühl, auf der grünen Welle zu reiten.

Und dennoch, "alles, was die Kunden von Rolls-Royce an diesem luxuriösen Objekt der Superlative lieben, wurde beibehalten und sorgfältig geschützt", versprechen die Briten und ergänzen: "Subtile, aber sinnvolle Verbesserungen spiegeln die sich entwickelnden Geschmäcker und Anforderungen der Kunden wider." Heißt nichts anderes, als dass der Wiedererkennungswert des königlichen Gefährts geschärft wurde.

Phantom mit beleuchtetem Kühlergrill

In die aufgehende Sonne Warschaus rollt der Phantom jetzt mit einem beleuchteten Kühlergrill, dessen Geometrie leicht verändert wurde und auf dessen Spitze die Galionsfigur, der Spirit of Ecstasy, entweder aus gefräster Kohlefaser (!) oder als vergoldeter Schutzengel auftaucht.
Änderungen, die so marginal, ja fast schon banal sind, dass sie den Passanten in der polnischen Hauptstadt ohnehin nicht ins Auge stechen. Anders die schiere Größe dieser Trutzburg. Mit knapp 5,77 Meter Länge und einer Breite von 2,02 Metern dominiert der Phantom die Straßen und könnte wohl problemlos die Autos der Hauptstadtpendler in sich aufsaugen.
Rolls-Royce Phantom
Die 22-Zoll-Räder lassen den Rolls-Royce Phantom noch mächtiger erscheinen.

Doch der Phantom-Fahrer blitzt sich die Straßen mit seinen lasergeschnittenen Sternenlicht-Scheinwerfern einfach frei, bis er auf Landstraße und Autobahn dem alltäglichen Wahn der Großstadt entflieht.
Während der Phantom im Morgengrauen wie ein riesiges Fantasiebild aus der polnischen Hauptstadt schwebt, muss der erste Rolls-Royce im Jahr 1913 am gleichen Ort noch ein richtiger Aufreger gewesen sein.

Der Rolls-Royce Phantom fährt in der absoluten Luxusliga

Graf Jozef Mikolaj Potocki, war es, der bereits 1913 den ersten Rolls-Royce Silver Ghost aus Paris nach Polen brachte. Mit diesem Geist gelang den Briten dann auch der Sprung aus der Mittelklasse in die absolute Luxusliga der Autobaus.
Dass der Phantom dorthin ohne jeden Zweifel gehört, wird spätestens dann deutlich, wenn kein leidiges Stop-and-go mehr dafür sorgt, dass die drei Tonnen schwere Luxuskutsche immer wieder in ihrem Lauf eingebremst wird. Sondern einfach frei rollen kann.
Rolls-Royce Phantom
Der Wechsel von der ersten in die zweite Reihe fällt angesichts des gebotenen Luxus wirklich nicht schwer.

In dieser von der Außenwelt abgeschotteten Bubble möchte man dann einfach nur noch die Perspektive wechseln. Weg vom Lenkrad, hin in eines der zwei weichen Lederpolster in der zweiten Reihe. Dorthin, wo man einmal mehr das Gefühl hat, sich noch vor dem Einsteigen die Schuhe ausziehen zu müssen. 
Nicht etwa, weil der Schwiegervater sauer würde oder beim Einsteigen durch die elektrisch öffnenden "Coach-Doors" die Fußmatten dreckig werden könnten. Nein, einfach um genussvoll mit den Zehen im Hochflor zu wühlen. Nur dass es sich in einem Rolls-Royce Phantom eben nicht um schnöde Webware handelt, die den Boden bedeckt.

Die Langversion ist noch exklusiver

Die Träger, die hier ihr Wollkleid zur Verfügung stellen, sind ausschließlich im schottischen Hochland beheimatet. Wo genau? Betriebsgeheimnis. Schließlich geht es um absolute Einzigartigkeit. Das gilt auch für das Sitzgefühl, das in der Langversion – dem Phantom Extended – mit einem Radstand von 3,77 Metern noch exklusiver ist. 
Rolls-Royce Phantom
Der Arbeitsplatz des Fahrers – in barocker Schönheit und mit technischer Finesse.

Die Beine ausgestreckt in den Polstern ruhend, einen Schluck eisgekühlten Champagner aus dem Tumbler-Glas nippend, entflieht der Reisende der Außenwelt. Blickt verklärt in den inszenierten Sternenhimmel, schaut auf dem förmlich aus den Wolken fallenden 12,3-Zoll-Monitor einen Film oder lässt sich von Klängen seiner Wahl in den Schlaf lullen.
Das gelingt problemlos, solange es keine Eile gibt. Bis Tempo 100 scannt das "Magic Carpet Ride" die Fahrbahn, und die Luftfederung passt sich unmerklich den Gegebenheiten der Straße an. Selbst Bahnschwellen sind nur für Kenner durch zwei dumpf in der Ferne verhallende Stöße zu erkennen. Und das, obgleich der Phantom auf mächtigen 22-Zoll-Rädern – auf Wunsch mit Nadelstreifen in der Radmitte – rollt. 
Resümierend ist es auch aus unserer Sicht schwer zu sagen, was man an einem Phantom noch besser machen könnte. Der Luxus ist allgegenwärtig und scheinbar in jeder Faser stimmig.

Einen kleinen Makel hat der Phantom dann aber doch

Wobei, eine Kleinigkeit gibt es dann doch, die das königliche Gefährt für einen Moment erdet und in die schnöde Welt der alltäglichen Mobilität zurückwirft. Der Druckknopf zum Öffnen der Mittelarmlehne ist wackelig wie ein Lämmerschwanz und fühlt sich an, als wäre es ein Daihatsu-Restposten aus den 90er-Jahren.
Erstaunlich, dass auf dieses Detail bis dato keiner geachtet hat. Oder vielleicht doch der Chauffeur? Aber würde der seinem Fahrgast sagen, dass der Wagen für eine halbe Million wirklich diesen einen Makel hat?

Von

Holger Preiss