Elektroautos unterscheiden sich in einigen Punkten von Verbrennern: Wegen der Batterie sind sie schwerer, haben ein höheres Drehmoment und fahren wesentlich leiser. Einige Reifen-Produzenten setzen auf eigene Produktlinien für E-Autos, um diesen Unterschieden gerecht zu werden. Aber brauchen E-Autos wirklich spezielle Reifen? Experten streiten.
Reifenhersteller Continental sagt: Nein. Und lädt zum Beweis zur Versuchsfahrt auf dem etwa 220-Fußballfeld-großen Testgelände Contidrom bei Hannover.

Bei Reifen: immer Zielkonflikt

Das Grundproblem: "Bei der Reifen-Produktion herrschen immer Zielkonflikte", verrät Andreas Hemmann, Produktmanager bei Continental, im Vorfeld. Bedeutet: Wenn eine Eigenschaft verbessert wird, leidet auch immer eine andere darunter. Die eierlegende Wollmilchsau gibt es also auch nicht bei den Reifen ...
Andreas Hemmann von Continental erklärt das Testszenario. Im Hintergrund ein Bild des riesigen Contidrom-Geländes.
Bild: www.SCHEFFEN.de
Ab auf die Teststrecke. Das Versuchsszenario: drei elektrische BMW i4 mit drei verschiedenen Sommerreifen-Sätzen – zwei von asiatischen Premium-Herstellern speziell für Elektroauto-Modelle, ein Modell von Continental für alle Antriebsarten. Zunächst steht eine Verbrauchsfahrt an: Mit Tempomat fahren alle drei i4 eine festgelegte Strecke, die Verbrauchswerte werden danach hochgerechnet. Ergebnis: Wegen geringerem Rollwiderstand bietet ein Asien-Reifen am BMW i4 rund 50 Kilometer mehr Reichweite als das Conti-Modell – das ist ordentlich.

Mehr Reichweite bedeutet auch längerer Bremsweg

Aber Reichweite ist nicht alles, auch die Sicherheit spielt bei der Reifenwahl eine wichtige Rolle. Daher geht's mit den Versuchsautos direkt weiter zum Bremstest auf nasser Fahrbahn: aus Tempo 85 km/h voll in die Eisen bis zum Stillstand. Hier macht sich das Thema Zielkonflikt bemerkbar: Rollwiderstand gegen Nassbremswirkung – zwei anerkannte Gegenspieler.
Die Nass-Teststrecke wird über tausende kleine Sprinkler am Fahrbahnrand mit Wasser überflutet. Schwierige Bedingungen, die das Reifenmaterial an seine Grenzen bringt.
Bild: www.SCHEFFEN.de
Der reichweitenstarke Reifen hält bei der Vollbremsung erst 10 Meter später an als der beste Reifen. Anders ausgedrückt: Wo das beste Auto bereits steht, hat der Langbremser – ein E-Auto-Reifen – noch 40 km/h auf dem Tacho.
Auf der Nasshandling-Strecke werden danach ein paar flotte Runden gedreht, ein sogenannter Instruktionsfahrer gibt im vordersten Auto Linie und Tempo vor. Über Fahranweisungen per Funk führt er die Journalisten sanft in die Grenzbereiche. Auch hier beeindruckt, wie sich die unterschiedlichen Reifen auswirken: Wo man mit einem Reifenmodell die lange Rechtskurve noch mit Tempo 55 km/h wie auf Schienen durchfährt, droht beim anderen Reifen schon bei 45 km/h das Heck auszubrechen, und das ESP muss dagegen regeln.

Spezielle E-Auto-Reifen? So denkt Michelin darüber

Eine Michelin-Sprecherin zu BILD: "Bei Michelin gilt: Es gibt nicht den einen E-Auto-Reifen, sondern für jedes Fahrerbedürfnis die passende Lösung." Der Hersteller biete Modelle für maximale Reichweite sowie auch für sportliches Fahren. "Alle Michelin-Reifen sind so entwickelt, dass sie die hohen Anforderungen moderner Elektrofahrzeuge erfüllen."

Fazit

von

Raphael Schuderer
Schwarz und rund sind sie alle, aber die Unterschiede beim Fahrverhalten der einzelnen Reifen ist enorm. Das Problem: Bestleistungen in einem Bereich werden durch schlechteres Abschneiden in einem anderen erkauft. Es besteht ein Zielkonflikt, egal ob die Reifen am Verbrenner oder am E-Auto montiert sind. Nutzen Sie daher bei der Reifenwahl aktuelle Vergleichstests, berücksichtigen Sie Ihr persönliches Fahrprofil und die Vorgaben des Autoherstellers.