Herr Lotterer, wie blicken Sie auf ihre Rennsaison zurück?
André Lotterer: Fangen wir mal mit der Formel E an: Mit den Ergebnissen kann ich nicht zufrieden sein. Dabei hatte es zunächst mit einem vierten Platz gut begonnen. Die Performance war da, aber wir haben es einfach nicht zusammenbekommen.
Ihr Teamkollege Jake Dennis hat es derweil zum Meister gebracht.
Jake Dennis hatte eine mega Saison, das muss man ihm lassen, sehr stark. Gegenüber ihm habe ich nicht gut ausgesehen. Aber das hat mich nicht extra belastet. Ich habe mich stets nur auf mich konzentriert.
Im kommenden Jahre starten Sie nicht mehr in der Formel E.
Ich habe gemerkt, dass es wohl ein guter Zeitpunkt ist, damit aufzuhören und sich auf eine Sache voll zu konzentrieren.
Die da wäre?
Ich will mich voll darauf fokussieren und alles geben, um noch einmal Le Mans zu gewinnen. Ich bin Porsche dankbar, dass ich drei Jahre lang Formel E fahren konnte. Einige Rennen in dieser Saison waren okay, aber dann sind so viele Dinge passiert, die außerhalb meiner Kontrolle lagen, dass ich gedacht habe: Das ist vielleicht auch ein Zeichen und ich sollte damit aufhören – und eben nur noch mit dem 963 auf der Langstrecke fahren. Auch das Porsche Kunden-Team von Andretti braucht natürlich jemanden, auf den sie sich voll verlassen können. So musste ich für den Le Mans-Vortest die beiden Läufe in Jakarta sausen lassen. Das war nicht optimal. Die Formel E hätte für mich vielleicht noch eine Saison weiter laufen können. So aber habe ich mich entschlossen, lieber früher einen Schlussstrich zu ziehen.
Porsche-Ass André Lotterers großes Ziel: ein viertes Mal in Le Mans zu siegen.
Bild: Porsche

Sie sind 42 Jahre alt, ein Alter, in dem man oft gefragt wird: Wie lange willst du überhaupt noch Rennen fahren? Nervt Sie das sehr?
Ich werde das gar nicht oft gefragt. Aber schauen Sie, Fernando Alonso: Der ist auch schon 42. Aber er hat Spaß und ist voll motiviert. Es liegt an einem selbst, die Leistung zu bringen. So lange man schnell ist, ist alles cool. Du kannst jung sein, bist aber nicht schnell – dann hilft dir das Alter auch nichts. Bislang gab es da für mich keine Probleme. Meine Motivation ist immer noch riesig, nochmals Le Mans zu gewinnen, vor allem mit Porsche. Ich habe keinen weiteren Plan. Solange es gut läuft, fahre ich weiter.
Als schnellster Man auf dem 963 gilt mittlerweile der Belgier Laurens Vanthoor. Wie sehen Sie das?
Laurens hat immer gute Leistungen gezeigt. Wenn er mal nicht Schnellster ist, fuchst ihn das sehr. Aber es ist auch so: Laurens fährt immer den Start, da hat man vor den vielen Überrundungen freie Bahn für die schnellsten Rundenzeiten.
Wie ist Ihre Rolle im Team?
Ich konzentriere mich im Training auf die Long Runs, während Kevin Estre das Auto qualifiziert. Wir sind ein gutes, schnelles Trio.
Wenn man die Historie in der Langstrecken-WM betrachtet, hat Porsche meist auf Anhieb ein Siegerauto produziert: Das war beim Porsche 917 so wie später beim Modell 956 oder 962 und mehr oder weniger auch beim 919 Hybrid. Jetzt, beim 963 hat man diesen Eindruck nicht. Was muss sich ändern?
Dass wir in der Langstrecken-WM noch kein Auto zum Siegen haben, hatte sich bereits auf dem Papier abgezeichnet. Die Gründe liegen in den unterschiedlichen Auslegungen der Technik zwischen LMH und LMDh-Fahrzeugen, die eigentlich ebenbürtig sein sollte. Aber eine Tendenz zum LMH-Fahrzeug wie sie Toyota und Ferrari einsetzen, ist da.
Ist das Auto sehr schwierig zu pilotieren?
Es ist tatsächlich nicht leicht zu fahren. Doch seit dem Beginn der Saison ist eine deutliche Verbesserung erkennbar. Aber: Es ist nicht mehr so wie früher, als man einfach neue Teile entwickelt und eingebaut hat. Die Technik der Hypercars ist homologiert und unveränderlich. Dämpfer- und Federn-Settings, Fahrzeughöhe, Sturz – das sind die Tools, mit denen du arbeiten musst. Wir können nicht hergehen und etwa einen neuen Radträger konstruieren, um mit einer neuen Kinematik zu arbeiten. Porsche hat sich für die LMDh-Konzept entschieden – wie viele andere Hersteller auch. Wir müssen das Beste daraus machen. Porsche tritt an, um zu gewinnen. Ich kann nur dem Team vertrauen, dass es die gegebenen Möglichkeiten bestmöglich ausschöpft. Wir müssen zusammen alles leisten, um im nächsten Jahr eine bessere Saison zu haben.
Welche Ziele verfolgen Sie noch?
Natürlich gibt es die Klassiker wie Le Mans, Daytona, Spa. Auch die Rallye Dakar finde ich interessant. Aber eigentlich bin ich nur noch heiß darauf, nochmals die 24 Stunden von Le Mans zu gewinnen: Ein vierter Gesamtsieg ist mein großes Ziel.
Sie sind als Liebhaber klassischer Automobile bekannt. Reizen Sie auch die traditionellen Ausfahrten über klassische Pisten wie Targa Florio und Mille Miglia?
Wenn ich eines Tages mehr Zeit habe, würde ich das gerne in Angriff nehmen. Ich fahre unheimlich gerne mit Oldtimern. Ich habe mehrere Porsche-Modelle in meiner Garage, darunter Carrera RS 2.7 und 356 Cabriolet. Man kann sich kaum vorstellen, wie viel besonderen Fahrspaß man mit einem Klassiker haben kann.
Auch mit klassischem Motorsport?
Ich starte gerne beim Goodwood Revival und hatte dafür sogar extra einen Jaguar E-Type Lightweight. Das Auto habe ich mittlerweile verkauft, aber der neue Besitzer hat mich gebeten, damit im Dezember bei den Dubai Classics zu starten.
Wie wird sich die WEC weiterentwickeln?
Im kommenden Jahr werden weitere Hersteller mit ihren LMDh-Rennwagen dazu stoßen: BMW, Alpine, Lamborghini. Dann werden acht Hersteller vertreten sein. Kundensport-Autos bietet derzeit aber nur Porsche an. Die Zukunft für den Langstreckensport sieht sehr gut aus.
Autor: G. Coltello