Sprit-Diskussion
Normalbenzin vor dem Aus?

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Autoklubs schlagen Alarm: Zwischen Super- und Normalbenzin besteht nur noch ein Cent Unterschied. Sie vermuten, dass die Konzerne den Billig-Kraftstoff abschaffen. Aktuell planen Öl-Multis dies nicht. Doch langfristig läuft es darauf hinaus.
Die Mineralölkonzerne weisen Vorwürfe zurück, die Gesellschaften planten die Abschaffung des Normalbenzins. "Wir haben aktuell keine Pläne, Normalbenzin abzuschaffen", sagte Cornelia Wolber, Sprecherin von Shell Deutschland, gegenüber WELT ONLINE. Sie wollte darüber hinaus jedoch nicht ausschließen, dass sich diese Strategie ändert. Ähnlich äußerte sich ein Sprecher von ExxonMobil. Tatsächlich ist Normalbenzin laut der Sprecherin im Westen ohnehin nur noch in Deutschland, Österreich und in den USA im Angebot. Saisonbedingt sei die Nachfrage nach dem Normalbenzin, das vor allem ältere Fahrzeuge tanken, in den USA gestiegen und nicht mehr über das dortige Angebot zu befriedigen. "Die fehlende Kapazität des US-Markts wirkt sich auf den Weltmarktpreis aus", sagte Wolber. Auch in China wird das 91-Oktan-Benzin verstärkt nachgefragt. Die Folge: Die Ölkonzerne bekommen den Rohstoff für Normal seit mehr als zwei Wochen nur noch zu höheren Preisen.
Kaum mehr Preisunterschiede

Seitdem sind sich die Preisunterschiede zwischen dem bisher deutlich teureren Super- und dem Normalbenzin bis auf einen Cent zusammengeschrumpft: Ein Liter Superbenzin kostete an diesem Montag durchschnittlich 1,32 Euro, Normal einen Cent weniger. Diesel kostet aktuell etwa 1,13 Euro je Liter. Für die Automobil-Verbände ist das ein klares Signal. "Es deutet alles auf die mittelfristige Abschaffung von Normalbenzin hin", sagte der Präsident des Automobilklubs von Deutschland (AvD), Wolfgang-Ernst Fürst zu Ysenburg, der BILD. Ysenburg fordert ein Eingreifen des Bundeskartellamtes und sprach von einem "eiskalter Abzocke" zu Lasten des Normalverbrauchers. "Den Mineralölfirmen geht es bei dieser Maßnahme natürlich nur um eines: Ertragssteigerung", sagte ADAC-Präsident Peter Meyer.
Freie Tankstellen für Abschaffung
Bei Shell heißt es dagegen, dass bereits im Jahr 2006 der Preis des Normalbenzins im Einkauf knapp unter den Kosten für Super gelegen habe. "Damals haben wir das nicht an die Kunden weitergegeben, wir haben Normalbenzin im Prinzip subventioniert", sagte Unternehmens-Sprecherin Wolber. In diesem Jahr habe der Großmarktpreis teilweise sogar über dem des Superbenzins gelegen. "Das halten wir auf Dauer nicht durch." Dahinter stehe jedoch kein strategischer Plan, was daran erkennbar sei, dass neben den großen Gesellschaften auch mittelständische Tank-Konzerne die Preise für Normal angezogen hätten. Die Betreiber der Freien Tankstellen – Marktanteil in Deutschland rund 20 Prozent – hätten nichts dagegen, dass Normal abgeschafft wird. "Wenn es so kommt, dass die Ölkonzerne den Verkauf von Normalbenzin einstellen, werden wir uns nicht dagegen sperren", sagte Axel Graf Bülow, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Freier Tankstellen. "Schon bei der Einführung des bleifreien Benzins hätten die Ölkonzerne das Normalbenzin abschaffen sollen", erklärte Graf Bülow. Der Verbandschef bestätigt, dass Tankstellen das Normalbenzin gegenüber dem Superbenzin oft genug subventionieren müssten, um einen Preisabstand zu halten. Die Margen von Normalbenzin seien meist niedriger als bei Super.
Jedes vierte Auto fährt (noch) mit Normalbenzin
Nach Angaben des ADAC entfallen heutzutage in Deutschland etwa zwei Drittel des Literpreises für Benzin auf Steuern inklusive Mineralölsteuer, Öko-Steuer und Mehrwertsteuer. Mit dem verbleibenden Drittel würden die Kosten für das Produkt und der Gewinn der Mineralölwirtschaft abgedeckt. Für die seit Jahren steigenden Kraftstoffpreise machen die Autolobbyisten in erster Linie die Steuerpolitik der Bundesregierungen, die zwangsweise Beimischung von teurerem Bio-Kraftstoff seit diesem Jahr, aber wie die Firmen selbst auch erhöhte Rohstoffpreise verantwortlich. In Deutschland werden neben Dieselsorten vor allem drei Benzintypen angeboten: Normal (91 Oktan), Super (95) und Super Plus (98). Die Autoklubs empfehlen, sich beim Tanken an die Hersteller-Vorgaben zu halten. Sowohl das Tanken einer höherwertigen Sorte als auch einer minderwertigen Sorte sei normalerweise unwirtschaftlich: Das kann sich im Mehrverbrauch und in schwächerer Motorleistung niederschlagen. Noch fährt in Deutschland ein gutes Viertel der Fahrzeuge mit Normalbenzin. Allerdings geht die Zahl der Neuwagen, für die noch Normalbenzin empfohlen wird, seit Jahren zurück. Dadurch sinkt die Bedeutung des Normalbenzins hierzulande weiter, so dass ein Ende dieses Kraftstofftyps wahrscheinlich wird.
Mehr Bio-Kraftstoffe geplant

Shell und auch Deutschlands Marktführer Aral arbeiten außerdem an neuen Benzinsorten mit höherem Biosprit-Anteil, mit dem sich mehr Geld verdienen lässt. Druck kommt zudem von politischer Ebene. Die EU-Kommission hat Anfang 2007 strengere Standards für Kraftstoffe vorgeschlagen. Begründung: Der Klimaschutz soll gefördert werden. Der Entwurf sieht vor, den Anteil von beigemischten Bio-Kraftstoffen bis auf zehn Prozent zu erhöhen. Das Papier befindet sich noch in der Debatte: Der Bundesrat hat im Mai darauf hingewiesen, dass in dem Richtlinien-Entwurf die Wahlfreiheit der Verbraucher, auch "unverbleites Normalbenzin" (91 ROZ) zu tanken, nicht mehr gegeben ist. Setzt die EU diesen Entwurf durch, käme das einem europaweiten Verbot des Normalbenzins gleich. Das wollen die deutschen Bundesländer noch ändern. Aber auch mit einem höheren Ethanol-Anteil, einem Kraftstoff, der Pflanzen wie Mais gewonnen wird und der teurer in der Herstellung ist, wäre das klassische Normalbenzin passé.
Kleine Geschichte der deutschen Tankstellen

Kaffee, Kekse und Kaugummi gab es damals noch nicht zu kaufen. Vor 80 Jahren wurde in Hamburg die erste richtige Tankstelle eröffnet. Sie hatte neben den Zapfsäulen und einer Motoröl-Abgabestelle sogar ein kleines Häuschen für den Tankwart. In den Jahren davor war tanken mühsam. Doch der Autobau änderte das: 1899 fuhr das erste motorsierte Taxi durch Berlin, 1900 wurde der erste Tanklastwagen gebaut. Verkauft wurde Benzin damals in Kannen, Eimern und Fässern. Dann wurden Tank-Kioske errichtet, in denen das Benzin lagerte und wie Bier mit Hilfe von Druckgas gezapft wurde. Sicherheitsvorkehrungen gab es kaum, und gestunken hat es auch. Die erste Kraftstoff-Station in Deutschland errichtete die Firma Olex, Vorläufer der BP, 1922 in Berlin-Schöneberg. Und im April 1923 eröffnete die erste Straßen-Zapfsäule in Hamburg-Uhlenhorst.
Betrieben wurde sie von der Deutsch-Amerikanischen Petroleum Gesellschaft (DPAG), Vorgänger der Esso. Zwei Jahre später standen in Deutschland bereits 1000 solcher Tankstellen. Getragen wurden all diese Entwicklungen von dem Autoboom: 1906 wurden im Deutschen Reich 10.115 Pkw gezählt, acht Jahre später waren es schon 55.000. 1926 verkauften die Tankstellen dann die ersten Straßenkarten. Nach dem Tankstellen-Boom der Nachkriegszeit begann Mitte der 60er-Jahre das Tankstellen-Sterben. Von den mehr als 40.000 Stationen sind nur etwas mehr als ein Drittel geblieben. Dieses Jahr sank die Zahl der Tansktellen erstmals unter 15.000. Auch der Niedergang des Tankwarts zum Kassierer schien besiegelt. Tankstellen-Besitzer verdienen nur noch einen Bruchteil mit dem Kraftstoff-Verkauf, das meiste druch den Umsatz im "Tante-Ess-Laden ".
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