Am schlimmsten, sagt Marie H., sei das Kopfkino. Immer wieder springe es an, in Gang gesetzt durch neue Ermittlungsergebnisse oder, viel schlimmer, durch Gerüchte, die in dem kleinen thüringischen Ort Gernrode die Runde machen. Die 40-jährige Verkäuferin quält die Ungewissheit, wie ihr Sohn Matthias-Paul nachts auf einer Landstraße gestorben ist. Und ob er vor seinem Tod gelitten hat. Alle Hoffnungen, Antworten auf diese Fragen zu bekommen, liegen auf einem Stück Plastik. Das unscheinbare Teil gehört zu jenem Auto, das Matthias-Paul gerammt hat und dessen Fahrer seither unfallflüchtig ist.In der Nacht vom 24. auf den 25. Januar macht sich der 16-Jährige gegen zwei Uhr zu Fuß auf den Weg ins benachbarte Breitenworbis. Hier wohnen viele seiner Freunde. Der Junge benutzt die Fahrbahn, vermutlich weil der Gehweg verschneit ist. Auf Höhe der Autobahnüberquerung endet seine Spur. Um 4.15 Uhr wählt ein Mann den Notruf, nachdem er mit seinem Fahrzeug gerade noch dem auf der Straße liegenden Körper des Jugendlichen ausweichen konnte. Matthias-Paul ist tot.
Hinweise unter Telefon (03606) 6510 oder per E-Mail an kontakt@autobild.de (Stichwort: Fahndung)
An der Unfallstelle findet die Polizei Teile eines Honda. Der Fahrer stellt sich einige Tage später; er gibt an, den Jungen aus Versehen überrollt zu haben. Doch zu diesem Zeitpunkt, um 3.35 Uhr, ist Matthias-Paul durch einen anderen Aufprall bereits verletzt. Die Beamten finden Hinweise auf ein weiteres Unfallauto. 

Matthias stehend überfahren

Polizei sucht Todesfahrer
Auf dieser Autobahnquerung starb Matthias-Paul. Der Unglücksfahrer beging Fahrerflucht.
Bild: Sven Krieger
Ein Schuh des Jungen liegt 40 Meter weit entfernt, zudem weist sein Oberschenkel einen keilförmigen Bruch auf – beides deutet auf einen Anprall im Stand hin. An der Jacke des Toten identifizieren die Polizisten ein winziges rotes Lackpartikel. Und sie finden eben jenes schwarze Plastikteil, das nicht zum Honda gehört und an dem Fasern der Kleidung des Jungen haften. "Wenn wir wüssten, von welchem Fahrzeugmodell das Teil stammt, könnten wir den Kreis der Verdächtigen eingrenzen", sagt der zuständige Hauptkommissar Matthias Hofmann.Doch auf dem abgebrochenen Stück fehlen Nummer und Herstellername. Das wichtigste Puzzleteil in einem Fall von feiger Fahrerflucht – bislang kann es die Polizei einfach nicht zuordnen. Die Ermittlungen ziehen sich hin: Über 100 Befragungen und Vernehmungen haben Hofmann und seine Kollegen durchgeführt. Sie haben die Videoüberwachung von Tankstellen gesichtet, vier Wochen lang Tag und Nacht die Unfallstelle observiert – vergeblich. Wegen des gefundenen Lackpartikels nimmt die Polizei derzeit alle roten Autos im Umkreis in Augenschein, eins nach dem anderen. Doch allein im Landkreis Eichsfeld sind das 5000 Fahrzeuge.
Polizei sucht Todesfahrer
Auf der Jacke des Getöteten haftete ein mikroskopisch kleiner Farbpartikel.
Bild: Sven Krieger
"Im Fernsehen ist immer alles so einfach. Da sind die Verbrechen schnell aufgeklärt", sagt Thomas H., der Vater des Unfallopfers. Der 45-jährige Monteur kann nicht verstehen, dass ein Plastikteil heutzutage nicht identifizierbar ist. Ob der Todesfahrer alkoholisiert war oder keinen Führerschein hatte? Spekulationen. Dass er aus der Region kommt? Wahrscheinlich. "Vielleicht hat er uns auf der Beerdigung sogar die Hand gegeben", sagt H. 

Ein Notruf hätte den Jungen vielleicht gerettet

Polizei sucht Todesfahrer
Die Polizei untersucht alle roten Autos im Landkreis Eichsfeld – bislang ohne Erfolg.
Bild: Sven Krieger
Hätte der Fahrer in jener Januarnacht einen Krankenwagen gerufen, wäre Matthias-Paul wohl noch am Leben. Laut Gerichtsmedizin waren die Verletzungen des ersten Aufpralls nicht tödlich. "Die Vorstellung, dass Paulchen stundenlang dort bei Bewusstsein lag, ist der Horror", sagt seine Mutter Marie. Ihr Sohn hatte große Zukunftspläne. Im August hatte er eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann begonnen, träumte davon, Bezirksleiter zu werden. Im Dezember schloss er eine private Rentenversicherung ab. Und erst wenige Tage vor seinem Tod besuchte er das erste Mal die Fahrschule. Natürlich wünschen sich Matthias-Pauls Eltern, dass derjenige bestraft wird, der ihren Sohn totgefahren hat. Aber das sei nicht die Hauptsache, beteuern sie. Viel mehr noch wünschen sich Thomas und Marie H. Gewissheit, wie ihr Sohn starb. Damit sie endlich in Ruhe trauern können.
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