Wenn es dunkel wird auf der Gough Street, Ecke Hayes, dann kommen düstere Gestalten raus. Obdachlose, Junkies, Bettler. Und kein Taxi weit und breit. Ich stehe hier, es ist inzwischen 23.45 Uhr, die Bars und Restaurants haben geschlossen, die Straßen sind leer. Und eben weil die Fahrbahnen um diese Zeit im Bezirk Civic Center/Downtown San Francisco so verlassen sind, sollte mich jetzt eigentlich ein Cruise-Taxi abholen. Komplett fahrerlos.
Ich soll einfach einsteigen, und der elektrische Chevy Bolt mich rausbringen, aus diesem inzwischen nicht ganz ungefährlichen Teil der einst so schönen Stadt an der Golden Gate Bridge. Aber es kommt kein leeres Cruise-Auto. Ich warte weiter und beobachte die dunklen Gestalten in den Hauseingängen.
Nachtschicht: AUTO BILD-Reporter Hauke Schrieber wartet auf ein Taxi, das nicht kommen wird.
Bild: Hauke Schrieber / AUTO BILD
Doch ich warte vergebens. Dabei habe ich online eine Fahrt gebucht. Irgendwann zwischen 22 und 24 Uhr soll ich eine E-Mail bekommen mit Ort und genauem Zeitpunkt meiner Fahrt. (Auf einem neuen Level: Das kann die autonome S-Klasse)
Zur Sicherheit habe ich unter einer anderen E-Mail-Adresse eine zweite Fahrt reserviert, zwischen Mitternacht und 6 Uhr morgens. Denn nur nachts fahren die autonomen Cruise-Taxis. Heute Nacht nicht.

Tochterfirma des US-Autobauers General Motors

Cruise ist eine Tochterfirma des US-Autobauers General Motors. Hier in San Francisco hat sie die Genehmigung erhalten, zu bestimmten Zeiten (nachts) und in bestimmten Stadtteilen (nachts besonders verlassenen) ihre fahrerlosen Bolt an lebenden Objekten zu testen.
Die Wagen sind ausgerüstet mit diversen Sensoren (Lidar, Radar, Kameras) auf dem Dach und Computer im Kofferraum. Anfangs durften nur Mitarbeiter mitfahren, inzwischen kann sich jeder auf der Homepage kostenlos anmelden.
Cruise ist nicht die einzige Firma, die voll- oder teilautonome Taxis oder Mietwagen testet. Aber besonders Cruise hat, seit der Dienst vor wenigen Monaten den Testbetrieb auf öffentlichen Straßen aufnahm, für Schlagzeilen gesorgt:
Anfang April überprüfen Verkehrspolizisten ein Cruise-Auto, das ohne Licht fährt. Und wundern sich, dass niemand drin sitzt. Dann fährt der Wagen auch noch vor ihren Augen weiter.
Später im April parkt ein Cruise-Bolt einen Feuerwehrwagen zu, der deshalb im Notfall nicht ausrücken könnte.
Am 3. Juni kollidiert ein Cruise-Taxi mit einem Toyota. Es gibt mehrere Leichtverletzte.
All diese Vorfälle haben das Vertrauen der Bevölkerung in die neue Technik nicht gestärkt. Betreiber und Mitarbeiter von Restaurants oder Bars in dem Viertel erzählen mir jedenfalls, ihre Gäste seien noch nie mit einem Cruise nach Hause gefahren.
"Die nehmen Uber-Taxi oder gehen zu Fuß", so Eric, der in der Bar Brass Tacks hinterm Tresen steht. Der Gedanke kommt auch mir, als ich weit nach Mitternacht die leere Kreuzung verlasse.
Und dann sehe ich doch noch einen der weiß-roten Chevy Bolt um die Ecke flitzen. Aber ach: Sowohl auf dem Fahrer- wie auch auf dem Beifahrersitz hocken echte Menschen ...

Der Traum von Robo-Taxi

Weltweit wird am vollkommen autonomen Auto geforscht. Den Traum vom Robo-Taxi verfolgt schon länger Google-Schwesterfirma Waymo, die in der Stadt Chandler (Arizona) Level-5-Taxis testet.
In China geht nun Internet-Gigant Baidu mit dem Dienst Apollo Go in den Metropolen Wuhan und Chongqing an den Start. Hyundai wird 2023 in den USA autonome Ioniq 5 mit Partnerfirma Motional für einen Robo-Taxidienst testweise einsetzen. Und Volvo wird seine "Ride Pilot"-Technik bald schon in Kalifornien auf öffentlichen Straßen ausprobieren.

Kommentar

Das war dann ja wohl nichts ... Und für Journalisten organisierte Mitfahrten bietet Cruise nicht an – sie würden die Wahrheit natürlich auch verfälschen. Weil alles gestellt wäre. Nach meiner gescheiterten "geheimen" Mitfahrt bleibt mir also nur ein Gefühl. Das Gefühl, dass das vollautonome Fahren ohne Mensch auf dem Fahrersitz (Level 5) noch sehr lange braucht, bis es wirklich sicher und zuverlässig funktioniert. Und es benötigt das Vertrauen der Passagiere. Das ist wahrscheinlich die größte Herausforderung.