Tesla Model S Plaid: Test
Fast Food: Das Sprintwunder Model S Plaid im Test

Die Amis feiern ihn, 2,1 auf 100 – der Plaid. Es wird Zeit, das Messgerät reinzuhängen und zu schauen, was er wirklich kann, längs- und querdynamisch.
Bild: Lena Willgalis / AUTO BILD
Richtig, das ist kein echtes Sportscar. Und ja, wir werden in Zukunft weiterhin nur über wenige ausgewählte E-Autos berichten, versprochen. Aber wenn so ein Stromer auf der Nordschleife 7:25 Minuten fährt, dann ist das ziemlich sportlich – und exakt solch eine Ausnahme. Wenn so ein Zweitonner längsdynamisch alles in Grund und Boden fährt, dann wollen wir das auch ausprobieren, mit Messgerät versteht sich. Und so kam es zum Tesla Model S Plaid.
Kurze Anfrage bei Elon Musk, Pardon: der Presseabteilung, innerhalb weniger Wochen stand ein Testwagen in der Redaktion. Leider nicht mit dem gewünschten Track- Paket, die Goodyear-Semis waren nicht verfügbar. Dafür aber die separat bestellbare Keramikbremse. Leistung? Dazu vier Zahlen zur Einordnung: 1020 PS, 1424 Nm Drehmoment, 2,1 Sekunden auf 100, 322 km/h Spitze. Damit wird die Klimarettung wohl nicht gelingen, damit fährt man eher der Erderwärmung davon.
Die bittere Wahrheit im Test des Tesla Model S Plaid
Aber das mit Klima und Co. ist ein anderes Thema. Darüber sollen Berufenere urteilen, uns geht es wie gesagt um die Performance und nicht um Reichweite. Apropos: 600 Kilometer versprechen die Amerikaner. Vergessen Sie es, von der Redaktion zum Dekra Lausitzring sind es exakt 378 Kilometer. Beim Start war der Akku auf 100 Prozent, schon nach einer Stunde bei Tempo 120 meldete sich der Computer, dass wir bei dem Speed nicht ohne nachzuladen ankommen werden. Und wir waren sogar im "Lässig"- Modus unterwegs. Auch bei der Rückfahrt keine Chance auf mehr als 400 Kilometer Reichweite. Vielleicht haben wir einen Zauberschalter übersehen oder wir können einfach nicht E – egal.

13.825 Euro für die Keramikbremsen sind fett. Pedalgefühl? Gewöhnungsbedürftig.
Bild: Lena Willgalis / AUTO BILD
Apropos Zauberei: Was heißt Plaid? Plaid ist Englisch, bedeutet so viel wie Karomuster und wird tatsächlich "Plaahd" ausgesprochen. Der Name kommt aus der Science-Fiction-Komödie Spaceballs. Da gibt es ein Raumschiff, das mit Lichtgeschwindigkeit fliegen kann und dann einen karierten Schweif im Weltraum hinterlässt. Noch kurz etwas zur Technik. Drei mächtige E-Motoren, einer vorn, zwei hinten, plus der 100-kWh-Akku unter dem Auto, das war es schon.
Interieur ist unnötig modern
Einsteigen. Das Gestühl ist besser als das, was wir vor ein paar Jahren im Model S erleben durften. Dennoch weit weg von Seitenhalt, Komfort und der Wertigkeit eines Porsche, Mercedes oder Audi. Und dann die Hand ans Lenkrad, pardon Halbrad. Das im Testwagen verbaute "Yoke"-Lenkrad kommt halbiert daher und soll an das Steuer eines Flugzeugs erinnern. Dessen Piloten müssen nicht umgreifen, beim Rangieren eines Plaid ist das aber notwendig – und dann greift man ins Leere. Auch sonst ist das Ding alltagsuntauglich.
Zum Glück kann man auch ein rundes Lenkrad haben. So oder so befinden sich die Blinker-Tasten links in selbigem – völliger Unsinn. Bitte einen ganz normalen Blinkerhebel, nicht alles ist praktisch was modern sein soll. Genauso die Gangwahl, die erfolgt über den verstellbaren Zentralbildschirm.

Das Yoke-Lenkrad ist eher ein Joke-Lenkrad. Sparen Sie sich die 1000 Euro.
Bild: Lena Willgalis / AUTO BILD
Das klappt in der Praxis aber nach ein paar Fahrten gut. Thema Alltag: Das Luftfahrwerk macht einen guten Job, dämpft und federt, kurvige Landstraßen machen sogar richtig Spaß. Autobahn funktioniert auch, für die versprochenen 322 km/h braucht man dann doch aber einige Kilometer Anlauf. Jeder Tritt ins Fahrpedal sorgt dagegen für breiteres Grinsen. Immer wieder dieser Überraschungseffekt, der Unmengen Adrenalin freisetzt. Doch ganz ehrlich, irgendwann flasht es einen nicht mehr. Ab auf das Dekra-Testoval: Was geht längsdynamisch?
Neuer SPORTSCARS-Rekord: Power-Stromer mit Blitzstart
Ein Druck auf die Drag Race-Taste, einige Minuten den Akku auf die richtige Temperatur für den Powerstart konditionieren, denn einfach mal so in 2,1 von 0 auf 100 beschleunigen funktioniert nicht. Cheetah (Launch-Control) ist aktiviert, die Front duckt sich. Bremse, Vollgas, ein gelbes Licht im Display wird immer größer, Fuß von der Bremse, der Kopf prallt in die Kopfstütze, der Rücken verschmilzt mit dem Ledersitz. Alles so brutal, dass ohnmachtsempfindliche Menschen lieber vorher ihren Arzt fragen sollten, ob ihr Körper so was erträgt. Kein Schlupf, keine Gangwechsel, das GPS-Gerät zeigt 2,44 Sekunden an, neuer AUTO BILD SPORTSCARS-Rekord! Ganz ehrlich, das ist die brutalste Beschleunigung, die ich je erlebt habe. Und ja, ich habe auch die 2,5 Sekunden im bisherigen Sprint- King 911 Turbo S selbst gemessen. Noch ein Rekord? Ja, Viertelmeile und 100–200 war der Plaid schneller als der Ferrari 296 GTB. Aber was ist mit den versprochenen 2,1 auf 100? Ein kleines Sternchen am Wert verrät, dass die Werksangabe amerikanisch mit rollendem Start (roll out) gemessen worden ist und nicht wie bei uns aus dem Stand.

Fakt ist: Rennstrecke kann der Plaid. Wenn man jetzt noch den großen Abstand zur Porsche-Fahrwerks-Performance schließt, dann, ja dann …
Bild: Lena Willgalis / AUTO BILD
Und weil wir schon einmal hier am Lausitzring sind, die Keramikbremse verbaut ist und mit dem Michelin Pilot Sport 4 S kein schlechter Reifen auf den 21-Zöllern steckt, drehen wir noch eine schnelle Runde. Und die ist gar nicht so übel. Die Vorderachse untersteuert hier und da, dafür drückt das Heck kurvenausgangs schön mit. Auf den Geraden macht er ordentlich Meter, spätes Anbremsen Fehlanzeige. Die Keramikbremse ist ein Murks, das Pedalgefühl weit weg von einem Porsche Taycan, die Ausdauer na ja, nach zwei Runden weiches, langes Pedal, es fehlt an Vertrauen. Ob das alles mit den optionalen Goodyear-Semislicks besser gewesen wäre? Vielleicht, auf keinen Fall aber so viel schneller, dass der Plaid den 2,55 Sekunden entfernten Taycan Turbo S überholt hätte.
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