Ein bettelnder Tonfall im wochenlangen Schriftwechsel, lange Schlangen vor den Kassenhäuschen und ein florierender Schwarzmarkt: Während die Autoshows in Europa um jeden Besucher ringen und traditionelle Messen wie der Genfer Salon längst aufgegeben haben, können sie sich bei The Quail kaum retten vor dem Besucheransturm – und dass, obwohl die Eintrittskarte schon offiziell 1500 Dollar kostet.
Aber das traditionelle „Motorsports Gathering“ am Freitag vor dem Concours d’Elegance in Pebble Beach ist auch nicht irgendeine Automesse. Sondern das Open-Air-Event auf einem Golfplatz ist die mit Abstand schillerndste PS-Party, die irgendwo auf dem Globus gefeiert wird.
Denn unter der Sonne Kaliforniens ist nicht nur die Liebe zum Auto inniger als sonst irgendwo, die Toleranz größer und die Trennschärfe geringer. Sondern hier gibt es auch genügend Geld, dass sich niemand an den hohen Tarifen fürs Ticket stört und man quasi im Vorbeigehen auch mal einen Sportwagen für ein paar Millionen kauft.
Während deshalb in den Auktionszelten der Hammer im Akkord fällt, fahren hier vor allem die Luxus- und Boutique-Marken und Manufakturen groß auf und verwandeln das Motorsportsgathering mit vielen Premieren zum Paralleluniversum der Petrolheads. Und anders als sonst, wird nicht nur geschaut, sondern auch kräftig geshoppt und regelmäßig neue Millionendeals geschlossen.

The Quail: Lamborghini zeigt den Temerario

Auch der Huracán Nachfolger, Lamborghini Temerario, ist bei "The Quail" zu sehen.
Bild: T. Geiger

Der wohl wichtigste Neuzugang im Spielzeugladen der Superreichen kommt in diesem Jahr aus Italien. Denn Lamborghini nutzt die Bühne auf dem kurzgeschorenen Golf-Rasen zur Weltpremiere des Temerario, der zum Jahreswechsel den Huracan beerben und dabei in eine neue Umlaufbahn beamen soll. Denn obwohl er künftig nur noch acht statt zehn Zylinder hat, leistet schon der Verbrenner 800 PS und dreht weit über 10.000 Touren.

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"The Quail" 2024
Und dazu gibt’s noch drei E-Motoren, mit denen die Systemleistung auf 920 PS steigt. Ach ja, und in kurzes Stück elektrisch fahren kann das rasiermesserscharfe Coupé dem kleinen Pufferakku sei Dank auch. Wobei das Klein hier doppeldeutig ist, weil es a für das Format steht, das kaum größer ist als ein Taschenbuch, und für die Kapazität von nur 3,8 kWh.

Mate Rimac lockt mit Nevera R

Wem das zu wenig ist, den lockt Mate Rimac mit einer nochmal nachgeschärften Version des Nevera, der als Nevera R gar vollends zum ultimativen Hypercar für die Generation E werden soll. So steigt die Leistung von 1920 auf 2136 PS und der ohnehin blitzschnelle Sprint gelingt künftig noch schneller. Und selbst wenn für Kunden weiterhin bei 350 km/h Schluss ist, wird von einer realen Höchstgeschwindigkeit von rund 420 km/h gemunkelt.
Und der Nevera R ist nur eines von zwei Autos, die der kroatische Pertrolhead und PS-Pionier enthüllt. Schließlich zeigt er nun zum ersten Mal auch den Amerikanern, den unter seiner Regie entwickelten Bugatti Tourbillon der genau wie der neue Bentley Continental GT in Pebble Beach seine US-Premiere feiert.
Koenigsegg CCXR Special Edition
Bild: T. Geiger
Für die Sehr-Viel-Besserverdiener hier in Kalifornien sind solche Autos allerdings schnöde Massenware. Deshalb präsentieren sich auf The Quail auch eine Reihe von Manufakturen, die in noch kleinen Stückzahlen denken – die bekannteren davon sind Ruf aus Deutschland, Pagani, Hennessey und Koenigsegg, die allein 15 Autos für das Event zusammen getrommelt haben.
Und vergleichsweise neu im Rennen sind Marken wie Czinger, Pininfarina und Hispano Suiza oder Karma, selbst wenn es erste vor langer und letztere in jüngerer Zeit unter anderen Umständen schon mal gegeben hat. Nicht exotisch genug? Dann vielleicht einen zum Panzerwagen aufgerüstete Soccer-Mum-SUV von Rezvani oder lieber gleich einen Privatjet? Auch die werden auf the Quail reichlich feilgeboten.

Gemballa, Singer und Co.

Ganz groß im Kurs stehen auch in diesem Jahr wieder Restomods, Throwbacks oder Backdates, wie sie der englische Rockmusiker und kalifornische Porsche-Umbauer Rob Dickenson mit seinen Singer-Modellen berühmt gemacht hat. Auf seinen Spuren wandeln auf The Quail ein halbes Dutzend anderer Porsche- nun ja – Veredler wie Marc Philipp Gemballa mit seinem Marsien oder Tuthill mit dem GT One im LeMans Style und Firmen wie Getaway, die sich des Ford Broncos angenommen haben. Und natürlich bekommt so auch die Elektromobilität ein schillerndes Kapitel in diesem PS-Märchen für die Bleifußfraktion – egal ob die summende Neuinterpretation des Ur-Quattro bei E-Legend aus dem Großraum Ingolstadt oder die akkubepackte Neuauflage des Mayers Manx.
Mercedes-Benz CLK GTR Roadster
Bild: T. Geiger
Aber The Quail steht nicht nur für exorbitante Leistungsdaten und exklusive Marken, sondern auch für einen ganz eigenen Geschmack. Immer räkeln sich hier Autos im gleißenden Sonnenlicht, die es so nur ein einziges Mal geben wird, weil sie nach Kundenwunsch gebaut oder zumindest lackiert sind – wie etwa der Porsche Speedster auf Basis des 993, der vom werkseigenen Sonderwunsch-Team zur exklusiven Extraurst geadelt wurde, oder der zitronengelb lackiert Rolls-Royce Spectre, an dessen marmorierte Motorhaube die Lackierer allein 160 Stunden gearbeitet haben.

Jubiläumsmodell 50 Jahre 911 Turbo

Dagegen ist das auf 1974 Exemplare limitierte Jubiläumsmodell zum 50. Geburtstag des Porsche 911 Turbo fast schon ein Auto von der Stange und auch der Maserati GT2 Stradale nur eine rasende Rarität.
Ja, die Autoindustrie hat groß aufgefahren auf The Quail. Doch so spektakulär die vielen neuen PS-Spielzeuge und die paar handverlesenen Oldtimer dazwischen auch sind, verdienen die Menschen hier mindestens genauso viel Aufmerksamkeit wie die Maschinen. Denn die allermeisten Besucher sind mindestens genauso aufwändig getunt und gestaltet wie die Autos – und das gilt nicht nur für die Kleidung, die oft teurer ist als viele der Fahrzeuge, sondern in den meisten Fällen auch für die Körper. Lieber gut gemacht als schlecht gewachsen, ist hier offenbar das Motto.
Auch Hot Rods dürfen natürlich nicht fehlen.
Bild: T. Geiger
Aber The Quail ist nicht nur schillernder als jede andere Autoshow, edler und vor allem erfolgreicher. Sondern es gibt noch einen anderen, ganz entscheidenden Unterschied: Wo sich traditionelle Messen meist über mehr als eine Woche hecheln, ist des Zauber hier am frühen Nachmittag schon wieder vorbei und die Greenkeeper warten für den Kehraus schon mit dem Rechen im Anschlag. Schließlich wollen noch vor dem Sonnenuntergang die ersten Golfer wieder auf den Platz.
Aber auch die PS-Party geht weiter: Draußen, vor der Lodge in Pebble Beach, wo eine interessante Mischung aus zukunftsträchtigen Stromern wie dem handlichen Rivian R3X und wunderbar altmodischen und trotzdem elektrischen Restaurationen von Mercedes Pagode, Porsche 964 und Land Rover Series 1 zu sehen sind. Und abends dann in den Villen, von denen kaum eine unter 100 Millionen zu haben ist. Denn kaum schließen auf The Quail die Pforten, öffnen sich die Portale zu den privaten Partys, bei denen dann zum Beispiel auch Mercedes mit mischt und das Maybach-Portfolio mit einer Signature-Edition des SL erweitert. Wo, wenn nicht hier? Nicht nur, weil hier das Geld locker sitzt, sondern weil auch das Wetter basst. Denn wie hat schon Flower-Power-Ikone albert Hammond gesungen: It never rains in California.