Es ist zwar noch nicht mal neun Uhr, doch so ein Schuss Baileys im Hafermilch-Mocha kann nicht schaden. Schließlich ist das hier keine schnöde Motorshow, sondern die exklusivste PS-Party der Welt. Und nur weil dieses "Motorsports Gathering" auf dem Golfplatz "The Quail" als ein Highlight der Monterey Car Week im kalifornischen Pebble Beach traditionell am Vormittag über die Bühne geht, hält sich hier keiner zurück.
Warum auch? Wenn man in einer Lotterie das Recht gewinnt, sich für über 1000 Dollar eines der raren Tickets zu kaufen, kann man auf solche Nebensächlichkeiten wie die Uhrzeit nun wirklich keine Rücksicht nehmen. Erst recht, wenn es so viel zu feiern gibt.
Koenigsegg – The Quail 2025
Koenigsegg zeigt, wie man mit Carbon, Turbos und Ingenieurskunst die Grenzen des Machbaren verschiebt.
Bild: Thomas Geiger
Und zu feiern gibt es schließlich mehr als genug. Nicht nur, dass die örtliche Gastronomie auffährt, bis sich die Tische biegen, der Champagner schon am Morgen in Strömen fließt und sich das Publikum aufbrezelt wie bei einer Modenschau. Nein, vor allem stehen hier auf dem kurz geschorenen Golfrasen die edelsten Exoten und die spektakulärsten Sportwagen – und funkeln mit dem Schmuck der Gäste um die Wette.

The Quail: Schönheitswettbewerb für klassische Renn- und Sportwagen

Zwar ist das Event eigentlich ein Schönheitswettbewerb für klassische Renn- und Sportwagen wie der Concours d'Elegance zwei Tage später in Pebble Beach, und offiziell geht es deshalb um Altmetall in seiner edelsten Form. Doch weil sie in dieser Millionärsenklave auf der Monterey Peninsula wissen, wie man Geld macht, haben sie jeden freien Quadratmeter an aktuelle Autohersteller vermietet, die "The Quail" so zur exklusivsten Automesse der Welt adeln.
Corvette CX.R Vision – The Quail 2025
Die Corvette CX.R Vision ist eine Konzeptstudie mit Hybridantrieb, entwickelt für den Einsatz auf der Rennstrecke. Mit markanter Aerodynamik und futuristischem Design gibt sie einen Ausblick auf die mögliche Zukunft der Corvette im Motorsport.
Bild: Thomas Geiger
Denn wo das Geld so locker sitzt, lassen sich Cadillac und Co nicht lange bitten. Und wo sie auf anderen Motorshows mittlerweile – wenn sie überhaupt noch hingehen – kaum mehr als ihre Standards zeigen, bauen sie für "The Quail" sogar mal wieder Studien und Showcars oder feiern Premieren im Halbstundentakt.

Corvette, Cadillac, Infiniti und Co

Corvette zeigt deshalb gleich zwei Studien, die einen Vorgeschmack auf die nächste Generation des uramerikanischen Sportwagens geben. Und selbst wenn sie keinen Zweifel daran lassen, dass weder die vollelektrische, für die Straße gedachte CX noch der V8-Hybrid CX.R für die Rennstrecke je in Serie gehen, kann bald jeder die beiden Tiefflieger steuern – als Teil der Rennsimulation Gran Turismo.
Während Corvette flach baut, probt Cadillac den Aufstieg und fängt die Blicke mit einem elektrischen SUV-Coupé mit Flügeltüren, Infiniti lotet die Zukunft des QX80 mit zwei Studien aus, und Lexus reagiert auf die amerikanische Klima-Kehrtwende mit einer neuerlichen Evolutionsstufe des Sport Concept, das jetzt plötzlich als Verbrenner im Rampenlicht steht und die Hoffnung auf einen Nachfolger des LFA schürt.
Lamborghini Fenomeno – The Quail 2025
Der stärkste Stier aller Zeiten: Mit 1080 PS und nur 29 Exemplaren ist der Lamborghini Fenomeno nicht nur ein Designstatement, sondern ein exklusiver Kraftakt auf Rädern.
Bild: Thomas Geiger
Zwar fahren ausgerechnet die deutschen Stammspieler im Oberhaus hier nur noch auf schmaler Spur, und einzig Porsche ist zumindest pflichtschuldig präsent, während sich weder BMW noch Audi blicken lassen und sogar Mercedes als Erfinder des Automobils und als selbst erklärte Spitze der Luxuspyramide mit Abwesenheit glänzt.

VW-Konzern zeigt Lamborghini Fenomeno

Doch spricht man trotzdem viel Deutsch auf The Quail: Zum einen, weil natürlich viele Kleinserienhersteller und Manufakturen nach Monterey gekommen sind – von Ruf über Alpina-Nachfolger Bovensiepen bis hin zu Tuning-Junior Marc Philipp Gemballa.
Und zum anderen, weil der VW-Konzern zumindest seinen Luxusmarken noch ihren großen Auftritt gönnt – selbst wenn zum Beispiel Bentley nicht viel mehr als eine neue Lackierung zu bieten hat, für die aber immerhin 56 Stunden Handarbeit aufgewendet werden. Dafür allerdings darf Lamborghini sein mittlerweile zehntes "Few Off" enthüllen und zieht deshalb das Tuch vom Fenomeno, mit dem der ohnehin schon exklusive Revuelto gar vollends zum eiligen Exoten wird.
Meyers Manx LFG – The Quail 2025
Der Meyers Manx LFG im Rallye-Trimm – ein wilder Gruß aus Kalifornien mit 350 PS und Offroad-Attitüde.
Bild: Thomas Geiger
Schließlich ist nicht nur das Design neu und für die Italiener fast schon ungewöhnlich elegant, auch der V12-Plug-in-Hybrid legt noch einmal an Leistung zu und wird mit nun 1080 PS zum bislang stärksten Lamborghini der Geschichte. Ein Superlativ, mit dem sich nur 29 Kunden werden brüsten können.
Das ist zwar selbst für Lamborghini-Verhältnisse eine rasende Rarität – und trotzdem Massenware, wenn man den Fenomeno mit dem Bugatti Brouillard vergleicht. Denn als jetzt dann wirklich allerletztes Auto aus der Chiron-Familie und damit auch als endgültigen Schlussakkord für den famosen W16-Motor wird es dieses kräftige Kunstwerk nur ein einziges Mal geben.
Das hat es selbst bei Bugatti in der jüngeren Geschichte außer beim Voiture Noire noch nicht gegeben, soll aber Schule machen. Denn mit dem Brouillard starten sie das "Solitaire"-Programm, das künftig noch mehr solcher exklusiven Extrawürste hervorbringen soll. Schließlich dürfte bei einem Preis "im mittleren zweistelligen Millionenbereich" schon ein bisschen was hängen bleiben.

Buggy im Rallye-Trimm

Wer es noch exotischer mag, muss auf The Quail nicht lange suchen, sondern findet in jeder Preis- und Leistungsklasse sowie in jeder Fahrzeugkategorie den passenden Traumwagen. Sei es ein Buggy im Rallye-Trimm wie der 350 PS starke Meyers Manx LFG, der einem Porsche 911 jetzt näher ist als einem VW Käfer, sei es ein Restomod wie der Aston Martin "Octavia" mit 805 PS in einem DBS-Chassis von 1971, oder sei es eine obskure Luxuslimousine im Retrolook wie die von Dacora, die als erste von Frauen geführte US-Luxusmarke gefeiert und ganz patriotisch zum Rolls-Royce-Konkurrenten stilisiert wird.
Czinger 21C – The Quail 2025
Der Czinger 21C vereint 3D-Druck, Hybridpower und futuristisches Design – ein Supersportler, der aussieht, als käme er direkt aus der Zukunft.
Bild: Thomas Geiger
Egal wo man hinschaut – als wäre gerade Sommerschlussverkauf im Spielwarenladen der Superreichen, haben die versammelten Autobosse endlich mal wieder ein ehrliches Lachen im Gesicht. Nicht nur, dass ihnen hier keiner ihren CO2-Ausstoß vorrechnet und sie als Klimasünder anprangert. Nein, vor allem füllen sich ihre Auftragsbücher fast so schnell wie die Teller an den prallen Delikatessen-Büffets. Der Lamborghini Fenomeno, mit einem Preis von 3,7 Millionen Euro rund fünfmal so teuer wie der Revuelto, ist deshalb schon zur Premiere ausverkauft.
Zwar fiebern die Petrolheads diesem Event das ganze Jahr über entgegen und genießen jede Minute davon. Doch lange bevor sich die Sonne über dem Carmel Valley senkt, ist auch der letzte Hochkaräter vom kurz geschorenen Rasen gerollt. Dort, wo eben noch Zwölfzylinder gebrüllt und Boxer gebrabbelt, wo sich Rennautos und Supersportwagen in der Aufmerksamkeit der Petrolheads geaalt und wo die PS-Schickeria zum Schaulaufen angetreten ist, hört man jetzt nur noch das Surren sehr viel profanerer und ps-schwächerer Gefährte.
Denn schon am Abend gehört "The Quail" wieder den Golfern, und statt Corvette oder Cadillac cruisen jetzt allenfalls noch die Caddys übers Green.