Vettel gesteht Versagensangst bei Ferrari
Vettel offen wie nie: „Die Angst war groß"

Vier WM-Titel mit Red Bull, 53 Grand-Prix-Siege in seiner Karriere. Doch ausgerechnet bei Ferrari bekam Sebastian Vettel Angst vor dem Scheitern.
Bild: Ferrari
Es sollte die rosarote Fortsetzung der Liebesgeschichte zwischen Deutschland und Italien im Motorsport werden. Doch für Sebastian Vettel (39) wurde die Fortsetzung der Schumacher-Geschichte zur Bürde.
Dabei kam der Hesse 2015 mit reichlich Vorschusslorbeeren im Gepäck zur Scuderia. Im Schlepptau: vier WM-Titel, 39 Grand-Prix-Siege und den Ruf, einer der besten Formel-1-Piloten seiner Generation zu sein. Nur eines fehlte ihm noch: der WM-Titel in Rot. So wie ihn sein großes Idol Michael Schumacher gleich fünfmal gewonnen hatte.
Doch ausgerechnet dieser Traum wurde für Vettel irgendwann zur Belastung. Denn bei Ferrari ging es nicht nur darum, schnell zu fahren. Der Deutsche sollte einen ganzen Rennstall zurück an die Spitze bringen. Und am besten gleich ganz Italien glücklich machen.
„Unter dem Druck und unter dieser Erwartung war einfach auch die Angst, zu versagen, so groß“, gesteht Vettel in der neuen ARD-Dokumentation „Being Sebastian Vettel“.
Selbst nach vier WM-Titeln plagten ihn plötzlich Selbstzweifel. „Was passiert am Montag, wenn das Rennen nicht gut ist? Kriege ich dann auf den Deckel?“, beschreibt Vettel seine damaligen Gedanken.
Vettel vermisste bei Ferrari den Spaß
Dabei hatte seine Ferrari-Zeit mit einem Paukenschlag begonnen. Gleich im zweiten Rennen 2015 gewann Vettel in Malaysia. Die Tifosi jubelten, die italienischen Zeitungen feierten ihren neuen Hoffnungsträger. Endlich wieder ein Deutscher, der Ferrari zum Weltmeister machen sollte.
Doch der Titel ließ auf sich warten. Und mit jedem weiteren Jahr bekam Vettel die Last des Traditionsteams aus Maranello deutlicher zu spüren.

Ausgerechnet bei Ferrari bekam Sebastian Vettel Angst vor dem Scheitern
Bild: Ferrari
Er vermisste vor allem die Atmosphäre, die er von Red Bull kannte. Dort hatte er nicht nur vier WM-Titel gewonnen, sondern auch jede Menge Spaß erlebt. Bei Ferrari dagegen war vieles ernster, angespannter, komplizierter.
In der Dokumentation erinnert sich Vettel an eine Besprechung mit seinen neuen Kollegen. Er habe ihnen erklärt, er habe „viel Respekt für alles, was wir hier machen und was ihr hier macht. Aber da, wo ich herkomme, hatten wir eine Zutat, die fehlt hier noch: Wir hatten Spaß.“
Vettel wollte nachhelfen. Er kaufte seinen Mechanikern eine Lautsprecherbox und ließ italienische Musik durch die Garage schallen. Ein bisschen Dolce Vita zwischen Reifenstapeln und Werkzeugwagen.
Doch ausgerechnet bei Ferrari war selbst das zunächst nicht erlaubt. „Ich weiß nicht, ob sie nach wie vor eine Box haben, aber es war anfangs wirklich verboten“, erzählt Vettel.
Ex-Renningenieur: „Er leidet immer noch sehr darunter“
Sportlich blieb Ferrari hinter den Erwartungen zurück. 2017 und 2018 kämpfte der Heppenheimer zwar gegen Lewis Hamilton um den WM-Titel, doch zweimal hatte der Mercedes-Pilot die Nase vorn. Vettel machte Fehler, Ferrari ebenfalls. Dazu kamen technische Probleme und strategische Fehlentscheidungen.
Rückblickend sieht er die Verantwortung deshalb nicht nur bei sich. „Ich glaube, die verpasste Chance war, dass wir als Organisation zu zögerlich waren und zu schüchtern“, sagt er über die damalige Ferrari-Mannschaft.
2020 war schließlich Schluss. Ferrari verlängerte seinen Vertrag nicht mehr, Carlos Sainz wurde als Nachfolger verpflichtet. Für Vettel ein harter Schlag.
„In dem Moment hat es mich sehr getroffen, versagt zu haben, dass ich jetzt keine Vertragsverlängerung bekomme, dass mir so etwas passiert. Das habe ich mir sehr angekreidet“, erinnert sich der viermalige Weltmeister.
Und offenbar sitzt die Enttäuschung bis heute tief. „Ich glaube, er leidet immer noch sehr darunter, so wie auch ich darunter leide, dass wir nicht den großen Erfolg hatten“, sagt sein früherer Ferrari-Renningenieur Riccardo Adami in der Dokumentation.
Dabei ist Vettels Ferrari-Bilanz alles andere als schlecht: 14 Siege, zwei Vizeweltmeisterschaften. Nur zwei Fahrer haben in Rot mehr Grand Prix gewonnen: Michael Schumacher mit 72 und Niki Lauda mit 15. Doch für Vettel zählte vor allem der eine Titel, der ihm verwehrt blieb.
Nach seinem Ferrari-Aus fuhr er noch zwei Jahre für Aston Martin, ehe er Ende 2022 seine Formel-1-Karriere beendete. Heute hat der Deutsche mit dem Rennsport weitgehend abgeschlossen, kümmert sich um seine Familie und engagiert sich für Umweltprojekte.
Die sechs Jahre bei Ferrari beschäftigen ihn offenbar trotzdem noch. Denn auch 14 Siege können sich wie eine Niederlage anfühlen, wenn man eigentlich Weltmeister werden wollte.
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