Es kommt nicht immer auf die Größe an im Leben. Volvo-Manager Hans Nilsson bleibt daher auch cool, wenn "sein" V60 beim Laderaumvergleich mit anderen Mittelklassekombis Schelte kassiert. Der neue Schwedenfrachter versteht sich als Lust-Laster. Die Rolle des Transport-Talents will er nicht spielen. "Für Kunden, die auf viel Gepäckraum Wert legen, gibt es den V70", erklärt Nilsson. Was er nicht sagt: Selbst der kleine Bruder V50 ist als Kombi die größere Nummer. Bei voller Bestuhlung bietet der Neuling etwa gleich viel Laderaum, doch bei umgelegten Sitzen schluckt er 66 Liter weniger. Powershopping bei Ikea? Forget it!

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Volvos Jüngster (Händlerstart: November 2010) folgt eher der Devise: Lädst du noch, oder fährst du schon? Freizeitmenschen und Familienväter sollen zwar das Extra-Quäntchen Flexibilität gegenüber der S60-Limousine schätzen – etwa die hintere Rücksitzlehne, die beim Kombi nicht nur in zwei Teilen klappt, sondern in dreien. Vor allem aber geht es um den Spaß am Fahren. Und die schicke Optik. Von der "Nähe zum Coupé-Gedanken" schwärmt der Pressetext. Tatsache ist: Dieser Volvo- Kombi – noch unbeeinflusst vom neuen chinesischen Mutterkonzern Geely – sieht nicht aus wie mit der Axt gestylt, sondern strahlt bereits im Stand Dynamik aus. Die muss seinen Käufern 1000 Euro Aufpreis zur Limousine wert sein.
Wo wir gerade beim Geld sind: Da sich die Fenster durch die ansteigende Schulterlinie Richtung Heck auf Schießscharten-Format verkleinern, schadet die schicke Schale der Übersicht. Parkpiepser, in früheren Volvo-Modellen verzichtbarer Luxus, sind hier deshalb eine notwendige Investition. Schön, dass bei all den Lifestyle-Ambitionen manches doch beim Alten blieb. So wie die kühle, skandinavische Eleganz des Cockpits. Die klare Anordnung von Knöpfen und Schaltern. Und die – bis auf das Fehlen hinterer Seitenairbags – beispielhafte Sicherheitsvorsorge. Mit der Fußgänger-Erkennung etwa dreht Volvo seinen Mitbewerbern eine lange Nase.

Vorbildliche Sicherheits-Extras

Das System, das im Notfall sogar eine automatische Vollbremsung einleitet, bis Tempo 35 einen Crash verhindern und bei höherer Geschwindigkeit immerhin noch die Folgen lindern soll, hat kein anderer zu bieten. Im Paket mit Totwinkelwarner, Abstandsregeltempomat und Spurverlassenswarner ist es für 1950 Euro Aufpreis zu haben. Fahrspaß gibt es ohne Zuzahlung. Die Motoren geizen nicht mit Leistung. Das Topmodell lockt gar mit sportwagenmäßigen 304 PS. Kurvenfreudigere Fahrwerke haben die Schweden bislang auch noch nicht in ihre Autos eingebaut.

Dynamik und Komfort widersprechen sich nicht

Volvo V60 D5 AWD Geartronic
Bild: Werk
Der 205 PS starke Allrad-Diesel, mit dem wir rund um Göteborg die ersten Fahreindrücke sammeln konnten, taugt zwar eher zum entspannten Kilometerfressen als zum Geigen auf letzter Rille – nicht zuletzt, weil seine Automatik zu bedächtig schaltet. Doch auch er lässt spüren, dass es sich beim Dynamik-Anspruch nicht nur um ein Lippenbekenntnis von Volvos Marketingstrategen handelt. Die Lenkung arbeitet direkt und zielgenau; der Allradantrieb garantiert Spurtreue und hohe Haftreserven. Umso besser, dass die straffe Grundnote der Federung keine schmerzhaften Komfort-Abstriche nötig macht.

Flotter Familienschlitten

Der V60 ist kein brettharter Knochenrüttler. Er rollt trocken ab, schlägt sich jedoch im Zweifel eher auf die Seite bandscheibenverträglicher Bekömmlichkeit. Richtig so, schließlich findet der Alltag nicht auf Rennstrecken statt. Auch mit diesem Volvo fährt man Brötchenholen und kutschiert morgens die Kinder zur Schule. Dass Papi damit auch mal eine flotte Feierabendrunde drehen kann, erhöht den Reiz. Und sollte eine Einkaufstour zum Möbelmarkt anstehen, ist selbst der kleine Laderaum kein großer Beinbruch. Schließlich gibt es bei Ikea längst auch einen Bringservice.

Technische Daten

Fünfzylinder, Turbo, vorn quer • Hubraum 2400 cm³ • Leistung 151 kW (205 PS) bei 4000/min • max. Drehmoment 420 Nm bei 1500–3250/min • Sechsstufenautomatik • Allradantrieb • Kofferraum 430 Liter • Tank 68 l • 0–100 km/h 8,2 s • Spitze 225 km/h • EU-Mix 6,9 l Diesel/100 km • CO2 183 g/km • Preis: 39.550 Euro

Fazit

Als Kombi ist der V60 eine Enttäuschung. Mit seinem lächerlichen Ladevolumen taugt er bestenfalls zum Golftaschen-Transporter. Dafür fährt er sich agiler als die meisten Volvo vor ihm und trumpft beim Thema aktive Sicherheit groß auf. • Das gefällt: Fußgänger-Erkennung. Hat sonst keiner. Leider nur gegen Aufpreis. • Das fehlt: Kreativität. Lehnen vom Kofferraum aus entriegeln? Geht nicht. Da wurde gepennt. • Das überrascht: Keine Sportsitze. Dynamik-Anspruch - und nur brave Sportsessel. Das passt nicht. • 3,5 von 5 Sternen.