Volvo V90 Cross Country: Dauertest
Der Volvo rollt und rollt und ... rostet

Bild: AUTO BILD/Christoph Börries
Der Name Volvo hat seinen Ursprung ja im Lateinischen und heißt "Ich rolle". Höchstwahrscheinlich hatten Herr Gabrielsson und Herr Larson – die beiden gründeten Volvo 1927 – so etwas wie den 2022er V90 Cross Country noch nicht im Sinn. Dabei passt hier die Übersetzung perfekt.
Rollen klingt schließlich so schön leichtgängig, ungehemmt, fröhlich-frei – und genau das ist der V90 CC. Er ist angenehm und flutschend durch den 100.000-Kilometer-Dauertest von AUTO BILD geschwommen, hat uns nicht im Stich gelassen, dabei über Komfort und Packeselqualitäten die Dienstreisen versüßt. Das deckt sich mit dem Stimmungsbild der Nutzer. Dazu gleich mehr.
Der V90 Cross Country zeigt sich zunächst zuverlässig
Wir hangeln uns zunächst durch die Werkstatt-Literatur. Sondieren Inspektionen, suchen Funktionsfehler, ziehen Bilanz aus der obligatorischen Zerlegung der Technik in alle Einzelteile. Hier können wir zumindest für die fast zwei Jahre Arbeitszeit bei AUTO BILD Entwarnung geben. Kein einziger Fehler bremste den 235 PS starken Dieselmotor (heißt bei Volvo D5) während der 100.000-Kilometer-Prüffahrt aus.
Keine Pannen, keine irrlichternden gelben Kontrollanzeigen, kein Stirnrunzeln ob verschlissener Bremsen in der Vertragswerkstatt. So soll das sein, so passt das in diese prestigeträchtige Liga, entsprechend hoch fällt unsere Bewertung (Teilnote 1+) im Kapitel Zuverlässigkeit aus.

Kein einziger Fehler bremste den 235 PS starken Dieselmotor während der 100.000-Kilometer-Prüffahrt aus.
Bild: AUTO BILD/Christoph Börries
Das große Aber kommt bei der Demontage
Aber Achtung, die großartige Note gilt nur für das fehlerfreie Abschneiden "über die Betriebszeit". Die abschließende gründliche Untersuchung hat nämlich offenbart: Die Fehler kommen leider noch! Denn zwei Auffälligkeiten bereiten uns, dem für die Demontage zuständigen DEKRA-Kollegen Marcus Constantin und bald wohl auch dem Volvo-Kundendienst Kopfzerbrechen.
Erstens: Der Kurbeltrieb des Zweiliter-Turbodiesels hat Federn gelassen. An den Pleuellagern hat der Sachverständige Abnutzung und Laufspuren entdeckt, an den Schalen des zweiten Zylinders auch die Riefe durch ein eingedrungenes Fremdteilchen. Zwar liegen die Abtragungen nur im Mikrometer-Bereich, doch sie sind auffällig genug. Deutlich eher werden sich die verschlissenen Radialdichtungen der hinteren Antriebswellenflansche durchschlagen – hier sickert bereits Differenzialöl raus.

Zerlegt: Die vollständige Demontage und Begutachtung des Volvo dauerte rund drei Tage – und bescherte einige Überraschungen.
Bild: AUTO BILD/Christoph Börries
Dramatischer sehen wir jedoch die vielen, per Endoskop festgestellten Korrosionsfunde. Beispiele: Vorderachs- und Hinterachsträger weisen Roststellen an Kanten und Schweißnähten auf, beide Schweller blühen an manchen Stellen, in den Längsträgern wohnt der Gilb, am Heckabschlussblech frisst Rost, die Radhäuser sind an einigen Punkten angegriffen, an den vorderen Karosserieecken nagt die Oxidation.
Technische Daten
Motor | Vierzylinder, Turbo, vorn quer |
|---|---|
Hubraum | 1969 cm3 |
Leistung | 173 kW (235 PS) bei 4000/min |
max. Drehmoment | 480 Nm bei 1750/min |
Antrieb | Allradantrieb/Achtstufenautomatik |
Leergewicht | 1982 kg |
Zuladung | 528 kg |
Kofferraum | 560 - 1526 l |
Höchstgeschwindigkeit | 180 km/h |
Verbrauch | 6,3 l D/100 km (WLTP) |
Abgas | CO2 168 g/km (WLTP) |
Unterschiedliche Meinungen der Nutzer
So weit die beiden Seiten der Technik-Medaille. Auch die gefühlten Erkenntnisse der verschiedenen Nutzer weichen voneinander ab. Ein Beispiel ist der Sitzkomfort. Viele lieben das stramme Tragbild der prall gepolsterten Vordersitze. Andere störten sich an der nur mäßig ausgeprägten Seitenwangen-Anordnung, manche empfanden sogar die Mittelnaht des Lehnenbezugs zu auftragend. Schade auch: Im Bereich des Einstiegs hat das Leder die 100.000 Kilometer bei AUTO BILD nicht schadlos weggesteckt, hier sind Kratzer und abgewetzte Partien zu sehen. Zudem wirft der Bezug der Fläche (Fahrersitz) Falten.
Neben grundsätzlich weicher Federung mit guten Reserven (der Cross Country steht rund sechs Zentimeter höher da als ein konventioneller V90) wirkt der Volvo angenehm samtig beim Abrollen – das geht auch auf die brauchbare Eigendämpfung der 19 Zoll großen 235/50er-Reifen zurück. Redakteur Dierk Möller hadert – wie viele Nutzer – dagegen mit dem Antrieb: "Der Motor sollte kultivierter, weniger nagelnd arbeiten, zudem ist der Verbrauch zu hoch." Außerdem bemängelt Möller – ebenfalls wie weitere Kollegen – die zu früh warnende Fahrassistenz.
Messwerte
Testbeginn | Testende | |
|---|---|---|
Beschleunigung | ||
0–50 km/h | 2,6 s | 2,6 s |
0–100/-130 km/h | 7,7/12,6 s | 7,8/12,8 s |
0–160 km/h | 19,6 s | 20,0 s |
Zwischenspurt | ||
60–100 km/h | 4,4 s | 4,5 s |
80–120 km/h | 5,4 s | 5,5 s |
Bremsweg | ||
aus 100 km/h kalt | 35,9 m | 36,2 m |
aus 100 km/h warm | 36,1 m | 36,4 m |
Innengeräusch | ||
bei 50 km/h | 60 dB(A) | 60 dB(A) |
bei 100 km/h | 65 dB(A) | 65 dB(A) |
bei 130 km/h | 68 dB(A) | 68 dB(A) |
Testverbrauch – CO2 | 6,5 l D - 172 g/km | 6,8 l D - 180 g/km |
Einigkeit herrscht beim Fahreindruck: Unser Team bescheinigt dem CC eine sauber agierende Stabilitätskontrolle, sicheres und berechen- sowie beherrschbares Fahrverhalten, gute Bremsen – also keine Schwächen in Extremsituationen. Heißt: Auch Action-Rollen kann der Volvo.
Wertung*
Anzahl | Fehlerpunkte | |
|---|---|---|
Zuverlässigkeit | ||
Liegenbleiber | 0 x 15 | 0 |
Motor-/Getriebeschaden | 0 x 15 | 0 |
Defekte Antriebs-/Funktionsteile | 0 x 5 | 0 |
Zusätzlicher kurzer Werkstattbesuch | 0 x 3 | 0 |
Zusätzlicher mehrtägiger Werkstattaufenthalt | 0 x 5 | 0 |
Defekte und Sonderarbeiten (Radio/Navi/Flüssigkeiten etc.) | 0 x 2 | 0 |
Defekte Kleinteile (Lampen etc.) | 0 x 1 | 0 |
Langzeitqualität (aus Demontage) | ||
Karosserie (Konservierung, Lack, Teppiche, Verkleidungen) | 0–5 | 2 |
Motor (Leistung, Dichtigkeit, Ablagerungen, Laufspuren) | 0–5 | 1 |
Getriebe (Dichtigkeit, Abrieb, Zustand, Kupplung) | 0–5 | 1 |
Abgasanlage (Zustand, Kat, Aufhängung, Abschirmbleche) | 0–5 | 0 |
Fahrwerk (Achsen, Federung, Lenkung, Befestigung) | 0–5 | 1 |
Elektrik (Kabel, Stecker, Steuergeräte, Sicherungen) | 0–5 | 0 |
Alltagswertung/Fahren | ||
Ergibt sich aus den Eintragungen im Fahrtenbuch | 0-10 | 3 |
Gesamtpunkte | 8 | |
Note | 1- |
Fazit
Komfortabel, ein toller Reisebegleiter, sehr nützlich, dazu absolut zuverlässig – so weit die allgemeine Einschätzung unseres Volvo V90 Cross Country nach 100.000 Kilometern im Dauertest. Doch der mittelmäßige Korrosionsschutz und die öligen Antriebswellenflansche erweisen sich eines 90.000 Euro teuren Premium-Automobils mit diesem Prestigewert als nicht würdig.
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