Weiro Rolling Home im Test
Tiny House auf Tempo 100: Der Bauwagen, der Wohnwagen herausfordert

Es geht auch anders: Mit einem auf Tempo 100 zugelassenen und mit Pkw-Anhängekupplung aufgerüsteten Bauwagen kann man gut in den Urlaub fahren.
Bild: Bernhard Schmidt
Das zweite Highlight des Weiro-Freizeitwagens ist das enorme, ja fast kathedralische Raumgefühl unter dem Tonnendach. Der Wagen misst innen nämlich glatte 2,30 Meter in der Höhe! Eigentlich genial viel Platz für Oberschränke, unser Test-Wagen hat aber keine. "Die wären natürlich machbar", sagt Thomas Neuerer, der Geschäftsführer. Der dynamische Mann mit dem perfekten Manager-Namen irritiert mit seinen Konjunktiven. Denn normalerweise berichten wir über konkrete Wohnwagen mit weitgehend fixen Einrichtungen. Hier ist aber nichts konkret.
Das Bequeme bei einem üblichen Wohnwagen von der Stange ist schließlich: Man kauft ihn, er hat alles irgendwie drin, man arrangiert sich mit seinen Schrullen, muss jedenfalls nicht groß in sich hineinfühlen, denken und planen und kann sofort losfahren. Beim Weiro hingegen sollte man genau wissen, was man will! Aber wer weiß das schon? Für die, die's wissen, ist der Wagen der Alfelder Firma natürlich ein Traum, und das Verkaufsgespräch dauert gewöhnlich mehrere Stunden, manchmal Wochen.

Hübsches Holz: "Auszeit"-Camp mit vergrauter Holzfassade am Weiro.
Bild: Bernhard Schmidt
Bei Europas größtem Bauwagenhersteller wird in erster Linie eine rustikal-funktionelle Hülle verkauft, also eine Basis, die in diversen Längen und Breiten mit allem bestückt werden kann, was das Camperherz begehrt. Den Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt. Dabei bleibt es aber vergleichsweise günstig. Einen bewohnbar eingerichteten Weiro-Freizeitwagen mit Tempo 80- oder 100-Zulassung gibt es ab Werk für 14.480 Euro.
Selbstausbauer greifen zur nackten Hülle
Die Mehrheit der Kunden des Hauses Weiro (Weisig Maschinenbau. Das "ro" weist auf den Gründungsort der Firma 1952 in Roloven bei Hannover hin) bestellt jedoch nur die nackte Bauwagen-Hülle mit Fahrgestell, die kostet gut 6000 Euro ohne Dämmung. Den Ausbau macht sie selbst zuhause. Ist ja auch nicht schwer, denn die Wände sind kerzengerade wie bei einem kleinen Haus, in diesem Fall sollten wir es Tiny House nennen.

Bequeme Nächte: Das Querbett misst 1,40 x 2,0 Meter.
Bild: Bernhard Schmidt
Das traditionelle Kerngeschäft von Weiro sind mobile Outdoor-Funktionszimmer für Bau, Forst und andere Gewerbe auf Rädern, etwa Waldkindergärten, in der billigen ungebremsten Variante 25 km/h langsam, in der rasanten Variante für 80 oder sogar 100 km/h zugelassen, dann natürlich mit Auflaufbremse und speziellen Dämpfern. Man fragt sich dabei jedoch: Entleibt sich ein klassischer Bauwagen, der üblicherweise im Schlamm auf Baustellen herumsteht und als Arbeiter-Frühstücks- oder Polier-Planungzimmer dient, nicht bei Tempo 100 oder bergab auch mal 120? Und wenn man dann noch Gegenwind-Sturmböen addiert, können es auch 150 km/h sein, die die Häuschen aushalten müssen.
Stabile Konstruktion wie ein Mini-Haus
"Das macht ihnen nichts aus", versichert Neuerer, "es gab bislang noch keine Beschwerden", also dass sich so ein Tiny in ein Kartenhaus verwandelt habe. Denn die Grundkonstruktion ist ursolide. Auf einem massiven Stahlrahmen (auf Wunsch verzinkt) wird ein Holzfachwerkgebälk verschraubt, das dann meist mit Stahlblech-Sandwich-Platten als tragende Wände versteift und geschlossen wird. Wer mag, kriegt auch Tannen/Fichten- oder Lärchenholzdielen als Beplankung. Neuerer: "Schauen Sie sich doch mal die übliche Wohnwagen-Weißware an, da befindet sich unter einer Kunststoff- oder Aluminiumhaut auch meist nur ein Holzrahmenwerk."

Reichlich Stauraum: Im Küchenschrank mit Induktionskochplatte ist weiterer Platz.
Bild: Bernhard Schmidt
Also das funktioniert. Nun sind wir allerdings von den Caravanherstellern innen mehr gestalterische Raffinesse, ja Modern Style gewöhnt. Die Weiro-Vorführcaravans mit Betten, Küchenzeile, Elektroinstallation, Kunststoff-Schiebefenstern haben dagegen eher den Charme der Pension Gretel mit weißen Wänden und Schlicht-Mobiliar. Das ist okay und wäre perfekt für stationäres Wohnen geeignet. Denn in den voluminösen Schränken steht alles bloß lose herum, und bei der ersten Vollbremsung gibt's da drin die Apokalypse. Das kann man allerdings in Eigenarbeit rüttel- und dynamikfest machen, und auch für den Style gilt: In Sachen Deko und Gemütlichkeit kann man sich ja selbst austoben und daraus ein gemütliches Tiny House im Stil von Peter Lustigs Löwenzahn-Wagen (übrigens auch ein Weiro) machen, oder ein hochmodernes Loft, ein Hexenhäuschen, einen Schäferwagen und so weiter. Ganz nach gestalterischem Mut und Können.

Genaues Packmaß: Die Trittstufe der Eingangstür passt in den Staukasten auf der Deichsel.
Bild: Bernhard Schmidt
Zur Entschuldigung von Weiro sei noch ergänzt, dass die jahrzehntelange Kernkompetenz bei den Bauwagen liegt, deren Inneres kreuznüchtern, robust und leicht abwaschbar zu sein hat. Design und "Schöner Wohnen" ist da nicht gefragt. Thomas Neuerer hat erst im Februar 2025 angefangen, daraus auch eine Art Wohn-, ja Wohlfühlwagen zu machen. Daher befindet man sich bei der Innenarchitektur noch in der Lernphase. "Warten Sie ab, was da noch kommt", sagt der Chef.
Kompaktwagen reicht – meistens
In den kürzesten (3,0 bis 3,7 Meter) und leichtesten Varianten (bis 1500 kg zulässiges Gesamtgewicht) können die Wohnhäuschen von einem Kompaktwagen gezogen werden. Für die größeren sollte man schon einen SUV oder eine Mittelklasselimo vorspannen. Wir probierten einen Audi Q4 e-tron, der mit seinem Drehmoment von 545 Nm über das Anhängsel lässig lächelte. Wobei das schon ein bisschen putzig aussah: ein zeitgeistiger Elektrowagen vor einer Arbeiterhütte!
Womit wir endlich beim ersten Highlight des Weiro-Wagens ankommen: dem Charme seines Auftritts. So ein Bauwagen sieht einfach viel heimeliger und nahbarer aus als die Standard-Weißware der Wohnwagenbranche. Deswegen wird er so gerne als Gartenhaus verwendet oder als billige, wenn auch sehr reduzierte Wohnhaus-Alternative. Er integriert sich locker in den Ortsbestand. Ein Bauwagen, am besten mit Holz-Fassade, ähnlich einem Schwedenhaus, sieht in jeder Landschaft und jedem Dorf niedlich und freundlich aus, zumindest würdevoll wie ein Held der Arbeit und das einfache Leben. Ein üblicher Wohnwagen mit seinem vom Auto inspirierten Tempo-Design und einer Symbolik von Luxus und süßem Nichtstun wirkt dagegen in jedem Ambiente als Fremdkörper.

Schnelles Bauhaus: Ja tatsächlich, man kann und darf damit 100 km/h fahren.
Bild: Bernhard Schmidt
Mit dem Bauwagen assoziiert man schließlich in erster Linie Nutzwert, Langsamkeit, Uneitelkeit, Sensibilität, Schweiß und Fleiß. Warum das so ist, mögen Psychologen ergründen. Daher ist so ein Wohn-Bauwagen auch ein idealer Kandidat für Dauercamping, zumal er mit seinem verzinkten Stahldach tendenziell Wind und Wetter besser trotzt als ein normaler Wohnwagen.
Vom Baustellenbüro zum Reisehaus
Doch die Zeiten, als er bloß langsam als Gewerbehütte von Baustelle zu Baustelle gekarrt wurde, sind nun vorbei. Als Schnellläufer mit einer normalen Kugelkopf-Anhängerkupplung und voll ausgestattet mit Möbeln, Bad, Küche eignet er sich hervorragend auch als Reisewagen für Privatkunden und im Nebenberuf für den Rest des Jahres als talentiertes Gartenhaus.
Freilich duckt er sich nicht gerade schnittig in den Wind. Hinter einem Kompaktauto ist mit drastischem Luftwiderstand und überraschenden Spritkosten zu rechnen. Hinter einem Liefer- oder Kastenwagen dürfte das nicht so ins Gewicht fallen. Also: Schön, dass es diese langlebige, sweete und preiswerte Alternative jetzt gibt.
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