Eines ist sicher: Wer Wingamm fährt, ist schnell im Gespräch. Und ständig. Ganz besonders, wenn es sich um einen Oasi 540.1 handelt. Ob an der Tankstelle, auf dem Stellplatz oder beim Einparken in der Stadt: Über dieses Reisemobil müssen alle reden.
Das liegt vor allem daran, dass der Wingamm Oasi 540.1 so überraschend kurz ist. Seine Proportionen sind so ungewohnt, dass der Auftritt des kleinsten und zugleich erfolgreichsten Modells der italienischen Reisemobilmanufaktur Wingamm schon drollig bis skurril wirkt.

Preis um rund 50 Prozent gestiegen

Skurril wirkt auch ein anderer Faktor: der Preis. Wingamms Kurz-Reisemobil ist unter 108.290 Euro nicht zu haben, viele Extras kommen dazu, Rabatte sind nicht vorgesehen. Das sind rund 50 Prozent mehr als vor drei Jahren, ein mehr als üppiges Plus, das Wingamm wie die gesamte Branche begründet: enormer Druck durch gestiegene Rohstoff-, Energie- und Personalkosten, Fiat langt zu, die Zulieferer tun es.
Überraschend ist der weite Raum im Oasi 540.1.
Bild: Bernd Hanselmann / AUTO BILD
Dennoch ist die Nachfrage nicht eingebrochen, im Gegenteil. Das beweist, dass an dem Konzept eine Menge richtig sein muss. Begehrlichkeiten nach dem Super-Kompakt-Mobil gibt es nicht mehr allein aus den europäischen Märkten: Wingamm fertigt inzwischen den Oasi 540.1 ausgerechnet für den nordamerikanischen Markt – auf gekürzten Dodge Ram Pro Master, dem in Mexiko gebauten Ducato-Derivat, tritt er frech gegen die riesigen US-Mobile an.
Der Markt dort wie hier kennt superspitze Nischen – klein und perfekt für ein sehr fokussiertes Produkt wie den Oasi 540.1, den Wingamm mit viel Aufwand von Hand vor den Toren der norditalienischen Kulturstadt Verona fertigt. Dazu passt, dass sich Wingamm-Kunden oft als Fans sehen: Niemand kauft einen Wingamm zufällig. Und einen extremen Oasi 540.1 schon gar nicht.

Das ist der Wingamm Oasi 540.1

Zunächst ist auch der Oasi 540.1 ein Fiat Ducato, stets das aktuelle Modell mit 140-PS-Motorisierung und manuellem Getriebe. Interessant wirkt er, wenn er vor einem steht: Denn auf lediglich 5,42 Meter Gesamtlänge ist der auf dem Fiat-Serienchassis aufbauende Oasi 540.1 knapp über drei Meter hoch – das sind sogar einige Zentimeter mehr als sein Radstand. Noch mehr als von außen überrascht er allerdings im Inneren: Denn hier bietet er für seinen kurzen Auftritt nicht nur ein faszinierend üppiges Raumgefühl, sondern auch eine überzeugende Stehhöhe von nahezu zwei Metern.
So ein Bett gibt’s nur bei Wingamm: Es schwenkt einfach nach unten oder oben.
Bild: Bernd Hanselmann / AUTO BILD
Wichtigstes Merkmal jedes Wingamm-Fahrzeugs ist seine Kabine aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Sie wird von Hand als Monocoque gefertigt, ist fugenlos und enorm stabil, langlebig und reparierbar. Sämtliche Karosserieteile baut Wingamm mit eigenen Formen selbst – das inkludiert alle Klappen, die Aufbautür und sogar die Scharniere. Gerade sie erlauben einen Einblick in die Philosophie der Marke: Die stabilen, patentierten und inzwischen nochmals optimierten Bauteile stehen als Symbol für den Anspruch, den Wingamm hat.
Diese Scharniere sind nur ein kleines Beispiel für eine Reihe von Verbesserungen, die den Oasi 540.1 von seinem Vorgänger unterscheiden. So hat Wingamm die Aufbautür dezent überarbeitet, ebenso die bündig und unauffällig in die Karosserie integrierten Klappen. Sie lassen sich mit neu geformten Griffmulden noch einfacher öffnen. Wie bisher bereits öffnen und schließen sie komfortabel über die Zentralverriegelung des Autos per Knopfdruck.
Das kleine Bad ist funktional, das Fenster im Heck kostet 450 Euro Aufpreis.
Bild: Bernd Hanselmann / AUTO BILD
Die Standardlösungen aus den Zuliefererkatalogen genügen hier nicht, ebenso wenig wie irgendeine weiße Farbe: Wingamm hat sich in Kooperation mit dem Autolackproduzenten PPG im Jahr 2022 die Rezeptur zu einem eigenen Wingamm Bianco erarbeitet. Das sei keine Eitelkeit, betont Wingamm-Geschäftsführerin Lorena Turri, sondern nötig, weil das originale Fiat-Weiß auf GFK anders reagiere als auf Blech. "Die Kunden haben es vielleicht nicht wahrgenommen", sagt sie, "aber uns hat der Fehler immer sehr gestört."

Das hat der Oasi 540.1

Der Oasi 540.1 kommt mit allem, was zwei Personen brauchen. Es fällt sofort auf, dass der Zustieg hinten rechts den Grundriss nicht stört: Innen verblüfft der außen so kompakte Oasi 540.1 mit erstaunlicher Weite.
Gleich links neben dem Eingang hat Wingamm an der Heckwand den Kleiderschrank platziert, daneben findet sich das Bad mit Toilette. Eine stabile, sauber verarbeitete Tür schließt es gegen den Wohnraum ab, und es kommt ohne besondere Spielereien aus, nur das Dusch-Panel ist schick hinterleuchtet – einen Duschvorhang braucht es dennoch. Auch hier beeindruckt die Fertigungstiefe: Die Duschtasse besteht aus einem von Wingamm selbst gefertigten, enorm stabilen und somit langlebigen GFK-Formstück.
Von der Sitzgruppe aus lässt sich das Gepäckfach ebenfalls erreichen.
Bild: Bernd Hanselmann / AUTO BILD
Über der großzügigen L-Sitzgruppe mit einem verschiebbaren Tisch und der rechts platzierten Küchenzeile – ebenfalls aufwendig verarbeitet und mit einer neuen Rückwand versehen – findet sich Wingamms nächste Patentlösung: das Schwenkbett, das an zwei stabilen Armen montiert ist. Es lässt sich einfach und mit geringem Kraftaufwand nach unten ziehen. Mit 1,97 auf 1,34 Metern bietet es überzeugend viel Platz, die Memory-Foam-Matratze liegt dabei auf einem traditionellen Lattenrost. Sogar die seitlichen Stauschränke lassen sich vom Bett aus nutzen. Allerdings, das ist der Preis dieser Lösung, ist ein Aufstieg via Leiter nötig.
Motorisierung 
MultiJet Euro 6D final 
Leistung 
103 kW (140 PS) bei 3600/min 
Hubraum 
2287 cm3 
Drehmoment 
350 Nm bei 1400/min 
Höchstgeschwindigkeit 
145 km/h 
Getriebe/Antrieb 
Sechsgang manuell/ Vorderrad 
Tankinhalt/Kraftstoffsorte 
90 l/Diesel 
Länge/Breite/Höhe 
5420/2240/3030 mm 
Masse fahrbereit/Zuladung ca. 
2750/750 kg 
Anhängelast (gebremst/ ungebremst) 
2000/750 kg 
Grundpreis/Testwagenpreis 
108.290 Euro / 131.192 Euro 
Auch die Küche ist im Oasi 540.1 nicht beliebig. Wingamm hat hier eine große, weiße Spüle eingelassen, die mehr an ein Landhaus denn ein Wohnmobil erinnert. Wer auf den kleinen Sitz zugunsten einer langen Küche verzichtet (plus 1370 Euro), erhält hier ein opulentes Plus an Arbeitsfläche und Stauraum.

So fährt der Wingamm Oasi

Selbst jeder, der den Ducato gut kennt, staunt am Steuer des kurzen Wingamm. Der Oasi 540.1 gibt sich so knackig, als säße man in einem Sportwagen. Es ist, zumindest im Kontext von Reisemobilen betrachtet, tatsächlich eine Art Gokart-Feeling, das aufkommt. Das liegt nicht nur an der kurzen Gesamtlänge, sondern vor allem an den drei Meter Radstand – das ist das Maß einer Mercedes E-Klasse.
Selbst Serpentinen bringen den Fahrer eines Oasi 540.1 nicht ins Schwitzen. Er eignet sich ideal für alle kurvigen Bergstraßen.
Bild: Bernd Hanselmann / AUTO BILD
Damit tänzelt der Oasi beinahe über Landstraßen, auch wenn sie sich in engen Kurven oder gar Serpentinen einen Berg hochschlängeln. Seine 140 PS wirken agil, nie steht das Auto irgendeiner Fahraufgabe im Weg, nicht einmal in der Stadt: Gibt es keine Höhenbeschränkung, genügt dem Oasi 540.1 in aller Regel ein normaler Pkw-Parkplatz. Er zeigt sich spürbar handlicher als jeder Van, sogar als manches SUV. Mit der optionalen Automatik (plus 3990 Euro) gerät der Umgang mit ihm nochmals spielerischer.
Dazu kommt ein weiteres Merkmal: Dank seines GFK-Monocoque ist der gesamte Aufbau enorm steif. Nichts flext, nichts knarzt oder fiept. Das liegt auch an der kraftschlüssigen Verklebung der Kabine mit dem Fahrerhaus, und sogar die einlaminierten Möbel sind Teil der gesamten Struktur. Das alles zahlt sich auch auf die Langlebigkeit aus: Nicht nur, dass die Oberflächen extrem schlagzäh und hagelresistent sind, sie sind auch immun gegen Feuchtigkeit, weil Risse so gut wie nie auftreten und es aus konstruktiven Gründen keine Fugen gibt.
So steckt im hohen Preis des Oasi 540.1 automatisch eine außergewöhnliche Werthaltigkeit, auch was die Gebrauchtpreise betrifft. Das jedoch war schon vor einigen Jahren so. Nur der Preis, der ist inzwischen förmlich explodiert.

Fazit

Er ist der kleinste aller Teilintegrierten, kostet aber sechsstellig: Ein Oasi 540.1 ist ein Fall für spezielle Wünsche und pralle Geldbeutel. Dafür bietet er ein tolles Konzept, räumlich wie konstruktiv. Direkte Konkurrenz muss der kleine Wingamm kaum fürchten.