Winter-Mythos Allrad
Der große Allrad-Irrglaube

Allradantrieb gilt im Winter noch immer als Sicherheitsgarant. Aber Vorsicht: Auf Schnee und Eis hilft er vor allem beim Anfahren, beim Bremsen und Lenken sieht die Sache aber anders. Warum Allradantrieb bei Schnee und Eis kein Alleskönner ist.
Bild: Toni Bader
Gefahrloses Fahren bei Schnee dank Allrad – dieser Mythos hält sich hartnäckig. Denn der Allradantrieb gilt im Winter noch immer als Sicherheitsgarant. Tatsächlich bietet er durchaus Vorteile beim Anfahren auf Schnee und Eis, etwa an Steigungen oder auf nicht vollständig geräumten Straßen.
Beim Bremsen jedoch spielt die Art des Antriebs keine Rolle. Und auch beim Lenken stößt der Allradantrieb schneller an seine Grenzen, als viele denken. Zwar können zwei angetriebene Achsen in Kurven stabilisierend wirken, doch entscheidend für die Kurvenstabilität sind vor allem die Qualität der Reifen und das Fahrzeuggewicht.

Beim Anfahren auf Schnee hilft Allradantrieb spürbar, beim Bremsen auf glatten Fahrbahnen bringt Allrad dagegen keinen Vorteil. Viel wichtiger ist ein guter Winterreifen, dessen kleine Lamellen sich mit der verschneiten Fahrbahn "verzahnen".
Bild: Anuscha Sonntag / AUTO BILD
Allradfahrzeuge und vor allem E-Autos oft schwer
Viele Allradfahrzeuge bringen zudem deutlich mehr Masse auf die Straße. SUV und moderne Elektroautos mit Allradantrieb wiegen häufig über zwei Tonnen. Diese zusätzliche Masse kann sich auf glatter Fahrbahn negativ auswirken, da beim Verzögern mehr Bewegungsenergie abgebaut werden muss. Das verlängert potenziell den Bremsweg und reduziert die Sicherheitsreserven.

Dierk Möller testet seit über dreißig Jahren Reifen für AUTO BILD. Er weiß, dass das oft hohe Gewicht von Allrad-Autos auf Schnee nachteilig sein kann: "Gewicht kann bei Traktion helfen, doch es drückt dich in der Kurve aus der Bahn. Kommt ein schweres Auto ins Schieben, benötigt der Reifen vor allem eine sichere Seitenführung. Die wird bei unseren Slalomtests genau ermittelt."
Bild: Toni Bader
AUTO BILD-Chef-Reifentester Dierk Möller sieht darin ein zentrales Missverständnis. "Allrad hilft dabei, Kraft auf die Straße zu bringen. Beim Bremsen ist er komplett außen vor. Wenn der Reifen keinen Grip hat, nützt auch der beste Allrad nichts", sagt Möller. Entscheidend sei die Qualität des Winterreifens, seine Gummimischung und die Fähigkeit, auch bei Kälte flexibel zu bleiben. Besonders schwere Fahrzeuge stellten dabei höhere Anforderungen an den Winterreifen.
Physikalischen Grundlagen bleiben für alle Antriebsarten gleich
Moderne Assistenzsysteme und fein regelnde Allradsysteme können zwar helfen, Antriebsschlupf zu reduzieren. An den physikalischen Grundlagen ändern sie jedoch nichts. Besonders leistungsstarke Allrad-E-Autos beschleunigen selbst auf Schnee subjektiv mühelos, was das Risiko der Selbstüberschätzung erhöhen kann. Beim Bremsen gelten jedoch auch für sie die gleichen Gesetzmäßigkeiten wie für jedes andere Fahrzeug – mit dem zusätzlichen Faktor einer besonders hohen Masse.
Allrad sinnvoll in bergigen Regionen
Der Sicherheitsgewinn durch Allrad im Winter beschränkt sich somit auf spezielle Fahrsituationen wie das Anfahren bei geringer Haftung. Vor allem in bergigen Regionen – bereits in Mittelgebirgen wie dem Harz – kann Allrad im Winter eine sinnvolle Option sein. Er erleichtert das Anfahren an Steigungen, reduziert Schlupf und kann den Fahralltag unter schwierigen Bedingungen spürbar stressfreier machen.

In bergigen Gegenden bringt Allradantrieb klare Vorteile, spielt auf steilen, verschneiten Passagen seinen Traktionsvorteil aus.
Bild: Erwin Fleischmann
Eine generelle Überlegenheit lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Wer Allrad mit mehr Sicherheit gleichsetzt, unterschätzt die Bedeutung von Reifenqualität, Fahrzeuggewicht und angepasster Geschwindigkeit. Genau darin liegt die eigentliche Gefahr dieses weit verbreiteten Irrglaubens.
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