Ein "Kurzer" mal anders: "Vergessen Sie alles, was Sie bisher über Korn gehört, gesehen oder geschmeckt haben", sagt Mats von der Feinbrennerei Sasse seinen Besuchern und lässt sie in dem schicken Verkaufsraum ein hellbraunes Destillat verkosten, das verblüffend samtweich die Kehle hinunterrinnt und irgendwie nach Honig schmeckt – oder doch nach weißer Schokolade? Lagerkorn heißt der hochprozentige Gaumenkitzler, der 1987 kreiert wurde. Die lange Reife in Barriques aus Eichenholz erschafft eine Art "Whisky made in Germany".
Dülmener Wildpferde
Das Reservat für Wildpferde im Merfelder Bruch ist fast 400 Hektar groß
Bild: Philipp Fölting, Münsterland e.V.

Korn kippten im Hochmittelalter bereits die Ahnen der Familie Droste zu Vischering, wenn sie auf ihrer trutzigen Burg bei Coesfeld mal wieder zu üppig getafelt hatten. Umliegende Getreidefelder, soweit das Auge reicht, liefern bis heute den hochwertigen Rohstoff für die Destillation. Also fürchtet der Münsterländer keine schwere Kost: weder Eisbein an Sauerkraut noch dicke Bohnen mit Kassler oder gar Töttchen. Das deftige Ragout aus verschiedenen Fleischsorten kommt auch im holzgetäfelten Schankraum des Traditionslokals Altes Gasthaus Leve mitten in der zauberhaften Altstadt von Münster auf den Tisch. Dazu würziges Altbier, gerne von Pinkus Müller. Die Brauerei ist eine der letzten von einst 150 in der Metropole des Münsterlands.

Münsterland: ländliche Idylle und verträumte Dörfer

Gleich vor den Toren der Stadt empfangen ländliche Idylle, beschauliche Kleinstädte, verträumte Dörfer und alteingesessene
Bauernhöfe, deren Kühe noch glücklich und Hühner frei sein dürfen. Wie die Tiere auf dem Büffelhof Kragemann. Mit ihren Riesenhörnern und dem zotteligen Fell machen Wasserbüffel einen wilden Eindruck. Doch sie seien "gutmütig, sensibel, genügsam und robust", beruhigt Bäuerin Silvia Mölders. Um die 100 Rinder gehören derzeit zur Herde. Der eigene Hofladen empfiehlt köstliche Büffelmilchprodukte und cholesterinarmes Fleisch. Wer hier auf dem Stellplatz über Nacht bleibt (siehe Seite 185), kann gleich gegenüber fürs Abendessen und Frühstück einkaufen.
Burg Vischering
Wie gemalt: Mit ihren runden Mauern gilt Burg Vischering als das Ideal einer münsterländischen Wasserburg
Bild: Philipp Fölting, Münsterland e.V.

Selbst abseits des populären Allwetterzoos in Münster (dazu gehört das unterhaltsame Westfälische Pferdemuseum) überrascht das Land mit tierisch guten Erlebnissen. Denn in den Mooren und Heiden des Zwillbrocker Venn leben seit rund drei Jahrzehnten Flamingos in der nördlichsten Brutkolonie weltweit. Alljährlich verbringen die rosaroten Exoten hier den Sommer, die Herkunft der Vögel ist rätselhaft. 
Dafür weiß der Herzog von Croy, dass sich "schon seit Ewigkeiten" auf seinem Besitz bei Dülmen eine Wildpferdebahn befindet, als Naturraum für bis zu 400 Tiere. Um Territorialkämpfe unter den Hengsten zu vermeiden, werden sie einmal im Jahr gefangen und versteigert, ein Riesenspektakel vor begeistertem Publikum – alles für den Erhalt der letzten Wildpferdeherde Europas.
Gezähmt, dressiert und hübsch zurechtgemacht traben dagegen rund 80 Pferde bei der traditionsreichen Warendorfer Hengstparade durch den Sand, auch in Anspannungen vor historischen Kutschen. Für die Erfüllung des hohen Anspruchs bürgt das angesehene Nordrhein-Westfälische Landgestüt.

Wohnmobilreise Münsterland: bei touristischen Kutschenrundfahrten durch die Stadt

In Münster pferd, Pardon, fährt natürlich der ehrwürdige Prinzipalexpress schon längst elektrisch. Die von Kutschern gesteuerten Wagen sind täglich auf den mancherorts kopfsteingepflasterten Straßen unterwegs, ohne Mist zu hinterlassen und lautlos.
Wohnmobil in enger münsterländischen Straße
Keine Angst vor engen Straßen in münsterländischen Ortschaften. Mit dem Sieben-Meter-Tourer kamen wir fast überall bestens durch
Bild: Marcus Gloger

Dafür wird auf dem riesigen Wochenmarkt vor dem Münsteraner Dom – ganz ohne schlechtes Gewissen – Pferdefleisch feilgeboten, zu Wurst verarbeitet oder als Sauerbraten eingelegt. Auch das hat hier Tradition. Die zahlreichen jungen Marktbesucher kaufen lieber an den vielfältigen Obst- und Gemüseständen nebenan ein. Regionale Produkte sind bei ihnen ebenso angesagt wie vegetarische oder vegane Kost.
Knapp 45000 Studierende senken das Durchschnittsalter in der Universitätsstadt spürbar: pulsierende Lebensfreude tagsüber in den engen Gassen am zentralen Prinzipalmarkt, abends in den Kneipen im Kuhviertel rund um den Rosenplatz oder in der angesagten Gastro- und Kulturszene am Nordufer des Stadt-hafens (Hafenweg) und zum Wochenende an den Ufern des Aasees, vor allem an der Adenauerallee. Einem Schwan nachempfundene Tretboote liegen hier zur Miete bereit und erinnern an die fatale Liebe eines treuen schwarzen Trauerschwans namens Petra, die sich offenbar hoffnungslos in ein solch schneeweißes Schwanenboot verguckt hatte und es auf "Schwimm und Tritt" verfolgte. Mehr als zwei Jahre lang, die Unglückliche!
Junge Menschen Münster
Jede Menge los: In Münster leben viele Studenten und sorgen für ein junges Stadtbild
Bild: Marcus Gloger

Da ergeht es den Zweibeinern wohl besser, denn laut Glücksatlas 2022, herausgegeben vom Forschungszentrum Generationenverträge an der Uni Freiburg, sind die Menschen im Münsterland die glücklichsten in ganz Deutschland, noch vor den Schleswig-Holsteinern. Offenbar sind die vielen jungen Leute und massig zur Verfügung stehender Platz, zumindest außerhalb der Münsteraner City, zwei Gründe dafür. 
Da ist es also wieder, das geruhsame Landleben. Man muss nur hinausfahren: gerne auf den schier endlosen Radwegen durch saftige Weiden und fruchtbare Felder. Das Münsterland empfiehlt sich eindringlich als Radregion, die 100-Schlösser-Route ist die Königin aller Touren.

Wohnmobilreise Münsterland: zu Besuch im westfälischen Versailles

Tatsächlich adeln mehr als 100 Schlösser, Burgen, Klöster und Herrenhäuser das Münsterland. Einige sind umgeben von malerischen Wassergräben oder gepflegten Gärten, viele lohnen den Besuch. Hauptattraktion ist Schloss Nordkirchen, gerühmt als westfälisches Versailles und unlängst frisch in Szene gesetzt im Kinofilm „Spencer“ mit Kirsten Stewart als Prinzessin Diana (geb. Spencer). Denn Schloss Nordkirchen "spielt" Sandringham House, wo die Prinzessin Ende 1991 beschließt, ihrer Ehe mit Prince Charles "farewell" zu sagen.
Ob es etwas weniger dramatisch zu Lebzeiten von Annette von Droste-Hülshoff in der spitzgiebeligen Burg Hülshoff zugegangen sein mag? Man kann sich ein Bild machen: Oft legte die schmächtige und kränkelnde Dichterin in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die sieben Kilometer lange Wegstrecke zwischen der Burg und Haus Rüschhaus zu Fuß zurück. Ihren (literarischen) Spuren kann man heute auf dem Lyrikweg mit zehn Stationen folgen.
Korn von Sasse
Prost! Kein Korn kann Kenner wohl mehr überraschen als der von Sasse
Bild: Stefan Huy

Und so geht es weiter: In der eindrucksvollen Anlage der Wasserburg Anholt tischt ein gutes Restaurant fürstlich auf, und hinter dicken Mauern bewahrt das mittelalterliche Kloster Bentlage alte wie zeitgenössische Kunstschätze. Von der über 800 Jahre alten Tecklenburg stehen nur noch Mauerreste, die allerdings bei den alljährlichen Freilichtspielen eine hochdramatische Kulisse abgeben. Unterhalb trumpft die gleichnamige Ortschaft mit ihrem gut erhaltenen Fachwerkensemble um den hübschen Marktplatz als nördlichste Bergstadt Deutschlands auf. Hochstapelei? Keineswegs! Zum Beweis bietet sich von der Sonnenterrasse des historischen Belle-Époque-Hotels "Drei Kronen" aus ein umwerfender Panoramablick gen Süden.
Unterwegs auf gut ausgebauten Landstraßen zeigt die Kleinstadt Gescher, wo die Glocken hängen. Zunächst im Westfälischen Glockenmuseum, anschließend bei Petit & Gebr. Edelbrock, wo Glocken in allen möglichen Größen gegossen und verkauft werden. Sogar der hier zu mietende Fahrradcamper, die "Berkel.Bed.Box", hat eine glocken-ähnliche Form und läutet – eine erholsame Auszeit in der Natur ein.

Reise Münsterland: Veganes in der Alten Fleischerei

Wenn Dirk Kentrup blaumacht, ist er bei der Arbeit und ganz in seinem Element. So einen wie ihn, der sich mit textiler Färbetechnik auskennt, gibt es nur noch selten. Ein westfälisches Traditionshandwerk, das unweigerlich ausstirbt und in der kleinen Blaudruckerei mitten in Nottuln noch am Leben erhalten wird – Personalnot und billigen Asienimporten zum Trotz. Immer wenn Dirk Kentrup Besucher durch den Betrieb führt und mit Herzblut die aufwendigen Arbeitsabläufe demonstriert, leuchten seine Augen wie die bunt bedruckten Stoffe in den Auslagen des angeschlossenen Lädchens.

Bildergalerie

Heidewald-Camping in Sassenberg
Heidewald-Camping in Sassenberg
Münster Camping
Galerie "Camping- und Wohnmobilstellplätze im Münsterland" mit 6 Bildern öffnen
Camping- und Wohnmobilstellplätze im Münsterland

Es lebe der Wandel? Manchmal schlägt er auch Kapriolen. Zum Beispiel in der Alten Fleischerei in Münster. Alles erinnert noch an den Metzger und seine Arbeit, die gelblichen Kacheln an den Wänden, die Fleischerhaken. Ein Gastronom hat in diesem kargen Ambiente seine Chance erkannt: In der ehemaligen rustikalen Metzgerei wird jetzt serviert – ausschließlich Vegetarisches und Veganes. Man muss sich eben nur neu erfinden. Wie schon Kornbrenner Sasse. Prost!