Xpeng G6: Elektrisches SUV-Coupé
Xpeng sticht Tesla aus

Xpeng fackelt nicht lange. Kaum auf dem deutschen Markt, bringt die chinesische Elektro-Marke bereits ihr drittes Modell nach Deutschland. Das SUV-Coupé G6 hat dabei Teslas Modell Y fest im Visier.
Bild: Xpeng
- Tomas Hirschberger
Angriff ist die beste Verteidigung. Frei nach diesem Motto positioniert der chinesische Newcomer Xpeng sein neuestes Modell G6 direkt gegen Teslas Model Y – seit zwei Jahren immerhin das meistverkaufte E-Auto der Welt. Ganz so ambitionierte Ziele hat Xpeng zwar nicht, aber sich an der Nummer 1 zu orientieren, ist nicht so falsch.
Und genau das tut der G6. Von den Dimensionen sind beide nahezu Daten-Zwillinge. Mit 4,75 Metern exakt gleich lang und nahezu gleich hoch. Auch optisch fahren die beiden SUV-Coupés in eine ähnliche Richtung, wobei der G6 mit seinen schmalen Lichterschlitzen vorne und hinten deutlich frischer und wirkt als der bereits etwas angestaubte Tesla.

Der Einstieg in den G6 kostet 43.600 Euro.
Bild: Xpeng
Auch auf die Gefahr hin, dass Elon Musk uns nicht mehr ins Abendgebet einschließt: Vor allem im Innenraum lässt der Chinese den Ami alt aussehen. Okay, vieles hat Xpeng hier von Tesla "abgeguckt" – und dann besser gemacht. Die gute Stube wirkt unglaublich clean und aufgeräumt. Es gibt so gut wie keine Knöpfe, lediglich am Lenkrad zwei kleine Drehwalzen.
Xpeng G6 mit glasklarem 15-Zoll-Touchscreen
Hinterm Steuer sitzt ein digitales 10 Zoll-Display, Tesla verzichtet darauf. Alles Wesentliche wird beim G6 über den kristallklaren, superschnellen und größtenteils selbsterklärenden 15 Zoll-Touchscreen in der Mitte gemanagt. Auch die vier Fahrmodi oder die vier Rekuperationsstufen. Ja, da ist auch viel Spielerei dabei, wer sich darauf einlässt, kapiert schnell, wie der Hase läuft. Kein Wunder, Software ist bei Xpeng das beherrschende Thema, die absolute Kernkompetenz. Einer der Xpeng-Väter war einst Chef bei Chinas Amazon-Pendent Alibaba.
Nicht ganz so prickelnd sind die vorderen Sitze mit eher bescheidenem Seitenhalt oder die arg eingeschränkte Sicht nach hinten. Dafür ist die Ausstattung mega. Der Herausforderer macht die Bestellung für Kunden simpel: Es gibt den G6 in fünf Lackierungen, schwarzes oder weißes Vegan-Leder, zudem eine Anhängerkupplung. Das wars, alles andere ist Serie.

Alles Wesentliche wird beim G6 über den kristallklaren, superschnellen und größtenteils selbsterklärenden 15 Zoll-Touchscreen in der Mitte gemanagt.
Bild: Xpeng
Der G6 ist proppenvoll mit reichlich Assistenten, dazu fährt die Akustik-Verglasung ebenso gratis mit, wie das riesige Panorama-Glasdach, die doppelte Ladestation-Station fürs Handy, elektrische Sitze, 20 Zoll-Alus oder das 960 Watt-Audio System.
Trotz des abfallenden Daches sitzen hinten im G6 auch stattliche Kerle anständig mit reichlich Beinfreiheit, schließlich sitzt der Chef im Reich der Mitte hinten rechts. Der Kofferraum (571-1374 Liter) ist groß genug, allerdings auch kleiner dimensioniert als beim Tesla, einen vorderen Frunk gibt es nicht.
Der entscheidende Unterschied aber ist die Güte der Materialien. Man muss kein Chinafreund sein, um ehrlich einzuräumen: Das ist eine Klasse hochwertiger als bei Tesla. Softe Flächen, teilweise mit modisch dunkelgrauem Stoff bespannt, nackte Plastikflächen, wenn überhaupt, nur im Bodenbereich. Und das Ganze auf den ersten Blick top verarbeitet. Als vertrauensbildende Maßnahme gewährt Xpeng 7 Jahre Garantie (bis 160.000 km).
Xpeng verspricht Reichweiten bis 570 km
Auf die Batterie gibt es acht Jahre. Zwei Akkus sind zur Wahl, mit 66 kWh und 87, 5 kWh. Je nach Modell verspricht Xpeng Reichweiten von 435 bis 570 Kilometer. Dank teurer 800 Volt-Architektur (Tesla hat bislang nur 400 Volt) geht das Laden echt fix. DC-Schnellader powern neue Energie mit fast 300 kW in die von CATL gelieferten Zellen. Dabei bleibt die Ladekurve bis zum Ladestand von etwa 70 Prozent konstant bei über 250 kW. Wir haben es ausprobiert: Das "Nachtanken" von 10 bis 80 Prozent dauert keine 20 Minuten.

Dank der 800-Volt-Architektur soll sich das Laden von 10 auf 80 Prozent in unter 20 Minuten erledigen.
Bild: Xpeng
Kaum länger braucht es, um sich von den Qualitäten des G6 auf der Straße zu überzeugen. Eigentlich schwer zu glauben, dass Xpeng erst 2014 als Startup gegründet wurde. Vor zehn Jahren! Die einzige Kurve, vor der man im G6 Angst haben muss, ist die rasante Lernkurve der Chinesen. Die verläuft gefühlt doppelt so schnell wie noch bei den Koreanern. Denn auch ohne adaptive Dämpferregelung ist der G6 abgestimmt wie ein alter Hase. Nicht zu soft, nicht zu straff und in den Reaktionen weitgehend berechenbar.
Auch die Lenkung gefällt mit ihrer Zielgenauigkeit. Wie es mit der Souveränität ausschaut, wenn man den mindestens 2,5 Tonnen schweren Burschen mal so richtig ins Schwitzen bringt, müssen erste Test zeigen.
Kraft hat der G6 jedenfalls in Überfluss. Die beiden Fronttriebler kommen mit 258 (Standard Range) und 286 PS (Long Range). Die allradgetriebene Top-Version zündet mit 476 PS und 660 Newtonmeter Drehmoment den Asphalt an. Der "Performance" sprintet in nur 4,1 Sekunden auf 100 km/h – und ist damit exakt so spurtstark wie ein 911 Carrera.
Gehen wir an die Kasse. Der Einstieg in den G6 kostet 43.600 Euro - und ist damit bei deutlich besserer Ausstattung 1390 Euro günstiger als der vergleichbare Basis-Tesla. Der "Performance" liegt bei 51.600 Euro, Tesla verlangt für seinen Top-Allradler satte 8390 Euro mehr. Mal sehen, wie lange noch.
Fazit
Objektiv betrachtet baut Xpeng mit dem G6 den moderneren Tesla. Die Ausstattung ist top, der Preis fair, die Fahreigenschaften sind erstaunlich abgeklärt. Dank 800 Volt-Technik fährt Xpeng vor allem beim Laden ein anderes Tempo. Und das ist eine Währung, die in Zukunft mehr zählen dürfte als ein cooles Tesla-Image.
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