Es war im Sommer 2012. Besuch im Trainingslager der italienischen Handbike-Nationalmannschaft in den Dolomiten. Ich, die AUTO BILD-Reporterin, wollte Alex Zanardis Weg zu paralympischem Gold dokumentieren. Einen Tag lang begleitete ich ihn bei seinen Fahrten durch die Berge.
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Einmal verlor ein Reifen Luft. Zanardi stemmte sich aus seinem Handbike, flickte den Schlauch und fing auf dem Asphalt sitzend an zu erzählen. „Bei einem meiner ersten Ausflüge hatte ich einen Unfall und bin aus dem Rad geschleudert worden. Da lief ein alter Mann auf mich zu und schrie: ,Oh mein Gott, Sie sind schwer verletzt.“ Zanardi grinste und deutete auf seine Beinstümpfe: „Meine Prothesen waren abgefallen. Ich lächelte nur und sagte: ,Keine Sorge, ist eine alte Sache.‘“
Diesmal hat das Schicksal den ehemaligen Formel-1-Piloten mit dem schwarzen Humor härter getroffen als damals am Anfang seiner Handbike-Laufbahn. Bei einem italienischen Staffelrennen kam Zanardi am Freitagabend in einer schnellen Kurve auf die Gegenfahrbahn und kollidierte mit einem Lastwagen. Mit dem Gesicht voran. Die Folge: mehrere Frakturen, vor allem aber die Stirn macht den Ärzten Sorgen. Zwei Knochen drückten dort aufs Gehirn. Eine Prognose zu Zanardis neurologischem Zustand wagen die Doktoren im Krankenhaus von Siena nicht.
Er muss also wieder kämpfen, der Alex Zanardi. Sich die Eigenschaft zunutze machen, die ihn weltweit zum Vorbild gemacht hat.
Zanardi ist ein Kämpfer!
Zanardi 2016 bei der Verleihung des Goldenen Rennfahrerschuhs für sein Lebenswerk
Unsere gemeinsame Geschichte begann am 15. September 2001 auf dem Lausitzung. Ich verfolgte den ersten deutschen ChampCar-Lauf als blutjunge Journalistikstudentin von der Tribüne, Zanardi wollte das Oval-Rennen nur vier Tage nach dem 11. September gewinnen. Doch nach seinem letzten Boxenstopp rutschte er auf einer Flüssigkeit in der Boxengasse aus, schleuderte über die Piste und wurde vom Reynard von Alex Tagliani getroffen wie von einem Torpedo.
Der Italiener verlor beide Unterschenkel, viel Blut – aber nicht seinen Mut. Er kämpfte sich zurück ins Leben und sogar zurück ins Rennauto. Als er 2013 die letzten 14 Runden in einem auf Handgas umgebauten Champcar auf dem Eurospeedway zu Ende fuhr, war ich bereits als Praktikantin für AUTO BILD MOTORSPORT vor Ort. Zanardi war auch für mich eine Inspiration, lehrte mich: Gib niemals auf, auch wenn die Aussichten noch so schlecht sind.
Zur Beweisführung quasi, dass alles möglich ist, wenn man es nur will, wurde er wieder zum Wettkämpfer. Er gewann für BMW Rennen in der Tourenwagen-WM, mehrfach paralympisches Gold auf dem Handbike, wurde 2019 als Gaststarter in der DTM Fünfter und absolvierte gemeinsam mit Timo Glock die 24 Stunden von Spa.
Positiv denken, das war und ist das Credo von Alessandro Zanardi. „Ich sehe alles, was mir widerfahren ist, als ein Geschenk“, sagte er mir einst in einem Interview. „Auch den Unfall. Obwohl mir die Wissenschaft keine Überlebenschance gegeben hätte, bin ich hier. Obwohl mein Herz siebenmal stehen geblieben ist und ich für rund 15 Minuten nur noch einen Liter Blut in meinem Körper hatte, habe ich überlebt. Der Fakt, dass ich im Unfallkrankenhaus Berlin eines der besten Ärzteteams der Welt vorgefunden habe; all das waren glückliche Umstände für mich. Deshalb habe ich nie das Gefühl, dass ich etwas verloren habe, sondern ich bin mir bewusst, wie viel Glück ich hatte. Das war ein Tag, an dem ich mein Leben von einer Sekunde auf die andere hätte verlieren können. Doch das ist nicht passiert.“
2016 – ich nicht mehr Praktikantin, dafür aber Redaktionsleiterin – haben wir Zanardi mit dem Goldenen Rennfahrerschuh für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Auch damals verblüffte er das Publikum mit seinem Humor, als er verriet: „Vor meinem Unfall mochte ich kein Bier. Dann bekam ich im Krankenhaus in Berlin viel deutsches Blut – und glaubt mir oder nicht: Jetzt liebe ich Bier!“
Optimismus, Kampfgeist, Lebensfreude – drei Eigenschaften, die Alessandro Zanardi sein Leben lang ausgezeichnet haben. Jetzt braucht er sie mehr denn je.

Von

Bianca Garloff